Marathon-Zwillinge Anna und Lisa Hahner "Wir stacheln uns gegenseitig an"

Anna und Lisa Hahner sind die schnellsten Marathon-Zwillinge Deutschlands. Im Interview erzählen sie, wie Joey Kelly sie zum Laufen motiviert hat und warum belgische Waffeln das ideale Frühstück vor dem Marathon sind.

Die Hahner-Twins: "Wir sind keine Konkurrentinnen"
Moritz Schleiffelder

Die Hahner-Twins: "Wir sind keine Konkurrentinnen"


Zur Person
  • Moritz Schleiffelder
    Anna und Lisa Hahner, Jahrgang 1989, stammen aus Fulda und sind Deutschlands schnellste Marathon-Zwillinge. Beim Berlin-Marathon 2014 stellte Anna Hahner persönliche Bestzeit mit 2:26:44 Stunden auf. Ihr nächstes Rennen: der Vienna City Marathon am 12. April. Lisa Hahner ist zurzeit verletzt und muss pausieren.
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SPIEGEL ONLINE: Anna und Lisa Hahner, man kennt Sie nur im Doppelpack: Gibt es eine Leidenschaft, die Sie nicht teilen?

Anna Hahner: Ich liebe es, anderen die Haare zu schneiden und Frisuren zu machen. Damit kann Lisa überhaupt nichts anfangen, wie man sieht (zeigt auf den geflochtenen Zopf ihrer Schwester). Dafür fährt Lisa richtig gut Skateboard.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Deutschlands Marathon-Hoffnung. Sehen Sie sich als Konkurrentinnen?

Anna Hahner: Das Erste, was wir uns zu Weihnachten gewünscht haben, waren Boxhandschuhe. Damit haben wir gegeneinander gekämpft. Unser großer Bruder spielte den Boxrichter, das Bett unserer Eltern diente als Boxring. Jede wollte die Bessere sein,...

Lisa Hahner: ...aber wir sind keine Konkurrentinnen. Wir stacheln uns nur gegenseitig an. Fürs Lauftraining ist es super, eine Zwillingsschwester zu haben. Bei den schnellen und kurzen Sprinteinheiten laufen wir um die Wette, bei den langen Läufen unterhalten wir uns.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Laufen gekommen?

Lisa Hahner: Joey Kelly ist schuld, dass wir laufen (lacht). Wir waren mal große Kelly-Family-Fans. Mit 17 war die Liebe zwar schon etwas abgeflaut, aber als Joey Kelly bei uns in der Nähe einen Vortrag hielt, wollten wir unbedingt dorthin. Er sprach über Motivation und Laufen - danach wollten wir sofort selbst laufen. Joey sagt: "Wenn du etwas in deinem Leben ändern willst, fang sofort damit an." Also sind wir am nächsten Tag los.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren denn Ihre ersten Laufversuche?

Anna Hahner: Es war uns sehr peinlich. Wir sind mit dem Rad an den Dorfrand gefahren, haben die Räder versteckt und sind losgelaufen, damit uns niemand sieht. Wenn jemand gekommen ist, haben wir so getan, als würden wir uns die Schuhe binden. Wir haben tonnenweise Müsliriegel und Wasser mitgeschleppt als Verpflegung. Nach drei Kilometern gab es eine Pause.

Lisa Hahner: Irgendwann sind wir mit den Jungs aus unserem Heimatdorf gelaufen, darunter Julian Flügel (2014 war Julian Flügel mit 2:15:39 Stunden schnellster Deutscher beim Hamburg Marathon - d. Red.), der bereits im Sportverein trainiert hat. Er hat gemerkt, dass wir zwar keine Ahnung vom Laufen haben, aber gar nicht so schlecht sind. Und dann kam eins zum anderen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben erst mit 17 Jahren begonnen zu laufen - sehr spät für eine Profi-Karriere.

Lisa Hahner: Das stimmt, aber wir waren schon immer sportlich. Als Kinder machten wir Jiu-Jitsu und spielten Tischtennis. Außerdem hatten wir eine Leidenschaft für Fußball. Wir hatten uns sogar schon für die Ausbildung zur Schiedsrichterin angemeldet - doch dann kam das Laufen dazwischen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Sportler halten sich an eine bestimmte Ernährungsform. Wie ist das bei Ihnen?

Anna Hahner: Es gibt keine bestimmte Ernährungsweise, aber wir essen sehr viel. Wir sind in einer Großfamilie aufgewachsen und haben von klein auf gelernt: Wenn das Essen auf dem Tisch steht, nimm so viel du kannst, du weißt nicht, ob später noch etwas da ist. Durchs Laufen müssen wir noch mehr essen, um unseren Energiebedarf zu decken. Der Nachmittagskuchen ist eine feste Mahlzeit jeden Tag. Und abends esse ich mindestens eine Tafel Schokolade.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht gerade gesund.

Anna Hahner: Naja, wir achten natürlich schon darauf, dass wir uns ausgewogen ernähren. Aber ich bin überzeugt, dass der Körper selbst am besten weiß, was er braucht. Am Morgen vor meinem Start beim Berlin-Marathon hatte ich große Lust auf Belgische Waffeln. Lisa meinte zwar: "Iss das nicht, du weißt nicht, wie dein Körper darauf reagiert." Ich habe aber gleich zwei Stück gegessen. Hat es geschadet? Nein, ich bin neue Bestzeit gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht immer läuft alles so rund. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Lisa Hahner: Ich kann gerade nicht laufen, weil ich einen Ermüdungsbruch habe. Deshalb mache ich viel mentales Training. Das Ziel dabei ist, schlechte Gefühle in positive umzuwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind immer am Lächeln - auch im Wettkampf. Woher kommt diese gute Laune?

Anna Hahner: Es bringt ja nichts, schlecht drauf zu sein. Wenn es im Wettkampf wirklich hart ist, denke ich an meine Laufvorbilder, zum Beispiel Haile Gebrselassie. Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Ich stelle mir während des Laufens vor, wie er drei Meter vor mir steht und ich in seine Aura hineinlaufe. Das gibt mir Energie.

Ein Interview von Anna Achilles

insgesamt 7 Beiträge
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Holperik 07.04.2015
1. Die beiden...
...gefallen mir. Keine Daueraskese und essen, worauf der Körper gerade Lust, weil der am besten weiß,was er benötigt. Die Leistung stimmt auch noch dazu, der Spaß am Laufen ist auch vorhanden, verkniffen sind sie wohl auch nicht, so soll es sein. Chapeau!
testthewest 07.04.2015
2. 26 Jahre und Ermüdungsbrüche...
...so wirklich gesund ist ein solcher Sport auch nicht, oder? Und im Gegensatz zu Profifussballern, die sich das Ruinieren oder zumindest Gefährden der Gesundheit fürstlich bezahlen lassen, stehen Marathonläufer der 3ten bis 4ten Garde (schlicht die falschen Gene für die Weltspitze) ohne große Summen da, oder irre ich hier?
roadi79 07.04.2015
3.
super sympatisch die beiden ... viel Erfolg in Wien für Anna und gute Erholung an Lisa
phboerker 07.04.2015
4. @testthewest
Ein Ermüdungsbruch klingt sehr viel dramatischer als es ist. Das kriegen auch Freizeitläufer hin und es geht auch ohne viel Zutun wieder weg. Das Schlimmste daran ist, dass man eine Weile auf den Sport verzichten muss.
usfriend 08.04.2015
5. Klasse!
Weiter so Maedels!
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