Achilles Verse Das alte Fieber

Er dachte, er hätte seine Sucht im Griff. Doch dann kam dieser Moment, der alles zerstörte. Wundersportler Achim Achilles über seine Triathlon-Abhängigkeit.

Jogger am Strand: Einfach nur Spazierengehen - für Achim Achilles unvorstellbar
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Jogger am Strand: Einfach nur Spazierengehen - für Achim Achilles unvorstellbar


Wir schlenderten am Strand entlang. Frühlingssonne im März. Mona und ich. Kopf hängen lassen, Seele freiblasen - was ältere Herrschaften so erzählen, wenn sie 20 Minuten naturburschig am Wasser spazieren in ihren Klamotten mit den Bügelfalten aus dem Outdoorgeschäft, aber in Wirklichkeit nur dem großen Kuchenstück entgegenfiebernd, vor allem dem ersten Alkohol des Tages.

Ich hatte meine Sucht die Wintermonate über gut im Griff gehabt. Seit September vergangenen Jahres war ich nicht mehr drauf gewesen. Mein irrer Blick sei einer gewissen Milde gewichen, meinte Mona anerkennend, und dass ich plötzlich Zeit hätte für die Familie.

Soziale Kontakte werden überbewertet, wollte ich denken, zwang mich aber gleich wieder zurück in den Reihenhaus-Modus. Ich war fest entschlossen, ein normaler Mensch werden zu wollen, mit Übergewicht, Grill-Bibel, SUV-Fimmel, dafür ohne konkrete Ziele im Leben und mit anderen Psychosen beschäftigt als einem Trainingsplan.

Mögen, was andere gut finden

Mona hatte alles getan, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Bei der Dichterlesung war ich ebenso eingeschlafen wie im Kino. Beim Sex leider auch. Manchmal hatte ich Mona zum Yoga begleitet, eine Art Methadon für richtige Sportler. Wir hatten Wochenenden damit zugebracht, aus sechs Spinatblättern und zwei Walnüssen eine Art Mahlzeit anzurichten. Und dann hatten wir geredet, zwei-, dreimal. Ich versuchte zu mögen, was für andere Menschen ein "normales Leben" war.

Früher hatte ich Stunden im Wald zugebracht, lattenbreit im Endorphinrausch, immer getrieben von diesem einen Wort: Bestzeit, Bestzeit, Bestzeit. Neinneinnein, das wollte ich nicht mehr, nie wieder dieses Leben in totaler Abhängigkeit, wenn die Gedanken um nichts anderes kreisen als Aminosäuren, Liegelenker und Atemnot in Neopren.

"Was machen"

Mona schlug den Weg in die Dünen ein. Irgendwo hatte sie gelesen, dass Beziehungen glücklicher sind, wenn man gemeinsam "was macht". Deswegen waren wir ja an die See gefahren. Tja, "was machen" - klingt erst mal spannend. Aber was macht man so ganz konkret beim "Was-Machen"? Gilt Fernsehen als "was machen"? Oder ist "was machen" zwingend mit frischer Luft verbunden?

Ich müsste dringend mal wieder auf die Waage, wäre auch "was machen". Aber Mona hatte es mir verboten. Der Schock wäre groß und damit die Rückfallgefahr. Wir hatten das Mistding mit der Körperfettanteilmessung gleich zu Beginn des Entzugs in den Müll geworfen, nicht ohne ihr einen heimlichen letzten verliebten Blick zu schenken. Ja, ich wollte mich von dem Irrsinn befreien, also vor allem Mona. Endlich frei sein - klingt toll. Aber wieso eigentlich? Und wofür? Eine vertraute Obsession hat doch auch viel Angenehmes.

Mona deutete auf Sandhaufen und sagte: "Guck mal, wie schön." Hm. Was genau jetzt? Ein Strand ohne Schwimmer? Dünen ohne jubelnde Partner? Leere Sonntage? Übergewicht? Wo genau war der Gewinn an Lebensqualität?

Ein vergrabener Schatz

Wir suchten eine Bude mit großen Kuchenstücken und Mittagsschnaps. Alles geschlossen. Am Strandaufgang entdeckte ich einen Metallbügel, der aus dem Sand ragte. Ich fiel auf die Knie und begann zu graben. "Nein, Achim", brüllte Mona, "lass das! Bitte!". Doch ich buddelte wie verrückt, immer tiefer. Und tatsächlich. Da waren noch mehr. Ich fand acht, zehn, zwölf Bügel, schön in einer Reihe.

Für andere mochte es ein Fahrradständer sein. Nicht für mich. "Eine Wechselzone", brüllte ich, irre vor Glück.

"Nein", heulte Mona, "nicht schon wieder", und schlug die Fäuste in den Sand.

"Eine Wechselzone, Schatz", wimmerte ich noch einmal.

Es hört einfach nicht auf

Der liebe Gott hatte mir ein Zeichen gegeben. Ich riss mir die Klamotten vom Leib, was gar nicht so leicht war mit all dem Wohlstandsfett. Nackt rannte ich aufs Meer zu. Endlich wieder Schwimmen, Radfahren, Laufen. Wollen wir die Seen den Hunden überlassen? Niemals. Die Waldwege den Stockschleichen. Auf keinen Fall. Die Straßen den Stylern, die ihre spillerigen Röhrenhosenbeine in die Ketten ihrer Fixies einfädeln, bevor der Baumwollbeutel von der Schulter ins Vorderrad rutscht und die Gerechtigkeit allen Daseins illustriert? Natürlich nicht.

Ich absolvierte ein Dutzend kurzer, knackiger Intervalle. 13 Grad war exakt meine Temperatur. Dann Sprint zur Wechselzone. Läuft doch schon wieder gut.

Mona trommelte noch immer mit den Fäusten in den Sand und schrie: "Nimmt das denn nie ein Ende mit diesem verdammten Triathlon?"

Nein, Schatz, nie.

Und wenn, dann haben wir ein echtes Problem.

Noch mehr Achilles-Kolumnen vom vom Irrsinn des Ausdauerdreikampfs finden Sie hier.

insgesamt 5 Beiträge
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walter_e._kurtz 10.03.2015
1. Nix Fieber
Das sind Frühlingsgefühle ;-)
memphisman 10.03.2015
2. Herr Achilles,
ich empfehle Ihnen dringend den Besuch bei einem Fachmann aka Psychologe.
Axel B. 10.03.2015
3. Danke
Jetzt weiß ich, warum ich einfach nicht "normal" werden möchte :-)
trailrunner 11.03.2015
4. goldig;-)
Das möchte ich mal verfilmt sehen :-) ich liebe diese achilles - Kolumnen!
dreamdancer2 11.03.2015
5. ...
Arme Socke, wenn er sonst nix mit sich, seiner Zeit und seiner Partnerin anzufangen weiß.
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