Achilles' Verse Quatschen beim Sightseeing-Lauf

Laufen mit Gleichgesinnten: Nachdem Anna ihren ehrgeizigen Onkel Achim Achilles abgeschüttelt hat, rennt sie mit zwei Frauen. Dabei wird so viel über Männer, Mode und Rezepte gequatscht, dass sie sich schon bald nach Ruhe sehnt.

Nicht allein joggen: Während des Laufens lässt sich so einiges bequatschen
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Nicht allein joggen: Während des Laufens lässt sich so einiges bequatschen


"Auf geht's, Manni", rufe ich, und Lea gibt Gas. Der Fahrtwind peitscht uns ins Gesicht. Schlotternd sitze ich hinter meiner Mitbewohnerin. Mit ihrem Moped Manni düsen wir in Richtung Berlin-Mitte. Dort wollen wir unsere Laufrunde starten. Gemeinsam mit Sarah sind wir zu einem Sightseeing-Lauf verabredet, vorbei am Brandenburger Tor, zum Potsdamer Platz, über die Friedrichstraße, zur Siegessäule und zurück.

Das gemeinsame Laufen mit Onkel Achim hatte sich aufgrund unüberbrückbarer Differenzen vorerst erledigt - ich laufe nicht vor dem Mittagessen, er nur frühmorgens, ich will mich nett unterhalten, er sich nur lustig machen über meine pinkfarbenen Schuhe, ich will gemütlich joggen, er den Ü-40-Grunewald-Rekord brechen - kurzum: Ich habe mich nach neuen Laufbekanntschaften umgesehen und Sarah kennengelernt.

Reden und laufen

Sarah ist Berlinerin. Sie läuft seit einem halben Jahr, also ein halbes Jahr länger als ich, und trägt gern pink. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Sie war entzückt von meinen Laufschuhen, die im Dunkeln reflektieren, und ich war froh, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich mithalten und gleichzeitig reden konnte.

Lea bremst. Die Ampel vor uns ist rot. "Alles klar?", fragt sie mich. Ich kauere hinter ihr, die Schultern zusammengezogen und nicke. Das ist eine Lüge. Nichts ist klar. Ich friere. Und das, obwohl ich drei T-Shirts, zwei Wollpullis, eine windabweisende Jacke, den gestrickten Schal von Mama und Fäustlinge trage. "Du hättest dir noch eine Jeans über die Jogginghose überziehen sollen. Ich hab's dir gesagt", schimpft meine Mitbewohnerin. Sie legt ihre Hände auf meine Knie und fängt heftig an zu rubbeln. Lea ist unsere WG-Mutti. Sie backt den leckersten Bananenkuchen der Welt, kocht bei Liebeskummer chilenischen Kakao und greift auch mal mit der bloßen Hand in den verstopften Duschabfluss, um daraus allerlei ekligen Haarbrei zu entfernen. Aber mich zu wärmen, schafft selbst sie nicht. Ich bin zwar keine Rechenkünstlerin, aber eigentlich hatte ich es schon geahnt: 50 Stundenkilometer bei 0 Grad Celsius ergibt eine Temperatur des Fahrtwindes von: kalt. Ja. Ich hätte mir eine Jeans über meine Jogginghose ziehen sollen.

Lieber nichts sehen als Tränen in den Augen

Die Ampel wird grün. Zumindest vermute ich das, sehen kann ich nämlich nichts unter meiner Sonnenbrille, die ich noch schnell im Wohnungsflur beim Hinausgehen von der Kommode geschnappt und aufgesetzt habe. Der Sichtschutz meines Helms ist abgebrochen. Und auch wenn es draußen schon dunkel ist: Nichts sehen ist mir lieber als tränende Augen. Sicher, wir hätten auch die S-Bahn nehmen können. Wäre wärmer gewesen, aber dafür auch nicht so spektakulär dämlich.

Sarah wartet schon am sowjetischen Ehrendenkmal. Schnell parken wir Manni auf dem Bürgersteig. Ich versuche, sämtliche T-Shirts und Pullis auf einmal auszuziehen, verheddere mich aber in den Ärmeln und brauche Leas Hilfe, um mich aus den Klamotten zu befreien. Dabei zeigt sie auf das T-Shirt, das ich trage: Achims No-Walker-Shirt. "Was soll das eigentlich bedeuten?", fragt sie. "Ach, ist so ein Witz von meinem Onkel", antworte ich.

Auch wenn Manni ein heißer Feger ist, ein abschließbares Gepäckfach besitzt er nicht. Ich stopfe alle Klamotten in einen Jutebeutel. Krieche hinter einen Hagebuttenstrauch und verstecke den Beutel in den Ästen. Lea überprüft, ob uns jemand dabei beobachtet. Hat schon was Agentenhaftes.

Männer als Studienfach

Dann geht's los Richtung Brandenburger Tor. Unsere Jogging-Tour verläuft anfangs sehr harmonisch. Wir laufen alle drei im Gleichklang nebeneinander. Keine will die Erste sein, niemand sich hervortun. Sehr angenehm. Irgendwann erzählt Lea von ihrem Studienfach Bekleidungstechnik. "Im Ernst?", fragt Sarah, "man kann Schuhe und Handtaschen studieren?" Wild gestikulierend dreht sie sich in Richtung Lea, und fast bekomme ich ihren Arm ins Gesicht. "Warum weiß ich das nicht?", wundert sie sich kopfschüttelnd. Sie habe immer Männer studieren wollen. "Aber das gibt's ja auch nicht als Studienfach", sagt sie und verzieht die Miene. "Ja, weil das keiner erfolgreich abschließen kann", antwortet Lea. Unauffällig lasse ich mich ein paar Schritte zurückfallen und tue so, als müsste ich mir die Schuhe binden. Ich murmle was von "Bin gleich wieder da" und hoffe, dass uns niemand gehört hat.

50 Minuten später sind wir zurück bei Manni. Unglaublich, wie viele Gesprächsthemen man in sechs Kilometern abdecken kann: sämtliche Ex-Freunde von Sarah, Leas silikonfreies Shampoo und Linsensuppe.

Unsere Jutebeutel liegen noch immer im Gebüsch. Das No-Walker-T-Shirt ebenfalls. Leider. Dabei hatte ich es extra hübsch auf einem Ast drapiert. Aber wer will das schon.

Das Alt-Herren-Gerede von Onkel Achim ist nicht zu ertragen. Das Mädels-Geschnatter - so gern ich Lea und Sarah habe - auf Dauer leider auch nicht. Vielleicht sollten wir das nächste Mal zu viert laufen. Dann können die anderen labern und ich einfach nur in Ruhe laufen.



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