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09. Juni 2015, 11:55 Uhr

Achilles' Verse

Halt die Klappe, Uhr

Der Läufer, nur ein Sklave der Technik? Wer mit Activity-Tracker und GPS-Power am Handgelenk unterwegs ist, erfasst jeden Schritt. Aber wehe, die Uhr zeigt nicht das an, was sich der Athlet wünscht. Achim Achilles trickst die Technik einfach aus.

Sag's schon, du dummes Ding! Zeig mir endlich, wie toll ich bin! Los, sprich mit mir! Ich kann doch nicht schon wieder drücken, zweimal rechts unten, so wie achthundertmal heute. Unter dem Menüpunkt "Heutige Aktivität" zeigt meine Sportuhr einen Balken und eine Prozentzahl. Grundregel: Nur an Tagen mit Sport erreicht man 100 Prozent. Dann lobt die Uhr.

Am besten sind Morgenläufe, da wird schon vor acht Uhr gelobt. "Du hast dein Ziel erreicht." Ein großer Satz, ein historischer Satz, so wie "Ich bin ein Berliner" (Kennedy) oder "Ich nicht" (Seehofer). "Du hast Dein Ziel erreicht", mit angemessen respektvollem großem "D". Sagt ja sonst keiner zu mir. Weil's nie stimmt. Mit Schreiben kommt man nie ans Ziel. Mit Denken schon gar nicht. Mit Laufen etwa?

Ich habe schon eine eigene, sportliche Chronik meiner lebenslangen Zielverfehlungen. Sind halt immer nur Zwischenziele, vorläufige Ziele, nicht so richtige Ziele, weil man insgeheim ganz andere hatte als die, die man dann erreicht hat. Dann muss man wieder denken "Ist bestimmt für was gut." Und weitermachen, beim Keine-Ziele-Erreichen.

Meine neue Freundin

"Du hast Dein Ziel erreicht" - ein Satz von einfacher, klarer, archaischer Kraft. Losrennen, ankommen, Ziel erreicht haben. Sofort. Ohne DHL-Postkarte im Briefkasten. Das Leben hat einen Sinn. Wo hat man das denn noch heutzutage? Ich liebe meine Uhr. Sie ist meine neue Partnerin. Ich nenne meine Uhr E-Mona. Sie kann mich mit fünf Worten glücklich machen - ohne dass Tiernamen fallen. Schnarchen tut sie auch nicht. Wir gehen jetzt zusammen. Fest, so fest, wie man ein Armband halt schnüren kann.

Man könnte kurz das Hirn einschalten und fragen: Sag mal, wie behämmert ist so ein Läufer eigentlich, dass er sich seine Tageslaune von einer Uhr diktieren lässt? Weiß doch jeder, dass die Zielmessung eher eine zufällige ist, definiert vom Besitzer, der Körpergröße, Gewicht, Alter und Leistungsstand unkontrolliert eingibt. Wer die Daten von Sigmar Gabriel nimmt, hat das Ziel schon mit dem Aufstehen erreicht, durch reines Leben. Angeber dagegen, die die Vitaldaten von Jan Frodeno eingeben, werden ihr Tagesziel nie erreichen, weil sie vorher an Überlastung sterben. Mit Laufen erreicht man sein Ziel nach einer Stunde, mit dem Rennrad noch nicht mal nach dreien.

Mal ehrlich: Erwachsene Menschen sollten einen Plastikwürfel mit Software-Schnipseln nicht über ihr Lebensglück entscheiden lassen. Tun sie aber.

Meine tägliche Mentaldroge

"Zeit für Bewegung" meldet E-Mona nach einer knappen Stunde Nickerchen auf der Tastatur. Da hat sie Recht, weil sonst die Speichelfäden bis in die Platine durchtropfen. Im digitalen Kalender wird jede dieser Ermahnungen mit einem ekligen kleinen Dreieck markiert, das wie Atomkraft aussieht. Eintrag ins Klassenbuch. Wie die echte Mona.

Aus nackter Panik, das Tagesziel nicht zu erreichen oder der Trägheit überführt zu werden, binde ich die Uhr abends um elf rasch noch mal ans Metronom. Das macht richtig Strecke. Die Uhr hält es für Sport. Neulich wollte Klaus-Heinrich, mein alleinstehender Laufpartner, wissen, ob ausdauerndes Masturbieren auch eine Gutschrift auf dem Zielkonto bedeute. Interessanter Ansatz. Profi-Tipp nebenbei: Die Uhr, wasserdicht übrigens, sollte am richtigen Arm befestigt sein.

Um an meine tägliche Mentaldroge zu kommen, an mein "Du hast dein Ziel erreicht", muss man der Uhr Alltagsbewegung als Sport verkaufen und so tun, als handele es sich bei der trödeligen Radfahrt mit Einkaufskorb von der Wohnung ins Büro um eine Trainingseinheit. Gnädig zeichnet die Uhr auf, fragt nachher allerdings bösartig, ob man diese Popel-Einheit ("sehr kurz") tatsächlich speichern wolle oder ob es sich nicht um einen Drückfehler handele. Halt die Klappe, Uhr, und schreib's meinem Konto gut. Jeden verdammten Herzschlag.

Die Uhr weiß mehr als ich

Dramatisch wird es, wenn die Uhr böse wird. "Unterfordert" brüllt sie manchmal. Ich unterfordert? Sieht die Gattin aber ganz anders. Und ich erst. Ich war noch nie unterfordert in meinem Leben, im Gegenteil: immer Anschlag, Dauer-Klopp, Kerze, die von beiden Enden brennt. Ich schwöre.

Viel lieber bekomme ich die Warnmeldung: "Achtung, Überlastung". Neulich zum ersten Mal. Komisch. Ich hatte meine ganz normale Zehn-Kilometer-Runde absolviert, alles andere als schnell. Wusste die Uhr mehr über mich? Ist was mit dem Herzen? Hat dieses Augenflimmern mehr zu bedeuten als zügellosen Alkoholkonsum? Die Auswertung am Rechner zeigte: Ich hatte die Uhr einfach nicht gestoppt, weshalb sieben Kilometer Autofahrt aus dem Grunewald nach Hause von E-Mona als Dauersprint im Usain-Bolt-Tempo interpretiert wurden. Du kleines Dummerchen von Uhr: kannst Auto nicht von Beinen unterscheiden, nicht mal mit GPS. Denn dann hätte die korrekte Anzeige lauten müssen: Mausetot weil sehr überfordert.

In der nächsten Ausbaustufe wird E-Mona mein Essverhalten bewerten. Ich überlege, wieviel Schokolade sich in einem ausgehöhlten Apfel bunkern lässt. Den esse ich dann auf der Heimfahrt vom Laufen. E-Mona wird sich freuen, über Vitamine beim Sprint. Gutes Gefühl, wenn man kontrolliert wird.

Ob mit oder ohne Sportuhr - Hauptsache man hat Spaß: Laufen und Lust - in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben

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