Achilles' Verse "Toll, Schatz!"

Hinter vielen der 15 Millionen Freizeitläufer in Deutschland steht ein geduldiger Partner, der den Irrsinn aus Training, Verletzungen und Bestzeiten-Hatz liebevoll unterstützt. Eine Hommage an die stillen Helden, die klaglos massieren oder mit "Papa, Du bist der Beste"-Schildern im Nieselregen frieren.

Völlig erschöpft: Freizeitläufer gelangen durch ständiges Lob, unermüdliche Fürsorge und grenzenlose Bewunderung zu Höchstleistung
Corbis

Völlig erschöpft: Freizeitläufer gelangen durch ständiges Lob, unermüdliche Fürsorge und grenzenlose Bewunderung zu Höchstleistung


Deutschland hat viele stille Helden: Pflegekräfte, Kurierfahrer und Callcenter-Agenten. Aber den undankbarsten Job haben Partner von Läufern. In klagloser Hingabe ertragen sie Jammern, eklige Wäscheberge und einsame Wochenenden, weil der Freizeitathlet wieder unterwegs ist zu endlosen Läufen oder einem weiteren sinnlosen Wettbewerb. Elf Gebote, die eine Partnerschaft mit einen Läufer vor dem Ende bewahren - zumindest vorerst.

1. Gebot: Die Traumheldenwelt bewahren

Läufer neigen zu Monologen, vor allem, wenn es um Ausreden geht, warum das angepeilte Ziel diesmal verfehlt wurde. Kluge Partner wissen, dass wahre Liebe schweigt. Also: Hin und wieder ein "Aha" in seinen Redefluss werfen, ein zartes "Interessant" hineintupfen oder ein affirmatives "Natürlich". Auf keinen Fall in ganzen Sätzen antworten. Dann käme er aus dem Tritt, seine Traumheldenwelt wäre zerstört.

2. Gebot: Laufen total wichtig finden

Stellen Sie nie die Sinnfrage! Erkundigen Sie sich niemals, was so toll daran sein soll, mit Stirnlampe durch Eisregen zu rennen, warum ein 4359. Platz auf der "Achilles Läufer Liste" ein Erfolg sein könnte oder ob dieses sündteure Amino-Präparat tatsächlich hilft.

3. Gebot: Loben

Laufen ist gut, immer, ob Training, Wettkampf oder Röchelübungen mit dem Atemtrainer. Hier ein aufmunterndes "Toll", dort ein kleines "Prima". Und immer schön mit dem Energieriegel winken - schon ist der Hobby-Renner glücklich.

4. Gebot: Sich weiterbilden

Gute Beziehungen brauchen gemeinsame Themen. Wobei der Läufer als "gemeinsam" definiert, was vor allem ihn interessiert. Liebevolle Partner legen das Sudoku zur Seite und studieren stattdessen Fachlektüre wie das Magazin "Running", die Newsletter der international renommiertesten Orthopädie-Fakultäten sowie Bücher mit heiteren Laufkolumnen. Eröffnen Sie einfach mal das Abendbrot mit einem Debattenbeitrag über die Vorzüge des Hochintensitätstrainings und würzen Sie das Liebesspiel mit schlauen Anmerkungen zum Maximalpuls.

5. Gebot: Interesse für belanglose Zahlen entwickeln

Der Läufer dokumentiert jeden gelaufenen Meter in Tabellen und Diagrammen. Was normale Menschen für einen Haufen nutzloser Information halten, sollte der Laufpartner unbedingt hochspannend finden. Kleine sachkundige Bemerkungen wie "Toll, wie konstant dein Puls heute bei den Bergläufen war", zeigen dem Hobby-Athleten, dass zu Hause ein einfühlsamer Mensch wartet.

6. Gebot: Medizinische Grundkenntnisse aneignen

Laufen heißt verletzt sein. Idealerweise wartet der Partner bereits an der Wohnungstür mit Salben, Binden und Krücken. Wer seinem Liebling nie eine Blutblase aufstach, wer nie Sexpause wegen Rücken ertrug, der weiß nicht, was wahre Liebe ist.

7. Gebot: Platz im Wäscheschrank freiräumen

Früher machten wir Witze über Frauen und ihren Schuhtick. Geschichte. Klaglos schafft die Liebste Pumps und Ballerinas in den Keller, damit der Herr des Hauses auch das 23. Paar Spezialschuhe mit Spezialsohle griffbereit hat.

8. Gebot: Platz im Küchenschrank freiräumen

Ackerschachtelhalm, Aminos, Magnesium, Kalzium, Eisen, Epo - derlei lebenswichtige Nahrungsergänzungsmittel werden stündlich und in großen Mengen eingenommen, weshalb die Küche eher einem Fachgeschäft für Bodybuilder-Bedarf ähnelt als dem emotionalen Zentrum einer glücklichen Familie.

9. Gebot: Platz im Medizinschrank freiräumen

Weil nicht alles in die Küchenschränke passt, wird das verschreibungspflichtige Zeug im Bad gelagert. Hinfort also mit dem ganzen Homöopathie-Klimbim und Platz frei für Pharma-Keulen wie Entzündungshemmer, Schmerzmittel und Viagra, was wegen seiner durchblutungsfördernden Eigenschaften gern genommen wird. Etwaige Nebenwirkungen werden weggelaufen.

10. Gebot: Erziehungskonzepte anpassen

Kinder sind der Feind jedes systematischen Trainings, das Internat die einzig vernünftige Antwort. Ein pädagogisch kundiger Partner weiß indessen, Familie und Sport zu integrieren. Zum Beispiel hilft ein kleiner Altar im Wohnzimmer, mit einem Sportfoto von Vati, idealerweise am Start, weil er da noch halbwegs frisch aussieht. Bei Kleinkindern unbedingt ein ungewaschenes Laufhemd als Kopfkissenbezug verwenden, damit sich die Kleinen früh an den beißenden Geruch in der Bude gewöhnen.

11. Gebot: Urlaubspläne knicken

Jeder Partner eines Läufers sehnt sich nach erholsamem Urlaub. Mit einem Läufer sind klassische Ferien unmöglich, denn der kluge Freizeitsportler erholt sich bei der Arbeit. Im Urlaub wird trainiert und zwar mindestens dreimal am Tag. Zum gelungenen Ferienaufenthalt braucht der Sportler ein Stadion mit 400-Meter-Bahn, ein Entmüdungsbecken, eine belebte Innenstadt wegen der Zuschauer sowie einige attraktive Wettbewerbe im Umkreis. Das Ruhrgebiet erweist sich hier als idealer Standort. Also nächsten Sommer ein schickes Kongresshotel im Großraum Duisburg buchen, mit Wellness-Bereich. "Da wollten wir doch immer schon mal hin, Schatz."

Mehr lustige Läufergeschichten gibt's im neuen Buch von Achim Achilles. "Keine Gnade für die Wade" ist ab 11.11. erhältlich.



insgesamt 19 Beiträge
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Tomaire 05.11.2013
1. Ist das ein Sport?
Warum sollte Rennen eigentlich ein Sport sein? Kann jeder, konnte schon immer jeder, können sogar die meisten Tiere, und meist besser als jeder Mensch. Und warum braucht man über etwas, was wirklich jeder kann, eine Sportkolumne? Wie wäre es denn z.B. mal mit Golf? Zu schwierig?
mm71 05.11.2013
2.
Zitat von TomaireWarum sollte Rennen eigentlich ein Sport sein? Kann jeder, konnte schon immer jeder, können sogar die meisten Tiere, und meist besser als jeder Mensch. Und warum braucht man über etwas, was wirklich jeder kann, eine Sportkolumne? Wie wäre es denn z.B. mal mit Golf? Zu schwierig?
Zählen Sie doch mal schnell die Tiere auf, die einen Menschen auf der Marathondistanz schlagen würden.
rapture 05.11.2013
3. Nagel auf den Kopf getroffen!
Herzhaft gelacht. Kommt mir alles sehr sehr bekannt vor...
schwarzwald67 05.11.2013
4.
Zitat von TomaireWarum sollte Rennen eigentlich ein Sport sein? Kann jeder, konnte schon immer jeder, können sogar die meisten Tiere, und meist besser als jeder Mensch. Und warum braucht man über etwas, was wirklich jeder kann, eine Sportkolumne? Wie wäre es denn z.B. mal mit Golf? Zu schwierig?
Ganz einfach....Wenn man Sex hat, ist Golf (noch) kein Thema.
eagle111 05.11.2013
5. optional
golf ist wohl alles andere als "sport". bestimmt gehört viel technik dazu, aber für mich gehört immer noch körperliche anstrengung dazu. jetzt sagen sie bitte nicht, dass golf anstrengend sei! auch dem simplen bewegungsmuster des laufens kann man etwas abgewinnen: finden Sie es nicht beeindruckend, wenn ein Mensch 400 Meter in unter 44 sec. läuft? wahrscheinlich nicht, weil viele menschen diese leistung gar nicht einordnen können bis sie sich vielleicht selbst einmal daran versucht haben.
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