Speis und Zank Das große Saufen

Was waren das noch für Zeiten, als man sich bei Zigarette und Bierchen über Kiffer, Kokser und Heroinsüchtige unterhielt. Heute herrscht da mehr Konformität: Deutschland säuft. Und die junge Generation gleich mit. Eine Bilanz.
Von Jan Spielhagen
Weintrinken: Alkohol wird zu allen Gelegenheiten gereicht

Weintrinken: Alkohol wird zu allen Gelegenheiten gereicht

Foto: Daniel Naupold/ picture alliance / dpa

Wein gibt es immer und überall. Bei jedem Empfang, auf jedem Geburtstag, bei jedem Essen. Wein ist der große gemeinsame Nenner jeder Veranstaltung. Riesling, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Grigio, gläserweise, flaschenweise. Wer höflich fragt, wird natürlich auch mit Bier und Champagner versorgt. Doch was die Franzosen einst zur perfekten Essensbegleitung kultivierten, hat Limonade, Cola, Sekt und Selters abgelöst. Das Weinglas in der Hand ist so normal wie die Uhr am Arm oder die Füllung im Zahn. Deutschland hat sich entschieden: Für Markus Lanz im Fernsehen. Fürs iPhone. Für den Alkohol.

Früher war das komplizierter. Da gab es irgendwie mehr Drogen. Zum Beispiel solche, die unwiederbringlich ins soziale Elend führten. Christiane F. und ihr furchterregendes Heroin verkörperten die Bedrohung einer ganzen Generation. Oder Haschisch oder Gras, die genau so ein politisches Statement wie ein bedrohliches Suchtmittel waren. Oder LSD, bewusstseinserweiternd, saugefährlich und ein Indiz für extravaganten Musikgeschmack.

Und heute? Heute gibt es Alkohol für alle. Egal, ob Mozart, Robbie Williams oder Justin Bieber. Denn auch die Jüngsten saufen schon mit. Keine Informationsveranstaltung einer weiterführenden Schule, bei der nicht auch schon die Eltern der Siebtklässler über den zu erwartenden Alkoholmissbrauch ihrer Lieben aufgeklärt werden. Klassenfahrten werden zu Komafahrten und Red Bull verleiht auch dem pickeligsten Pubertierenden erfolgreich Flügel, wenn er es im Verhältnis 1:1 mit Billigwodka mischt. Da kann man sich schon mal Sorgen machen als Erziehungsberechtigter und diese gleich nach dem Elternabend bei ein, zwei Gläsern Grünem Veltliner mit Gleichgesinnten teilen.

"Nun also Alkohol total"

Aber was ist mit den anderen Drogen passiert? Und mit ihren Konsumenten, die man früher so sicher am Äußeren erkennen konnte, die sich so herrlich in rechts und links, in erfolglos oder neureich unterteilen ließen? Sie sterben aus. So wie die letzten Kiffer, die sich blöd geraucht und wahrscheinlich deshalb noch nicht mitgekriegt haben, dass der Atomausstieg beschlossene Sache ist. Oder die letzten Kokser, ein paar Stylisten, Kieferorthopäden und eine Handvoll Werbefotografen, die den Umstieg von der analogen auf die digitale Fotografie nicht mit der Halbierung ihrer Tagessätze bezahlen mussten.

Nun also Alkohol total. Deutschlands Große Koalition in Sachen Rausch. Fast zehn Millionen Menschen konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, etwa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, mindestens 73.000 Menschen saufen sich jedes Jahr zu Tode. Mit fast 140 Litern alkoholischer Getränke oder rund zehn Litern reinen Alkohols gießen wir uns übers Jahr gerechnet die Lampen aus, munter verteilt über die Jahres- und Tageszeiten. Einstand, Ausstand, Geburtstag, Hello und Goodbye, Karneval und Silvester, einen Grund zum Anstoßen gibt es immer.

Und wenn es ein Individuum dabei umwirft, dann ist das eben der unvermeidbare menschliche Kollateralschaden. Und im Falle eines Prominenten ist es den bunten Blättern eine rührselige Geschichte wert, die man sich schön beim Nachmittagsprosecco auf der Zunge zergehen lassen kann.

Wie bei der bemitleidenswerten Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ende Januar verkündete sie: "Ich wollte mich zu Tode trinken. Wenn ich in der Dosis weitergemacht hätte, wäre es dazu gekommen." Sechs Wochen und einen stationären Entzug später verkündet sie ihre Blitzgenesung. Potzblitz, das wollten wir hören. Darauf ein Gläschen.

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Sie haben das Gefühl, zu viel zu trinken? Ein Angehöriger, Freund oder Kollege hat ein Alkoholproblem? Hier finden Sie Informationen, Adressen und Telefonnummern, unter denen Ihnen geholfen wird.

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