Achilles' Verse Lieber Onkel Achim, eines Tages kriege ich dich

Ach du Schreck! Wunderläufer Achim Achilles versucht sich als Ausbilder seiner Nichte Anna: Alt gegen Jung, Mann gegen Mädchen, Leistungswahnsinniger gegen Underperformerin. Beim ersten Training wird kein Konflikt ausgelassen.

Jung gegen Alt: Achim erklärt unentwegt - Anna will's nicht hören
Christine Scholz

Jung gegen Alt: Achim erklärt unentwegt - Anna will's nicht hören


Ich hasse meinen Onkel. Seit einer halben Stunde joggen wir durch den Grunewald. Ja, wir joggen. Denn laut Achim hat meine Art der Fortbewegung wenig mit Laufen zu tun. "Jeder Walker ist schneller als du", schimpft er. Kann der Mann nicht einfach still sein? Während ich leise vor mich hin fluche und Achim die allerschlimmsten Muskelkrämpfe an die Waden wünsche, frage ich mich, warum ich mir das antue.

Vor kurzem bin ich nach Berlin gezogen. Seitdem nervt mich mein Onkel ständig. Ist ja nett von ihm, dass er sich um mich kümmern will, aber ich bin alt genug. Reicht schon, dass meine Eltern jeden Tag anrufen, um sich zu vergewissern, dass ich noch lebe. Großstadt, da lauern an jeder Ecke Gefahren. U-Bahnen, Drogen, noch schlimmere Drogen. Gut, dass mein Onkel auf mich aufpasst. Hier im Grunewald kann ich höchstens von einem Ast erschlagen oder einem Wildschwein überrannt werden.

Letzte Woche war ich bei Achim zum Essen eingeladen. Da hat er mir ernsthaft Jägermeister mit Red Bull angeboten. "Flying Hirsch" nannte er das und kam sich unglaublich cool vor. Naja, was soll man auch erwarten von einem Mann, der Medaillen und Startnummern sammelt. Okay, wenigstens ein paar ratsame Tipps, was das Laufen angeht, hatte ich mir erhofft. Stattdessen nur dieser verächtliche Blick, als ich von meinen Knieschmerzen angefangen habe.

Durschnittswald statt Szeneviertel

"Anna, man kann auch beim Laufen einschlafen". Jaja. Irgendwie hatte ich mir die gemeinsame Tour mit Achim anders vorgestellt. Mehr hippes Kreuzberg mit abgewetzten Ledersesseln und Club Mate trinkenden Touristen. Stattdessen befinde ich mich in einem Durchschnittswald, in dem es langweiliger nicht sein könnte, und muss auch noch rennen.

Ich bin nicht unbedingt unsportlich. Okay, Bundesjugendspiele habe ich gehasst. Vom Schwimmunterricht bin ich traumatisiert, seit meine Sportlehrerin mir sagte, ich würde wie ein Hund schwimmen. Für Jazzdance war ich nicht beweglich genug, und die Rock'n'Roll-Gruppe wurde wegen fehlender Teilnehmer eingestellt. Aber in Tennis war ich gar nicht so schlecht. Gut, ich habe jedes Match verloren, aber es geht ja um Spaß, oder nicht?

"Annaaa, du langsame Schnecke", ruft Achim und hüpft fröhlich wie ein Flummi auf und ab. Spätestens jetzt würde ich ihm gern eine reinhauen, wenn ich die Faust heben könnte. Mein Körper hat aber gerade mit anderen Problemen zu kämpfen. Ich keuche, habe Seitenstechen, und mein Knie schmerzt. Was ist im Leben meines Onkels bloß schiefgelaufen? Niemand in unserer Familie hat so einen Knall wie er. Ich glaube, er will nicht einsehen, dass er alt wird. Deshalb trainiert er wie ein Bekloppter. Erst Marathon, dann Triathlon, nächstes Jahr will er an der Quadrathlon-WM teilnehmen. Was will er sich beweisen? Und wie er immer rumläuft: in diesen albernen, viel zu engen Laufklamotten. Heute trägt er eine schwarze Mütze, mit der er aussieht, als wolle er bei einem Hiphop-Battle auftreten. Achim, das Ghetto-Kid. Damit erschreckt er höchstens ältere Damen, die im Grunewald spazieren gehen. Aber mich hat er ausgelacht, weil ich lilafarbene Schuhe trage.

Achims neues Opfer

Ich habe keine Lust mehr. Seit einer gefühlten Stunde traben wir durch den Wald. Am liebsten würde ich umkehren. Aber wie sähe das aus? Abgehängt vom Onkel, der doppelt so alt ist. Außerdem habe ich keine Ahnung, wo ich hier bin. Mit meiner genialen Orientierung würde ich bestimmt heute Abend noch im Grunewald umherirren. Scheiße, ohne mein Smartphone bin ich aufgeschmissen. Ich hole tief Luft und sage mir: Anna, los jetzt.

"Na endlich legste mal einen Zahn zu", kommentiert Achim meine schnelleren Schritte. Er kann es nicht lassen. Ständig muss er auf anderen herumhacken. Golfer sind Mitläufer in Polohemden, E-Biker verpesten die Radwege und Walker gehören sowieso abgeschafft. Jetzt hat er ein neues Opfer gefunden: mich. Muss ja ein Traum sein, endlich kann er seine sadistische Ader ausleben, indem er mich durch den Wald scheucht. Aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen.

"Schnauze, Onkel", gebe ich zurück. Er verzieht das Gesicht. Er hasst es nämlich, "Onkel" genannt zu werden, weil er sich dann alt fühlt. Du wirst schon sehen, mein lieber Onkel Achim, eines Tages kriege ich dich.

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insgesamt 3 Beiträge
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BettyB. 19.11.2013
1. Dummbeutel haben Namen
Wenn jemand so alt und unerträglich ist, sollte man ihn mit süffisanter Stimme Onkelchen nennen. Hilft... Wirklich... Ach Onkelchen, auch bei Dir...
opeongo 19.11.2013
2. Muss es denn Laufen sein???
Liebe Anna, probier's doch mal mit Inline-Skaten: geht nicht auf die Knie, dafür auf Spaß- wie auf Sportlevel, findet auf anständigen (na ja ...) Straßen statt, die Jungs und Mädels sind nicht so spaßbefreit wie viele Läuferlein (sorry, folks ...) und Onkelchen hat vor einigen Jahren einen doch leicht neidischen Artikel geseufzt zu den knackigen Podexen, die auf Tuchfühlung in Höchstgeschwindigkeit durch die Stadt fegen. Vermutlich würde er in echten Eifersuchtswahn ausbrechen - und wie sich dass dann auf die Trainingseinheiten auswirken wird ... Herzlichen Gruß von einer rollenden Laufverweigerin
asentreu 19.11.2013
3. Ach Anna
Lass dich von deinem Onkel nicht einwickeln! Wo ist denn beim Laufen die Herausforderung? Die meisten können es bereits vor dem 1. Geburtstag und tun es immer, streng genommen ist es als ob atmen jetzt Ausdauersport wäre oder Stuhlgang haben Kraftsport. Ich weiß ja dein Onkel hat sich da eine komische Religion draus gemacht. Aber mach doch lieber etwas was DIR Spaß macht, Bewegung ist wirklich nicht verkehrt, Sport schon gar nicht, also probier einfach vieles aus, es wird sicher was für dich dabei sein.
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