Alternative Medizin "Wir müssen den Menschen als Ganzes betrachten"

Sowohl Patienten als auch Ärzte sehnen sich nach mehr Menschlichkeit in der Medizin. Davon ist Jutta Hübner, Expertin für Komplementärmedizin, überzeugt. Im Interview erklärt sie, warum sich immer mehr Patienten von der Schulmedizin abwenden - und Heilung in alternativen Methoden suchen.
Globuli: "Es ist spannend, was da passiert"

Globuli: "Es ist spannend, was da passiert"

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Frau Hübner, haben Sie mal ein homöopathisches Mittel probiert?

Hübner: Ja, bei mir wirkt es aber nicht. Ich habe es auch an Patienten ausprobiert. Es ist spannend, was da passiert, da sich Patient und Arzt sehr intensiv über das Empfinden und Erleben des Patienten austauschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie können also Ihre Patienten verstehen, wenn sie danach suchen?

Hübner: Ja. Als Patient hat man schnell das Gefühl, der Medizin einfach ausgeliefert zu sein. Man hat wenige Freiheiten, wenig eigene Entscheidungsmöglichkeiten. Mit solchen Mitteln hat der Patient das Gefühl, selbst aktiv zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Die alternative Medizin boomt. Ist das Versagen der Schulmedizin der Grund?

Hübner: Ich glaube, dass die Ursache eine Sehnsucht - sowohl von Patienten als auch von Ärzten - nach einer menschlichen Medizin ist. Die findet man derzeit in der Schulmedizin kaum, weil wir sie rausgekürzt haben. Wer danach sucht, entdeckt sie plötzlich in der Komplementärmedizin. Würde man menschliche Medizin in der Schulmedizin finden, bestünde gar kein Verlangen danach.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Trend wird von Krankenkassen und Krankenhäusern mitgetragen. Warum?

Hübner: Für die Kassen ist es ein Marketinginstrument. Mittlerweile kann sich keine Krankenkasse leisten, komplementäre Medizin nicht im Angebot zu haben. Dann kommt nämlich keiner mehr. Zudem wollen Krankenkassen eigentlich die Gesunden. Und diejenigen, die eher zu Naturheilkunde neigen, sind die Jungen und Gesundheitsbewussten. Auch für Krankenhäuser ist das ein Wettbewerbsfaktor: Kliniken suchen nach Patienten. Attraktiv ist, wer viel Geld einbringt. Viele Patienten - bei Tumorpatienten etwa ist es die Hälfte - suchen gleichzeitig nach komplementären und alternativen Angeboten. Deshalb sind diese einfach ein Wettbewerbsvorteil. Das löst einen großen Teil des Booms aus.

SPIEGEL ONLINE: Sind es ökonomische Überlegungen, die auch niedergelassene Ärzte dazu bewegen, Methoden wie etwa Homöopathie anzubieten?

Hübner: Ich glaube, viele Kollegen haben subjektiv wirklich den Eindruck, dass die Globuli funktionieren. Zudem haben Ärzte eigentlich einen ganzheitlich altruistischen Ansatz: Wir wollen Menschen helfen. Doch die Schulmedizin ist so organisiert, dass man als Arzt kaum ganzheitlich handeln kann. Im Gegensatz dazu steht die komplementäre oder auch alternative Medizin. Ich fange also als Arzt an, Globuli zu verordnen, obwohl ich eigentlich verstanden habe, dass das biochemisch gar nicht funktionieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Wieso handelt die Schulmedizin nicht ganzheitlich?

Hübner: Der finanzielle Anreiz fehlt. Nehmen Sie als Beispiel das Gespräch zwischen Patient und Arzt. Es ist für den Patienten absolut wichtig, weil er so vom Arzt verstanden werden und Empathie erleben kann. Von den Krankenkassen wird das Reden aber kaum bezahlt. Der Arzt muss für seinen Umsatz schnell möglichst viele Patienten behandeln. Es gibt gesetzliche Krankenkassen, die Patientengespräche im Bereich der komplementären oder alternativen Medizin bezahlen, nicht aber im konventionellen Bereich. Das ist absurd. Letztendlich holen wir so die Patienten aus einem gut funktionierenden medizinischen System in ein zweites. Viel sinnvoller wäre es, sich darüber klar zu werden, dass auch in der Schulmedizin das Reden die wesentliche ärztliche Tätigkeit ist.

SPIEGEL ONLINE: Würde mehr Zeit mit den Patienten nicht die Kosten weiter in die Höhe treiben?

Hübner: Aus meiner Sicht würden wir sehr viel weniger Geld brauchen, weil wir uns viele Untersuchungen sparen könnten. Es wäre nicht nur die bessere, es wäre auch die preiswertere Medizin. Wir sind in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft den Irrweg gegangen, dass wir uns zu sehr auf Technik und Medikamente konzentriert haben. Dabei wissen wir aus der Wissenschaft, dass viele psychologische Faktoren für die Gesundheit wichtig sind. Dazu brauchen wir keine Esoterik.

SPIEGEL ONLINE: Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit in Nordrhein-Westfallen, fordert die Integration der Homöopathie in die Schulmedizin. Was halten Sie davon?

Hübner: Schulmedizin ist eigentlich evidenzbasierte Medizin, also eine Medizin, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Will man dort die Homöopathie integrieren, müsste sie wissenschaftliches Denken anerkennen und mit klinischen Studien zeigen, dass sie funktioniert. Aber allein aufgrund der Tatsache, dass in den Globuli nichts drin ist, wird das nicht passieren. Es gäbe die Möglichkeit, in Studien zu zeigen, dass der intensive Arzt-Patienten-Kontakt etwas bewirkt, sicherlich auch unabhängig von Globuli und dem dahinter stehenden Gedankengebäude.

Wenn wir also die Homöopathie in die evidenzbasierte Medizin integrieren wollen, lösen wir gerade diese Systeme auf. Solche Vorschläge laufen aber eher darauf hinaus, dass wir die Schulmedizin und die alternative Medizin, die eine ganz andere Grundlage hat, gleichberechtigt nebeneinander stellen - und sich beide Systeme auch noch gut vertragen sollen. Das ist schädlich für unsere Patienten und ein Rückschritt von hundert Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man dann mehr Menschlichkeit in die Medizin bringen?

Hübner: Evidenzbasierte Medizin in einer fortschrittlichen Definition bedeutet, dass wir den Menschen als Ganzes betrachten und seine Bedürfnisse wahrnehmen müssen, nicht nur seine Krankheit. Davon ausgehend überlegen wir, welche Therapie optimal wäre. Das ist die fortschrittlichste Medizin, die wir möglich machen können. Dann gibt es keinen Grund, etwas anderes daneben zu setzen.

Wir müssen aber die Fehlanreize korrigieren, die wir in unserem modernen westlichen Gesundheitssystem haben. Hier muss die Politik angreifen. Sie müsste die evidenzbasierte Medizin auch außerhalb der medikamenten- oder technikgeschützten Therapien unterstützen, statt über Alternativen zu spekulieren. Auf dem Gebiet gibt es viel zu wenig Forschung, die brauchen wir aber, um echte Fortschritte zu machen. Gesund werden mit Kräutern, Honig oder Spucke - geht das? Im Hausmittel-Quiz können Sie zeigen, wie gut Sie sich mit Wirkung und Nebenwirkungen von Hausmitteln auskennen.

Das Interview führte Hristio Boytchev
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