Kaum regulierte Werbung Wie die Alkohol-Lobby die Politik einlullt

Alkoholwerbung läuft in Deutschland zur besten Sendezeit. Daran wird auch die neue EU-Medienrichtlinie nicht viel ändern. Ein großer Erfolg für die Lobbyisten, die den Irrglauben verbreiten, Alkohol in Maßen sei gesund.
Von Teresa Stiens
Gäste in einem Biergarten

Gäste in einem Biergarten

Foto: Tobias Hase/ picture alliance / dpa

Eiskalt, glasklar, eine Perle der Natur und das Bier, "das so schön hat geprickelt in mein Bauchnabel". Alkohol ist frisch, cool und sexy - zumindest in der Werbung. Was sie verschweigt, sind die 74.000 Menschen, die in Deutschland schätzungsweise jedes Jahr an den Folgen von Alkoholgenuss sterben. Zum Vergleich, die Zahl der illegalen Drogentoten lag im vergangenen Jahr bei rund 1300.

In der kommenden Woche entscheiden die Kultusminister der EU-Staaten in Brüssel über die neue Audiovisuelle Mediendienstrichtlinie. Sie regelt auch die Werbung in Fernsehen und Internet in der EU. Bisher gibt es kaum Einschränkungen für Alkoholwerbung, für konkrete Verbote sind die Mitgliedstaaten zuständig. Damit ist die Lobby der Alkoholbranche wesentlich erfolgreicher als die der Zigarettenindustrie. Und daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Denn auch die geplante Neuregelung bleibt vage.

Gegen Regulierung

"In Deutschland setzt sich die Industrie mit ihren Interessen sehr stark durch", sagt Mariann Skar, Geschäftsführerin von Eurocare, einer NGO für Alkoholpolitik. "Das Land sperrt sich gegen konkrete Verbote". Wenn Skar von der Industrie spricht, meint sie nicht nur die Alkoholindustrie. Es geht auch um die Werbebranche und die Lebensmittelhersteller.

Das Argument der Industrie: Wenn man beim Alkohol anfängt, wo hört es auf? Fett, Zucker, Koffein, sie alle können bei übermäßigem Genuss schädlich sein. Auch die Erzeuger anderer Produkte haben also einen Grund, gegen die Regulierung von Alkohol zu sein.

Wenn es überhaupt Einschränkung bei der Alkoholwerbung in Deutschland gibt, dann sind diese fast immer freiwillig. Anders als beim Tabak gibt es kaum gesetzliche Vorgaben, denn bei Zigaretten können weder Industrievertreter noch Politiker kaum argumentieren, dass der Konsum irgendwie gesundheitsfördernd sein soll. Dagegen liest man immer wieder Schlagzeilen, wie gesund ein Glas Rotwein oder mäßiger Biergenuss seien. Der Zigarettenlobby nimmt man eine derartige Argumentation schon lange nicht mehr ab. Rauchen kann tödlich sein - daran gibt es keine Zweifel mehr.

Ein Verbot von Alkoholwerbung sei zwar sinnvoll, aber politisch kaum durchzusetzen, heißt es aus Expertenkreisen. Auch in der EU ist man vorsichtig. Der Vorwurf der Regulierungswut ist ein Grund für die Vertrauenskrise der Union. Die Brüsseler Behörden möchten nicht in Verdacht geraten, sie wollten den Leuten ihr Bier wegnehmen.

Kampf um Deutungshoheit

Dass die Alkohol-Lobby Werbeeinschränkungen bislang erfolgreich verhindert hat, hängt auch mit gelungener Desinformation zusammen. Bierbrauer und Weinbauern stellen Alkohol fast schon als gesunde Medizin dar.

Seit 2003 sorgt die ERAB (European Foundation for Alcohol Research) im Namen der Alkoholindustrie dafür, dass das so bleibt. Mit einer halben Million Euro pro Jahr fördern die europäischen Brauer die Stiftung - und diese vergibt Stipendien an Forscher, die gesundheitliche Aspekte des Alkoholkonsums untersuchen. Ein Ergebnis: Bier beinhalte Vitamine und stärke die Knochen.

Verzerrte Statistiken

Dem SPIEGEL gegenüber gibt die ERAB an, die Studien würden durch die Sponsoren in keiner Weise beeinflusst. Generalsekretärin Janet Witheridge verteidigt die Resultate: "Eine kleine Menge Alkohol ist gesundheitsfördernd. Studien haben gezeigt, dass Leute, die mäßig konsumieren, länger leben als solche, die gar nicht trinken."

Solche Befunde gibt es tatsächlich. Allerdings wissen Mediziner längst, dass sie auf einer Verzerrung beruhen. Denn die Gruppe der Abstinenten setzt sich anders zusammen als jene der moderaten Trinker. "Häufig sind unter den Abstinenten Menschen mit Vorerkrankungen und trockene Alkoholiker", sagt Mariann Skar von Eurocare. Menschen also, die ohnehin schon gesundheitlich beeinträchtigt sind.

Daher seien Nichttrinker statistisch gesehen mitunter weniger gesund als moderate Trinker, sagt Skar. Das liegt jedoch nicht am angeblich gesundheitsfördernden Alkohol, sondern an den häufigen Vorerkrankungen unter den Abstinenten.

"Die ERAB blendet Gesundheitsrisiken wie Krebs und Leberzirrhose bewusst aus", sagt Helmut Seitz, Direktor des Alkoholforschungszentrums Heidelberg ."Da stecken natürlich Interessen dahinter." Seit 40 Jahren sehe er nun, dass Alkohol als gesund angepriesen werde. Seitz Urteil ist eindeutig: "Das ist totaler Quatsch!"

Wie viel Einfluss die ERAB auf den Politikbetrieb in Brüssel direkt nimmt, ist schwer nachzuvollziehen. Die Stiftung erscheint nicht im Europäischen Transparenzregister, das Kontakte zwischen Lobbygruppen und Industrie offenlegen soll. Klar ist, dass durch die Informationspolitik die Gefahr von Alkohol in der öffentlichen Wahrnehmung heruntergespielt wird.

Die EU-Kommission hält mit der Finanzierung von unabhängigen Forschungsprojekten dagegen und macht klar, dass für sie Alkohol zu den Hauptrisikofaktoren von Krebs und anderen tödlichen Krankheiten zählt. Aber an eine Richtlinie zur Einschränkung von Alkoholwerbung traut auch sie sich nicht heran. Die Verantwortung wird den Mitgliedstaaten zugeschoben. Deutschland reicht ihn weiter an die Alkoholindustrie, die selbst für Regulierungen sorgen soll. Und die lacht sich ins Fäustchen.

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