Plädoyer für Triathleten Erst Ironman, dann Bundespräsident

Fleiß und Disziplin - oder ein idiotischer Tunnelblick - zeichnen erfolgreiche Triathleten aus. Achim Achilles meint: Es wird Zeit, einen dieser Sportler zum Staatsoberhaupt zu ernennen.

Triathlet Jan Frodeno feiert seinen Sieg beim Ironman auf Hawaii
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Triathlet Jan Frodeno feiert seinen Sieg beim Ironman auf Hawaii


Triathlon, das sagen selbst Triathleten, ist ein Sport für Verrückte. Denn als Triathlet darf man nicht viel anderes als Triathlon im Kopf haben. Morgens schwimmen, mittags laufen und abends mit dem Rad noch tapfer durch den Eisregen in die Dunkelheit gebraust. Oder Wohnort und Arbeitgeber so geschickt wählen, dass dazwischen 50 bis 80 Kilometer liegen, also eine hübsche Trainingseinheit für morgens und abends.

Zwischendurch eine Handvoll Dinkelnudeln, Kraftübungen und etwas Koordinationstraining. Wenn Zeit ist, werden im Internet rasch die ultraleichtesten Rennradkomponenten bestellt oder hochangereichertes Amino-Kraftfutter aus der Bullenzucht. Selbst Hobbytriathleten mit mäßigen Leistungen verabschieden sich von Familie, Freunden und Arbeitskollegen, wenn die Wettkampfsaison ansteht.

Wochenendarbeit gewohnt

Wer seine jungen Jahre als Triathlon-Profi verbracht hat, der ist nach seiner Karriere körperlich und mental fit für höchste Aufgaben im Staat, der kann sich mühen, ist detailgenau, aber bescheiden, weiß Deutschland zu repräsentieren, ist Zeitverschiebung ebenso gewohnt wie Wochenendarbeit.

Man kann es Fleiß und Disziplin nennen, die einen guten Dreikämpfer ausmachen oder aber Stumpfhirn mit idiotischen Tunnelblick. Wie soll man normalen Menschen auch die Faszination von sechs Stunden täglichem Training erklären? Allerdings ist das Sozialprestige des Triathlons immens. Ein einfacher Test genügt: Mit dem Ferrari vor die Cocktailbar rollen oder im Hawaii-Finisher-Shirt - die Blicke der anderen Gäste sagen alles.

Warum schwimmen, radeln, rennen beim Ironman auf Hawaii, einem der mythenhaftesten Sportwettkämpfe der Welt, fast jedes Jahr Deutsche ganz vorn? Könnte es mit der urdeutschen Neigung zum hirnarmen Tunnelblick zu tun haben? Eigentlich nicht. Jan Frodeno, Deutschlands bester Triathlet aller Zeiten, ist ein feiner Kerl. Faris al-Sultan, der Hawaii 2005 gewann, schwört auf käsetriefende Doppelstockburger, was auf einen liebenswerten Charakter schließen lässt. Und Patrick Lange, der bei seinem Debüt in diesem Jahr sensationell mit der besten jemals in Hawaii gelaufenen Marathonzeit auf den dritten Platz rannte (hinter dem Sieger Frodeno und dem Knittlinger Sebastian Kienle), ist von geradezu erschreckend angenehmer Bodenständigkeit.

Stereotyp vom disziplinierten Teutonen

Ist Triathlon ein deutscher Sport, weil der Athlet neben Talent vor allem die Bereitschaft braucht, früh aufzustehen und einen möglichst aufwendigen Trainingsplan gehorsam abzuschrubben? Stimmen die Stereotypen vom disziplinierten, leistungsbereiten Teutonen überhaupt noch; haben sie je gestimmt?

Oder liegt es daran, dass das reiche Deutschland ideale Trainingsmöglichkeiten und großzügige Sponsoren bietet? Eher nicht. Hätte Patrick Lange nicht einen Gönner aus Dubai gefunden, der ihm monatlich eine bescheidene Grundsicherung überweist, wäre er jetzt wieder als Physiotherapeut tätig und hätte Hawaii allenfalls auf Google Maps gesehen. Vor einem Jahr stand er ganz ohne Unterstützer da, sein einziger Verbündeter war ein ziemlich unbändiger Wille.

Patrick Lange (l.) und Achim Achilles (r.)
Frank Joung

Patrick Lange (l.) und Achim Achilles (r.)

Meiden wir also die Klischeefalle und stellen fest: In Deutschland wachsen Weltklasse-Triathleten, trotz des Wetters, und repräsentieren eine Sorte Mensch, die am eigenen Leib und jeden Tag aufs Neue erfährt, dass Leistung mit Arbeit zu tun hat, dass Rückschläge zum Leben gehören, Erfolge nicht geschenkt sind, die Konkurrenz nicht schläft und dass Ausdauer nicht alles ist, aber ohne Ausdauer alles nichts. Triathleten mögen etwas seltsam und eigenbrötlerisch sein, aber sie sind nicht böse, sie erwarten nichts Unrealistisches, sie kennen den bisweilen herausfordernden Zusammenhang von Qualität und Qual und wissen vor allem, dass der Weg zum Ziel selten niemals schnurgerade verläuft.

Kurzum: Bei den selbstgerechten Pegida-Demonstranten und all den anderen, die als Opfer ihrer eigenen Passivität daher kommen, dürfte die Triathleten-Quote gering ausfallen. Denn wer sich dem Triathlon verschreibt, hat kapiert, dass das menschliche Leben keine Angelegenheit ist, die andere erledigen.

Was folgt daraus?

Klare Sache: Ein Triathlet muss Bundespräsident werden. Denn Triathleten repräsentieren die wirklich guten Deutschen. Nichts gegen Verfassungsrichter, Geistliche, Weltbanker oder Ministerpräsidenten a. D. Hatten wir alle. War auch schön. Aber langsam wird es Zeit für wen Neues.

Ganz nebenbei: Pünktlich zur übernächsten Wahl im Jahr 2021 hätte Jan Frodeno das präsidiale Mindestalter von 40 Jahren erreicht.

Zum Autor
  • Frank Johannes
    Achim Achilles, Jahrgang 1964, lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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tutnet 18.10.2016
1. Schräger Vogel
Bisher hielt ich nur die "Hobby-Rennfahrer", die in Papageienuniform mit verbissenem Blick über die Landstraßen hetzen, für leicht daneben. Nach dem heutigen Artikel gehört zumindest dieser verbissene Hobbyläufer auch in diese Kategorie.
Beinlausi 18.10.2016
2. Tolle Idee.
Dass Extremausdauersportler Leute sind, die absolut das Maß verloren haben, als sie gesund bleiben wollten, weil sie ihren Kick öfter haben wollten, qualifiziert sie um so mehr. Wenn wir was als Staatsoberhaupt wollen, ist es ein gieriger Junkie, der auch noch denkt, er würde etwas Tolles tun. Nur weil ich Epileptiker bin, muss ich deswegen auch nicht für die Machtübernahme der Teilzeitzucker plädieren.
Marianna 18.10.2016
3. Die Verse des Achilles
Lieber Spiegel, kannst Du bitte mal die Verse des Achilles abschalten? Ich bekomme Bauchweh von so viel Nabelschau. Kannst Du ihm nicht einen eigenen Blog einrichten, damit er die Gesundheitsthemen nicht so dominiert? Bitte mehr über Krankheiten, Forschung, über Hoffnung durch Heilung. Und bitte kein Laufpapst an der Spitze des Staates. Lieber einen, der auch Verständnis für Nichtläufer hat. Hat ja nicht jeder Beine. Eine/r mit Köpfchen wär mir lieber. Aber mal anders gefragt: Brauchen wir überhaupt noch eine/n Bundespräsidenten/in?
Buuresau 18.10.2016
4. Au weia!
Da hat sich der Herr Achilles aber ganz schön verrannt. Wenn ich unbedingt Leute vorverurteilen möchte, steckt der Typ, der mit einem Finisher-Shirt in die Bar kommt, übrigens in genau der selben Schublade wie der, der mit seinem Ferrari davor hält. Insbesondere bei einem Bundespräsidentschaftskandidaten wäre mir eine individuellere Beurteilung allerdings ohnehin lieber.
iekosch 18.10.2016
5. Das ist schon eine rechte schräge Idee!
Der Artikel liefert bereits drei gute Argumente, die gegen eine automatische Eignung eines Triathleten für das höchste repräsentative Amt in unserem Land sprechen: 1. "Triathleten mögen etwas seltsam und eigenbrötlerisch sein..." --> Sofern sie erfolgreich sind, findet der Durchschnittsbürger solche Mitmenschen faszinierend. Ansonsten kann er der Lebenseinstellung dieser Athleten aber wenig abgewinnen. Es fällt einfach schwer eine Person als Vorbild zu akzeptieren, die einzig und allein danach strebt immer besser als der eigene innere Schweinehund oder der eines Sport-Kollegen zu sein. Der Allgemeinheit bringt diese Lebenseinstellung nämlich gar nichts. Jeder Mensch mit halbwegs gesunden Menschenverstand erkennt den überzogenen Egoismus dieser Personen, der zumindest solange ungefährlich ist, wie man sie nicht mit wirklich wichtigen Aufgaben betraut. 2. "Triathleten repräsentieren die wirklich guten Deutschen..." --> Ich hoffe, dass genau dies nicht der Fall ist! Die guten Deutschen setzen sich für die Menschen in ihrem Umfeld ein und verschwenden nicht soviel Energie mit dem exzessiven Ausleben egozentrischer Ziele. 3. "Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler." --> Also gehört die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zu den "Lieblingsfeinden" der Triathleten. Durch diese Einstellung sind diese Extremsportler für die Übernahme jeglicher politischer Aufgaben ganz offensichtlich eher ungeeignet, da sie sich gerade nicht mit den Personen, die sie repräsentieren sollen, identifizieren können. Fazit: Da Triathleten ganz offensichtlich sehr viel Zeit mit sich selbst verbringen, sollten sie eigentlich genug Gelegenheit haben, um zu erkennen, wie ungeeignet sie als Repräsentanten von Menschen wären, die sie in ihrer aktiven Sportkarriere schlicht und einfach nicht interessiert haben.
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