Achilles' Verse Sauna unterhält besser als Dschungelcamp

Wer sich für die Psyche des Menschen interessiert, sollte in die Sauna gehen. Dort trifft Wunderläufer Achim Achilles auf einen Muskelprotz ohne Hals, zwei Eso-Frauen bei Atemübungen und einen Mann mit Fußpilzproblemen. Teil zwei der Saunagäste-Typologie.
Saunieren ohne Stress: Wohl dem, der eine Sauna zu Hause hat

Saunieren ohne Stress: Wohl dem, der eine Sauna zu Hause hat

Foto: Corbis

Ja, ich gestehe: Ich war noch mal da.

Sauna macht süchtig. Die Hitze ist lästig, aber das Entertainment ist besser als Dschungelcamp: ein Dutzend schräger Vögel, die sich freiwillig nackig fast auf dem Schoß sitzen. Wer gegen Massentierhaltung ist, kann das kollektive Geschwitze nicht mögen. Wer sich aber für die Psyche des Menschen interessiert, der wird hier fündig. Alle bekloppt, außer mir natürlich. Aber wahrscheinlich denkt das jeder in diesem fichtenvertäfelten Menschenzoo. Hier ein paar Typen, die stets für gute Unterhaltung sorgen.

Eso-Elke und Ingwer-Inge

Machen gemeinsam Atemübungen. Elke bearbeitet ihre Chakren zärtlich mit einen Kirschkern-Massageroller, den sie zuvor in linksdrehenden Bachblüten gebadet hat. Inge macht einen außerplanmäßigen Aufguss mit ihrer selbstgebrauten Chia-Ingwer-Essenz, nachdem sie Elke um Erlaubnis gefragt hat. Leider nur Elke. Es knistert und qualmt. Der Rest der Saunierer ringt nach Luft, die beiden Damen sind längst nach draußen. Ich schlage zur Klimaverbesserung einen spontanen Kölsch-Aufguss vor. Wenig Lacher.

Backpflaumen-Bärbel

30 Jahre Solarium, 40 Jahre Nikotin-Missbrauch und 50 Jahre Diätwahn haben die Haut der Dame in feinstes Pliseé gelegt. Sie quält sich, wahlweise auf der Sonnenbank, auf der Waage oder eben am Saunaofen. Aber auch ihre Umgebung muss leiden unter einem zarten Duftmix aus Dutyfree-Parfum und Light-Zigaretten. Belohnt sich daheim mit einem opulenten Salatblatt-Achtel an Bergquellwasser-Dressing.

Wehrmachts-Werner

Er betrachtet die Schwitzerei als Prüfung für echte Kerle . Brüllt "Tür zu", sobald jemand den Holzknauf berührt. Sitzt auf der obersten Bank und pfeift. Ist es Marschmusik aus drei Jahrhunderten oder wird er langsam gar? Hält tapfer aus, bis die Uhr durchgelaufen ist. Stirbt, wenn der Sand im Röhrchen verklumpt. Sprintet ins Freie und wälzt sich im Schnee, Motto: "Gegen Stalingrad ist das Kindergeburtstag."

Mucki-Manfred

Seit 20 Jahren damit beschäftigt, den Oberkörper aufzupumpen. Praktisch halslos, da seine Muskeln in einer Schräge vom Ohrläppchen zum Schultergelenk verlaufen; so perlt der Schweiß auch besser ab. Peinlich bemüht, auch die kleinsten Bewegungen unter Anspannen möglichst vieler Muskelgruppen auszuführen, zum Beispiel das spitzfingrige Zurechtzupfen des Handtuchs. Das Problem ungehemmter Muskelzucht: Rein optisch schrumpft der Stolz des Mannes, wenn ringsum gewaltige Körpergebirge ihre Schatten werfen. Und schon grient der Läufer-Leptosom: Am Knochengestell wirkt selbst ein Spaghetti-Rest imposant.

Opfer-Olga

Frühpensionierte Beamtin, mit Goldkette, Goldarmband, Goldohrringen behängt. Beschwerdeschwatzen ohne Luftholen: über den Austernmangel auf der letzten Karibik-Kreuzfahrt , den ungepflegten Rasen beim Golf-Seminar in Miami, die karge Rentenerhöhung neulich und vor allem die jungen Leute, die überhaupt nicht würdigen, dass sie Deutschland praktisch allein wieder aufgebaut hat nach dem Krieg. Zustimmendes Nicken der Generation Ü60.

Intervall-Ingo

Hat offenbar sein Tempo-Training in die Schwitzhütte verlegt. Rennt alle drei Minuten aus der Hitze, stretcht sich dampfend 90 Sekunden auf dem Eis der Terrasse und kehrt bibbernd zurück in die Wärme. Ist leider immer schon weggespurtet, bevor man ihn anmaulen kann.

Pilz-Peter

Betrachtet die Sauna als privaten Pediküre-Salon. Pult zuerst hingebungsvoll die Flusen aus den Zehenzwischenräumen, um dann ein paar Lagen Haut von den Dornwarzen zu pellen. Ignoriert den schwelenden Pilz am großen Zehnagel, dessen Wölbung genügend Platz böte, den Spindschlüssel darunter zu schieben.

Textil-Dings

Weil in dieser Kolumne niemals diskriminiert wird, verschweigen wir Namen, Kulturkreis und Geschlecht dieses Wesens, das in Badekleidung die Sauna betritt, den Restkörper mit weiteren Handtüchern umwickelt. Ob das gegen die Hitze hilft? Textil-Dings ignoriert das Gemurre von Bärbel, Peter, Werner und Olga von wegen "unhygienisch". Zu Recht: Warum sollte Kunstfaser ein Problem sein, solange ein Handtuch auf dem Holz liegt und nachher gebraust wird? Was aber, wenn es die lange Jogginghose ist? Eine Rocky-Technik, um Gewicht zu verlieren? Oder einfach Ökonomie? Sport ist ja wie Sauce, da schwitzt man gern mal an. Muss man in der Sauna einfach weitermachen. Und hinterher alles gemeinsam duschen, da spart man sich sogar die Waschmaschine.

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