Achilles' Verse Typologie der Lauf-Junkies

Vergesst Kokain, Ketamin und Club-Mate. Die beste Droge ist Adrenalin. Jedes Wochenende treffen sich die Fans des ganz legalen Läuferkicks am Start irgendeines Wettrennens, sie faseln Wirres, starren ins Leere, erleben kolossale Farbflashs. Eine Auswahl der besten Sport-Junkies.
Halbmarathon in Berlin 2013: Buntes Gemisch von Teilnehmern

Halbmarathon in Berlin 2013: Buntes Gemisch von Teilnehmern

Foto: Hannibal Hanschke/ picture alliance / dpa

Der Debütant:

Schwere Augenränder, seit Tagen nicht mehr geschlafen. Die Droge hat ihn in einen Zombie verwandelt. Jacke an. Jacke aus. Zum vierten Mal Anstehen in der Klo-Schlange. Immer wieder Streckenplan  konsultieren. Paranoides Umdrehen, wenn irgendwo einer lacht.

Die Kampf-Else:

Sie ist zu klein. Sie ist zu muskulös. Sie ist zu braun. Sie ist zu stark geschminkt. Sie guckt zu böse. Sie ist zu tätowiert. Ihr Zopf ist zu streng geflochten. Sie ist zu knapp bekleidet. Sie ist zu schnell. So übervoll mit Adrenalin, dass sie eine Rotte sibirischer Holzfäller mitversorgen könnte.

Der Veteran:

Der Stammesälteste unter den Laufindianern. Sitzt ruhig in einer Ecke, streift das über die Jahre grau gewaschene Ron-Hill-Hemdchen über den knochigen Leib, pellt die Karhu-Schuhe von 1981 aus der Plastiktüte und genießt schweigend die LSD-artigen Farbexplosionen der Neonheimer ringsum, während er gemächlich seine bläulichen Storchenbeine dehnt.

Der Funkpfosten:

Handy im rechten Armhalfter, Musikplayer im linken, GPS-Uhr am Arm, Pulsgurt um die Brust, Kopfhörer in die Ohren getaped. Hibbelt umher, weil seine Akkus eine Steckdose brauchen. Inoffizieller Mitarbeiter der NSA, weil er sämtliche Körperdaten auf Facebook überträgt. Optimiert die Wirkung des Adrenalins mit Elektrosmog.

Das Paar:

Klarer Fall von Love-Flash. Er trägt Zebra-Leggins wie sie, sie die gleiche Latrinenfliegenbrille wie er. Damit auch alle den peinlichen Partnerlook sehen, streifen sie Hand in Hand zum Start, um die ganze Strecke nebeneinander zu laufen, auch wenn sie deutlich fixer ist. Wie breit muss man sein, um sich "Hasi" und "Mausi" auf die Fingerrücken zu tätowieren?

Der Lauftreff:

Giggeln wie kiffende Teenies im Strandbad, übertreffen sich mit Horrorszenen über steile Strecken, reibendes Textil und verpasste Bestzeiten. Pressen sich Guarana-Gel in den Magen und fantasieren vom Rotkäppchen-Besäufnis im Ziel.

Der Knutscher:

Einer der wenigen Männer im Lauftreff, nicht mehr ganz jung, nicht mehr ganz fit, aber spitz wie Bohlen. Lässt sich hemmungslos bewundern, erklärt bereitwillig die Start/Stop-Funktion der Pulsuhr und nimmt auch sonst jede Chance wahr, an den Damen zu schrauben. Zusatzdrogen: Reste von Testosteron und ein Aftershave, das umgehend bewusstlos macht.

Die Barbie:

Erbärmlich mager, Oberarme wie eine Fledermaus, Klamotten in Rosa mit Hello-Kitty-Motiv. Drängelt sich mit den Debütanten in der Schlange vorm Klo. Mehrfaches Erbrechen vor dem Start optimiert das Wettkampftempo ja auch. Einzige Nahrungsmittelverträglichkeit: Adrenalin.

Der Ex-Junkie:

Früherer Läufer, der den Entzug hinter sich hat. Flashbacks von früheren Bestzeiten, an die sich sonst keiner erinnert. Mangels abgeschlossener Berufsausbildung ein Leben als Personal Coach. Redet humpelnd von der Liebe zum Laufen. Hat Adrenalin durch Dosenbier ersetzt.

Entspannt vom Start bis ins Ziel mit dem richtigen Trainingsplan .