Achilles' Verse Unter die Räder gekommen

"Tragt mich zum Start - ich muss Bestzeit laufen": Anna Achilles wird auf dem Weg zum Staffelmarathon von einem Auto übersehen. Und will trotz des Unfalls laufen. Dabei steht sie unter Schock.

Unfall: In Berlin sind 2013 fast 7000 Radfahrer verunglückt
DPA

Unfall: In Berlin sind 2013 fast 7000 Radfahrer verunglückt


Lauffreundin Theresa nimmt mir die Startnummer aus der Hand. Sie reicht mir stattdessen Kräutertee aus ihrer Thermoskanne. "Trink einen Schluck", befiehlt sie. "Der beruhigt."

Was soll das denn? Ich trinke doch jetzt keinen Tee. Ich muss gleich laufen. Heute ist Marathonstaffel auf dem Tempelhofer Flugfeld. Gemeinsam mit meiner Laufgruppe, dem Run Pack, teile ich mir 42 Kilometer. Ich will heute Bestzeit laufen: fünf Kilometer unter 27 Minuten. Ich muss zum Start. Aber Theresa schiebt mich genau in die andere Richtung, sie scheint den Ernst der Lage nicht zu kapieren. "Ich muss zum Start", wiederhole ich. "Anna, du hast einen Schock", sagt sie und drückt mich unsanft auf eine Bank. "Du kannst nicht laufen."

Nur eine Frage der Zeit

Fast jede Stunde verunglückt in Berlin laut Statistik ein Radfahrer. Die meisten Unfälle passieren im Sommer, im Stadtteil Mitte. Im Jahr 2013 gab es fast 7000 Radunfälle, knapp tausend davon im August, etwa 1400 in Berlin-Mitte - im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch mal bei mir krachen würde. Ich fahre jeden Tag 45 Minuten lang Fahrrad, meistens während des Berufsverkehrs, meistens durch Berlin-Mitte.

Aber heute ist kein typischer Unfall-Tag: Es ist Winter, Sonntagvormittag, die Straßen sind fast leer. Mit dem Rad bin ich unterwegs nach Tempelhof. Ich trage meine Flashjacke: neongelbe Ärmel, reflektierender Bauch- und Rückenteil. Eigentlich kann man mich gar nicht übersehen. Eigentlich.

Ich fahre auf einem Radweg und steuere auf eine Kreuzung zu. Die Straßen sind noch nass vom Regen. Ich bemerke ein schwarzes Auto, das mich überholt. Hoffentlich biegt der jetzt nicht rechts ab, denke ich. Ich muss nämlich geradeaus. Das wär's noch: der Unfallklassiker. Vorsichtshalber drossele ich mein Tempo. Das Auto biegt um die Kurve. Mist, der hat mich wirklich nicht gesehen. Ich lenke nach links, will ausweichen und hinten am Kofferraum vorbeifahren. Plötzlich bleibt das Auto mitten auf der Kreuzung stehen. Ich habe keine Wahl, muss eine Vollbremsung machen, damit ich nicht in die hintere Tür knalle.

Mein Vorderrad rutscht weg. Ich falle seitlich auf den Asphalt.

"Du Idiot", brülle ich auf dem Boden liegend. Der Fahrer, ein Mann um die 45, reißt die Autotür auf. "Alles klar bei Ihnen?", ruft er. "Glaub schon", grummele ich und hieve mich nach oben. Ich wische den Dreck von meiner Laufhose und hebe mein orangefarbenes Rad auf. "Scotti" und ich kennen uns seit 22 Jahren. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Ich schiebe "Scotti" an den Straßenrand, halte mich am Lenker fest und hole tief Luft. Der Autofahrer entschuldigt sich mehrmals, steigt ein und fährt weg. Ich tippe noch schnell sein Kennzeichen in mein Handy. Aber nach seiner Telefonnummer zu fragen, habe ich total vergessen.

"Ist das wirklich nötig?"

Benebelt sitze ich auf der Bank im Run-Pack-Pavillon. Mein Kopf dröhnt. Erich, ein anderer Run Packer, beugt sich zu mir herunter und sieht mir ernst in die Augen. "A-N-N-A, wir gehen jetzt zu den Sanitätern", sagt er betont langsam.

Ob ich auf den Kopf gefallen bin, will jemand wissen. Weiß ich nicht mehr. Ob ich einen Helm getragen habe? Nein. Ob mir schlecht ist? Ein bisschen. Ob ich Kopfschmerzen habe? Ja.

Die Ärztin möchte mich wegen Verdachts auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus einliefern lassen. Ich frage nach, ob das wirklich nötig sei - als Antwort bekomme ich eine Halskrause umgelegt. Ein Sanitäter gurtet mich auf der Trage fest. Ich beginne, mich tatsächlich krank zu fühlen.

Mit Blaulicht und Martinshorn rast der Krankenwagen durch die Stadt. "Das Tatütata ist aber schon ein bisschen übertrieben, oder?", frage ich. "Wir wollen Ihnen doch was bieten", antwortet die Sanitäterin.

Seltsames Verhalten

In der Rettungsstelle im Krankenhaus werde ich mit meiner Liege im Gang abgestellt. Ein älterer Mann neben mir keucht lautstark. Ein kleines Mädchen kreischt in den höchsten Frequenzen, die seine Stimme hergibt. Irgendwann darf ich endlich in den Röntgenraum. Das Ergebnis: leichtes Schleudertrauma mit steilgestellten Halswirbeln und Sportverbot für die nächsten zehn Tage.

Später erzählen mir meine Freunde, dass ich mich sehr seltsam verhalten habe: Ich sei kreidebleich gewesen, habe beim Sprechen jeden Laut extrem in die Länge gezogen und immer wieder erwähnt, dass meine Jacke dreckig sei. Ich kann mich an nichts davon erinnern.

"Das Gehirn ist wie ein Netzwerk voller Kabel", erklärt mir ein Arzt. Bei einer heftigen Erschütterung würden manche Kabel einfach zeitweise ausfallen. Dann mache man Dinge, die für Außenstehende komisch wirken. Man selbst findet sich aber total normal. Es dauert eine Weile, bis der Körper Verletzungen realisiert.

Gut, dass ich nicht in der Marathonstaffel mitgelaufen bin. Ich hätte vermutlich nicht lange durchgehalten. Eine neue offizielle Bestzeit habe ich dennoch. Fritzi ist unter meinem Namen gelaufen. Sie hat nur 21:53 Minuten gebraucht. So schnell wäre ich nie gewesen.

insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gekreuzigt 16.12.2014
1. Jetzt bin ich aber
ein Stück weit betroffen. Was für Meldungen. Demnächst in diesem Theater: Wie ich mal beim Bäcker aus Versehen Brot kaufte.
a.weishaupt 16.12.2014
2. Typisch für deutsche Städte
So ist das eben leider mit Radwegen. Bis flächendeckend Spuren auf den Straßen sind, hat sich Alltagsradeln für mich erledigt. Ein dauerhaft lädiertes Handgelenk reicht. Fühle mich sicherer auf dem Motorrad. Traurig, aber wahr.
saschad 16.12.2014
3.
---Zitat--- ...Eigentlich kann man mich gar nicht übersehen. Eigentlich. Ich fahre auf einem Radweg und steuere auf eine Kreuzung zu. ... ---Zitatende--- Doch, nach über 30 Jahren Teilnahme am Straßenverkehr kann ich eins mit Gewissheit sagen: auf Radwegen wird man auch dann übersehen, wenn man eigentlich gar nicht übersehen werden kann. Deswegen meide ich Radwege, wann immer möglich. Gut, dass es halbwegs glimpflich abgegangen ist! Gute Besserung!
thomas.b 16.12.2014
4.
Ich entnehme dem Artikel, dass es besser ist, wenn man als Radfahrer einen Helm und auffällige Kleidung trägt, als Autofahrer intensiv auf Radfahrer achtet, dass die Unfallrettung in Berlin funktioniert und man nach einem Unfall keinen Sport treiben sollte. Sehr schön.
002614 16.12.2014
5. Sichtbarkeit
Die Reflektoren leuchten nur, wenn sie angestrahlt werden. Der Abbieger befindet sich aber nicht hinter sondern vor oder neben dem Radfahrer. Es wäre viel gewonnen und einige Radfahrer, gerade in Berlin Mitte, könnten selbst etwas tun, indem sie eine ganz normale Beleuchtung an ihr Fahrrad anbringen. Um "cool" zu wirken, fehlen an den Fahrrädern die Front- und Rücklichter. Im günstigeren Fall werden sie durch winzige blinkende LEDs ersetzt. Viel zu oft fahren sie dunkel gekleidet ohne Licht. - Für Autofahrer ein Albtraum.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.