Alkohol, Medikamente, Glücksspiel So süchtig ist Deutschland

Das Jahrbuch für Sucht listet auf, wie abhängig die Menschen in der Bundesrepublik sind. Es zeigt: Nicht illegale Drogen sind das Hauptproblem. Jeder sechste Erwachsene gilt als Risikotrinker.

101 Liter Bier trinken Erwachsene in Deutschland pro Jahr
Frank Rumpenhorst/ DPA

101 Liter Bier trinken Erwachsene in Deutschland pro Jahr


Deutschland hat ein Alkoholproblem. Keine Droge ist so weit verbreitet und gesellschaftlich etabliert. Nach den jüngsten Berechnungen für 2017 trank jeder Erwachsene hierzulande rund 131 Liter Alkoholika, berichtete die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Das entsprach rund einer Badewanne voller alkoholischer Getränke. Besonders beliebt waren Bier (rund 101 Liter pro Jahr), Wein (20,9 Liter pro Jahr) und Spirituosen (5,4 Liter). Doch auch Tabak, illegale Drogen, Medikamente und Glücksspiel machen Suchtforschern weiter Sorgen.

Eine Übersicht aus dem aktuellen Jahrbuch für Sucht:

Alkohol: Im Vergleich zu 2016 haben die Menschen in Deutschland 2017 zwar zwei Prozent weniger Alkohol getrunken. Trotzdem geben Suchtforscher keine Entwarnung. "Alkohol zu trinken, gilt in Deutschland als total normal", sagte Christina Rummel, Vizegeschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Im europäischen Vergleich bleibe die Bundesrepublik damit ein Hochkonsumland.

Das hat Folgen: 7,8 Millionen Bundesbürger zwischen 18 und 64 Jahren sind laut Rummel Risikotrinker. Männer fallen in diese Kategorie, wenn sie durchschnittlich 0,5 Liter Bier pro Tag trinken. Für Frauen gilt die Hälfte.

Rund 21.700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren kamen 2017 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. In dem Jahr standen bei 231.300 Straftaten die mutmaßlichen Täter unter Alkoholeinfluss - das waren fast 11 Prozent aller Tatverdächtigen. Suchtforscher fordern weniger Werbung für Alkohol, höhere Preise und einen Verkauf erst ab 18 Jahren.

Tabak: Weiterhin raucht rund ein Drittel der Bundesbürger. Der Konsum von Zigaretten sei von 2017 auf 2018 lediglich um knapp zwei Prozent gesunken, heißt es im Jahrbuch. Dafür stieg der Verkauf von Zigarren und Zigarillos um 6,5 Prozent, beim Pfeifentabak und Feinschnitt waren es fast drei Prozent. Dabei geht es sowohl um klassischen Pfeifentabak als auch um Tabak für Shisha-Pfeifen.

Die Forscher vermuten, dass ein "Hipster-Effekt" zu dem Anstieg beim Verkauf von Zigarren und Zigarillos geführt haben könnte. Die Menge verkaufter Zigarren kommt bei Weitem nicht an die von Zigaretten heran. Fast 13,5 Prozent aller Todesfälle haben nach Angaben der Suchtforscher mit den Folgen des Rauchens zu tun.

Medikamente: 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen sind dem Jahrbuch zufolge abhängig von Beruhigungs- und Schlafmitteln, darunter vor allem Ältere und Frauen. Viele Medikamente können abhängig machen. Weitere 300.000 bis 400.000 Menschen gelten als abhängig von weiteren Arzneimitteln.

Illegale Drogen: Die am häufigsten konsumierte verbotene Droge bleibt bei Jugendlichen und Erwachsenen Cannabis. 2017 wurden rund 7731 Kilogramm Marihuana sichergestellt, das waren laut dem Jahrbuch fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch auch härtere Drogen wie Heroin spielen weiterhin eine Rolle. Im vergangenen Jahr starben bundesweit 1276 Menschen am Konsum illegaler Drogen.

In diesem Jahr stand Glücksspiel im Fokus der Suchtforscher. Auffällig sind für sie die steigenden Umsätze auf dem legalen deutschen Glücksspielmarkt - trotz restriktiverer Gesetze. 2017 wurde laut dem Jahrbuch ein Umsatz von 46,3 Milliarden Euro erzielt. Das waren rund 10 Milliarden Euro mehr als fünf Jahre zuvor.

Die größten Geldbringer waren 2017 dabei Spielautomaten mit einem Anteil von rund 58 Prozent am Gesamtmarkt. Rund 180.000 Menschen in Deutschland gelten als spielsüchtig, weitere 326.000 haben laut Jahrbuch ein Problem mit ihrem Spielverhalten.

Casino-, Rubbellos- und Pokerspiele im Internet seien in Deutschland noch verboten, sagte Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. Geworben und gespielt werde trotzdem. Suchtforscher und Berater fordern Werbeverbote und mehr Glücksspielaufsicht. Denn deutlich mehr Menschen als früher suchten Hilfe bei Beratern.

Im Video: Das Spiel mit der Sucht

NZZ Format

koe/dpa



insgesamt 119 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bibs1980 17.04.2019
1. Cannabis könnte helfen
In einer gemeinsamen Studie der US-Universitäten von Connecticut und der Giorgia State University sowie der Universidad del Pacifico in Lima (Peru) haben herausgefunden, dass die Alkoholverkäufe in Ländern mit einer liberalen Cannabispolitik um 15% gesunken sind. Hierzulande kriegt man nur zu hören: "Wir wollen keine weitere legale Droge", völlig verkennend, dass Cannabis in allen Gesellschaftsschichten verbreitet ist und überhaupt nichts "dazu kommt", weil es eh schon präsent ist. #Cannabisnormal
thequickeningishappening 17.04.2019
2. Gottchen
Ich erinnere mich an Zeiten da wurde im Büro bei geschlossenen Fenstern geraucht bis zum Umfallen. 6 bis acht halbe Liter Bier pro Schicht nichts Ungewöhnliches (Blue Collars auf Montage auch gerne Das Doppelte). Aber: es gab keinen Koks, kein Eis und kein verschreibungspflichtiges Suchtmaterial auf Der Arbeit !
Liton 17.04.2019
3. Ich selbst trinke seit einem Jahr nicht mehr
Diese Entscheidung war sehr bewusst getroffen. Ich treibe viel Sport und mag es einfach nicht, wenn ich nicht zu 100 % Herr meiner Sinne bin. Seit dem habe ich noch nie mit dem erhobenen Zeigefinger dagestanden. Dennoch muss ich mich bei fast jeder gesellschaftlichen Veranstaltung und Familienfeier dafür rechtfertigen. Dies ist wirklich sehr ermüdend. Gesellschaftlich ist dies fast schon verpönt.
cremuel 17.04.2019
4.
Das alte Spiel der Suchtwarner: Wenn Du die Grenze weit genug nach unten verschiebst, ist Dein Klientel entsprechend groß.
MarvinCGN 17.04.2019
5. Hm...
Westlotto bietet Rubbellose online an. Wird also nicht verboten sein ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.