Ernährung Wie gesund sind Algen?

Das Angebot von Algenprodukten wächst. Die Wasserpflanzen sind längst nicht mehr nur Teil der asiatischen Küche. Doch wie gesund sind Wakame, Kombu und Co.?

Algen
Getty Images

Algen

Von


Seit einigen Jahren wächst in Deutschland das Interesse an Algen. Nicht nur der Sushi-Boom hat dafür gesorgt, dass die meisten Menschen bei Algen nicht nur an glitschige Teppiche in der Ostsee denken, sondern an leckeres Seafood auf dem Teller.

Hinzu kommen zahlreiche Gesundheitsversprechen vom Markt der Nahrungsergänzungsmittel, die Spirulina oder Chlorella in Tabletten- und Pulverform anpreisen. Für Veganer und Vegetarier sollen Algen zum Beispiel ein wertvoller Lieferant für Vitamin B12 sein. Zudem seien die Meeresfrüchte reich an Mineralien und Vitaminen. Klingt gut, aber: Stimmt das auch?

Alge ist nicht gleich Alge

Wer von Algen spricht, benutzt einen Oberbegriff ähnlich wie Obst oder Gemüse. "Es gibt vermutlich weit mehr als 500.000 verschiedene Algenarten", sagt Sascha Rohn, Leiter des Instituts für Lebensmittelchemie der Universität Hamburg. Nur 500 Algenarten seien bisher näher bekannt, weil der Mensch sie nutzt. Etwa als Biotreibstoff.

"Für die Ernährung zugelassen ist in Europa davon nur ein Bruchteil." Algen gehören zu einer der artenreichsten Pflanzengruppen. Die Ein- oder Mehrzeller leben im Salzwasser, im Süßwasser, auf Böden, Pilzen oder Flechten. Unterschieden wird dabei zwischen Mikro- und Makroalgen. Mikroalgen sind mikroskopisch klein und mit dem Auge nicht erkennbar. Makroalgen können bis zu 60 Meter lang werden.

Für die Verwendung als Lebensmittel, etwa als Salat, als Suppenzutat oder gedünstetes Gemüse, kommen Makroalgen zum Einsatz. In Asien werden frische Algen verwendet, in Deutschland bekommen Verbraucher das Seegemüse fast ausschließlich getrocknet. Bekannte Sorten sind beispielsweise Nori, Wakame, Kombu oder Dulse.

Makroalgen: Mit Vorsicht zu genießen

Die Algen, die aus dem freien Meer oder speziellen Züchtungen in Off-shore-Anlagen stammen, können für die Gesundheit eine ganze Menge Vorteile mitbringen, sagt Karlis Briviba, Bio-Mediziner am Max Rubner-Institut (MRI) in Karlsruhe: "Algen sind kalorienarm und liefern Proteine, Mineralstoffe, Vitamine und Omega-3-Fettsäuren." Allerdings sei ein exakter Nährstoffgehalt kaum zu bestimmen.

Nicht nur die einzelnen Algenarten variieren dabei sehr, auch die Umweltbedingungen, der Erntezeitpunkt oder die Herstellung zum Trockenprodukt habe starken Einfluss auf die Qualität eines Produkts. Eine Garantie für die erforderliche Tagesdosis Eisen, Jod oder Omega-3-Fettsäuren könnten Algen damit nicht mitbringen. "Für Verbraucher ist es nahezu unmöglich, ihre Nährstoffaufnahme mit Algen exakt einzuschätzen."

Ein regelmäßiger und hoher Verzehr von Meeresalgen ist zudem durchaus mit Risiken verbunden. Denn Algen filtern nicht nur die guten Stoffe aus dem Wasser. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat im Rahmen seines Lebensmittel-Monitorings 2013 getrocknete Algen auf Schwermetalle untersucht und in allen Proben Blei gefunden. Auch Quecksilber, Cadmium oder Arsen können sich in den Wasserpflanzen anreichern. Eine Belastung für den Verbraucher sei nicht auszuschließen, sagt Briviba. "Vor allem, wenn häufig Algen gegessen werden."

Problemfall Jodzufuhr

Hinzu kommt der Risikofaktor Jod. Getrocknete Meeresalgen können sehr hohe Jodgehalte aufweisen: "Es gibt Algen, die haben über 5000 Milligramm pro Kilogramm", sagt Briviba. Bei dieser Konzentration können schon kleine Verzehrmengen von 10 Gramm zu einer riskanten Jodaufnahme kommen. Algen, die mehr als 20 Milligramm Jod pro Kilogramm enthalten, müssen in Deutschland gekennzeichnet sein.

Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung rät Verbrauchern dazu, nur Produkte mit genauen Jod-Angaben zu verzehren. "Und die maximale Verzehrmenge einzuhalten." Das gelte ganz besonders für Menschen mit bestehenden Schilddrüsenerkrankungen. "Hier kann eine Überdosierung mit Jod schwere gesundheitliche Folgen haben."

Algen als Nahrungsergänzungsmittel

Für Pulver und Tabletten werden getrocknete Mikroalgen, meistens die Sorten Spirulina und Chlorella verwendet, die in großen Süßwasser-Anlagen gezüchtet werden. Für Omega-3-reiches Algenöl werden zum Beispiel die Mikroalgen Schizochytrium und Ulkenia in Fermentern angebaut.

Mikroalgen sind jodarm und in der Regel nicht von Schwermetallen belastet, da sie in Trinkwasser leben. Je nachdem, mit welchen Mineralien und Zusätzen das Wasser angereichert wird, entwickelt sich der Nährstoffgehalt der Pflanzen. "Durch diesen industriellen Anbau kann man sehr genau planen, welche Algenqualität erreicht werden soll", sagt Briviba vom MRI.

Allerdings setze der Anbau eine sehr gute Prüfung voraus: "In den Becken sammeln sich sehr schnell auch andere Algenarten oder Bakterien an und es kommt zu Verunreinigungen", sagt der Experte und warnt besonders vor Algenpulvern und -extrakten, die nicht aus europäischer Herstellung stammen.

Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung rät sogar generell von Nahrungsergänzungsmitteln ab: "Bei einer ausgewogenen Ernährung sind solche Produkte nicht erforderlich." Auch auf hochpreisige Superfood-Produkte, wie Smoothies mit Algen, könnten Verbraucher ruhigen Gewissens verzichten: "Die enthaltenen Algenmengen sind viel zu gering, um damit einen gesundheitlichen Vorteil zu erzielen."

Und was ist mit B12?
    Die Studienlage zur Vitamin-B12 Versorgung durch Algen ist noch dünn und betrifft nur wenige Sorten. Ein regelmäßiger Verzehr von Chlorella und Nori-Algen kann - laut einer finnischen Rohkost-Studie - den B-12-Spiegel im Blut bei Veganern etwas verbessern. Ob die Zufuhr langfristig ausreicht, ist damit nicht belegt.
Viele Algen enthalten zudem einen Großteil inaktives B12, das für den Körper nicht verwertbar ist. "Algen sind daher als alleinige Vitamin-B-12 Quelle ungeeignet", sagt Antje Gahl. "Spirulina und andere Produkte mit Cyanobakterien, die als natürliche Quelle für Vitamin B12 ausgelobt werden, enthalten sogar gar kein für den Menschen bioverfügbares Vitamin B12."

Eine Ausnahme kann Omega-3-reiches Algenöl sein, das als Novel Food zugelassen ist und nicht nur in Nahrungsergänzungsmitteln, sondern auch als Lebensmittelzutat zum Einsatz kommt. "Wenn wir mit gezüchteten Algen den Omega-3-Fettsäuren-Bedarf der Bevölkerung decken, können wir aufhören, die Meere leerzufischen", sagt der Hamburger Lebensmittelchemiker Rohn.

Was sagt die Forschung?

Glaubt man den Versprechen mancher Hersteller, können Algen nicht nur den Nährstoffbedarf decken, sondern gleichzeitig auch noch Krebs heilen. Wissenschaftliche Studien konnten das bisher jedoch nicht belegen. Am Leibniz Institut für Pflanzenbiochemie in Halle wurden Algenwirkstoffe identifiziert, die auf Proteine wirken, die bei Alzheimer eine Rolle zu spielen scheinen.

"Wir stehen in der Erforschung der komplexen Algenwelt aber noch ganz am Anfang", sagt Sascha Rohn. Er sieht eine wachsende Rolle von Algen vor allem in der Ernährung. Bereits heute stecken in sehr vielen Lebensmitteln Algenzusätze als Stabilisator, Binde- und Geliermittel. Süßwassermikroalgen, die in industriellen Becken zu geringen Kosten produziert werden können, sind - da ist Rohn überzeugt - ein Rohstoff der Zukunft. "Algen können günstig und sehr klimafreundlich hergestellt werden." Im kontrollierten Anbau wachse ein nährstoffreiches Lebensmittel, das sogar regional erzeugt werden kann.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
albert_schabert 30.08.2016
1. Das errinnet mich an Soylent green 2022 die überleben wollen
Ein Film von 1973 bei dem eine überbevölkerte Menscheit Klötzchen hergestellt aus Algen zu essen bekommt.Blos was fressen dann die Fische?
kumi-ori 30.08.2016
2.
Sind Algen gesund? Bevor man sich diese Frage stellt, muss man bedenken, dass sich die Algen von den Bakterien viel früher abspalteten, als die höheren Pflanzen (die wir normalerweise essen) von den Algen, so dass es sich bei den Algen um ein sehr breites Spektrum handelt, von dem die gesamte höhere Pflanzenwelt nur ein kleiner spezialisierter und weiterentwickelter Ausschnitt ist. Wenn man davon ausgeht, ist es logisch, dass es unter den Algen genauso gesunde und ungesunde, wohlschmeckende und lanweilige, aber auch eklige und sogar giftige gibt. Eben genauso wie bei den anderen Pflanzen auch. Zu den Inhaltsangaben muss man hinzufügen, dass getrocknete Lebensmittel immer höhere Gehalte an allem möglichen aufweisen. Frische Algen enthalten typischerweise mehr als 99% Wasser. Klar, dass die Inhaltsstoffe nach Trocknung zurückbleiben. Man isst davon ja auch nicht so viel wie von Frischware. Andererseits ist Deutschland ja auch ein Jod-Mangelgebiet, insofern sehe ich da keine Probleme.
Axel Schön 30.08.2016
3.
Zitat von albert_schabertEin Film von 1973 bei dem eine überbevölkerte Menscheit Klötzchen hergestellt aus Algen zu essen bekommt.Blos was fressen dann die Fische?
Lieber albert_schabert, da irren Sie aber gewaltig - wie lange ist das her, dass Sie diesen Film gesehen haben? In den Siebzigern? Die "Klötzchen", die den Menschen dort als Nahrung vorgesetzt wird, ist mitnichten aus Algen erzeugt, sondern dass ist gerade das Perfide in diesem Film: am Ende wird klar, dass das sogenannte "Soylent Green" - so wird dieses Futter genannt, offenbar aus den sterblichen Überresten der Toten hergestellt wird - nicht aus Algen...
GrinderFX 30.08.2016
4.
Zitat von kumi-oriSind Algen gesund? Bevor man sich diese Frage stellt, muss man bedenken, dass sich die Algen von den Bakterien viel früher abspalteten, als die höheren Pflanzen (die wir normalerweise essen) von den Algen, so dass es sich bei den Algen um ein sehr breites Spektrum handelt, von dem die gesamte höhere Pflanzenwelt nur ein kleiner spezialisierter und weiterentwickelter Ausschnitt ist. Wenn man davon ausgeht, ist es logisch, dass es unter den Algen genauso gesunde und ungesunde, wohlschmeckende und lanweilige, aber auch eklige und sogar giftige gibt. Eben genauso wie bei den anderen Pflanzen auch. Zu den Inhaltsangaben muss man hinzufügen, dass getrocknete Lebensmittel immer höhere Gehalte an allem möglichen aufweisen. Frische Algen enthalten typischerweise mehr als 99% Wasser. Klar, dass die Inhaltsstoffe nach Trocknung zurückbleiben. Man isst davon ja auch nicht so viel wie von Frischware. Andererseits ist Deutschland ja auch ein Jod-Mangelgebiet, insofern sehe ich da keine Probleme.
Doch, die Probleme mit dem Jod sind groß, wenn man Versucht seine vegane, fehlerhafte Ernährung damit zu beheben. Ich wollte es am Anfang auch nicht glauben, da ich mir ab und zu mal in einem asiatischem Supermarkt Algensnacks gekauft habe und dort und mich jemand drauf hinwies, dass man davon nicht so viel essen darf. Hab dann auf die Inhaltsstoffe gesehen und musste echt feststellen, die maximale Jodmenge wurde um das doppelte überschritten, wenn ich die ganze Packung gegessen hätte. Wir sprechen hier von 50 Gramm von dem Snack. Das wäre als würde man Jodtabletten nehmen und die nimmt man auch nicht einfach so. Wenn man das Regelmäßig macht sind Schäden vorprogrammiert und das weit schneller als jetzt viele denken. Gesund ist also anders.
panzerknacker 51 30.08.2016
5. Nicht ganz korrekt
Zitat von albert_schabertEin Film von 1973 bei dem eine überbevölkerte Menscheit Klötzchen hergestellt aus Algen zu essen bekommt.Blos was fressen dann die Fische?
Originalzitat: Soylent Green ist Menschenfleisch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.