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22. August 2014, 14:14 Uhr

Extremsportlerin Flammersfeld

"Ich laufe vor nichts weg, ich laufe auf etwas zu"

Anne-Marie Flammersfeld ist eine der erfolgreichsten Extremläuferinnen der Welt. Im Interview spricht die 36-Jährige über die Einsamkeit von Extremsportlern, die Überwindung der Berge und darüber, wie das Laufen sie verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Frau Flammersfeld, Mario Götzes Siegtor im WM-Finale haben Millionen Zuschauer live mitverfolgt. Bei 100-Kilometer-Läufen schauen nur wenige zu. Haben Sie sich die falsche Sportart ausgesucht?

Flammersfeld: Nein, es geht mir nicht um die Anerkennung von außen. Ich laufe aus innerem Antrieb. Es ist wie bei einem Kind, das sich stundenlang gedankenverloren mit einer Sache beschäftigt und pure Begeisterung spürt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2012 den "4 Deserts", einen der härtesten Wüstenläufe der Welt, gewonnen. Eine tolle Leistung, aber die meisten können nicht nachvollziehen, was Sie da geschafft haben. Macht Extremsport einsam?

Flammersfeld: Nach der zweiten Etappe wollte ich meinen Freunden mitteilen, dass ich den Lauf durch die Wüste Gobi gewonnen habe. Aber es ging nicht, im Hotel gab es kein Internet. Also saß ich im Hotelzimmer und keiner konnte mir gratulieren, keiner hat mit mir gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich schade.

Flammersfeld: Ja, aber mir wurde da klar: Ich kann mich nur selbst feiern. Natürlich können andere sagen: 'Haste gut gemacht.' Aber ich muss es selbst spüren. Noch ein Beispiel: Letztes Jahr bin ich vom tiefsten auf den höchsten Punkt der Schweiz gerannt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren fünf Tage unterwegs, bei 10.000 Höhenmetern.

Flammersfeld: Genau. Als ich nach erfolgreicher Beendigung des Projekts abends wieder in Zermatt angekommen war, bin ich mit meinem riesigen Rucksack zwischen den vielen Touristen durch die Straßen geschlendert - und hatte einfach nur ein dickes Grinsen im Gesicht. Niemand wusste, was ich die letzten Tage gemacht habe. Nur ich wusste, was ich geschafft hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie nach den Wettkämpfen?

Flammersfeld: Ich kann sehr gut entspannen, aber das Interessante ist, dass ich nach allen Wettkämpfen in eine "Post-Race-Depression" verfalle. Ich sitze zu Hause rum, schlafe schlecht, und manchmal kommen mir die Tränen. Ich weiß, dass das so ist, aber trotzdem bin ich immer wieder überrascht, dass ich da so in ein tiefes Loch falle.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauern diese depressiven Verstimmungen?

Flammersfeld: Sechs bis zehn Tage. Aber es ist okay und auch irgendwo logisch. Das hohe Trainingspensum, der Adrenalinkick beim Wettkampf pushen mich so in die Höhe, da muss ich mich danach wieder normalisieren. Sonst drehe ich durch.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie damit um?

Flammersfeld: Ich akzeptiere es und schreibe mir meine Gedanken währenddessen auf, damit was hängen bleibt. Ich werde oft gefragt: Wovor läufst du weg? Da sag ich immer: Ich laufe vor nichts weg, ich laufe auf etwas zu.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint, als stünde das Erleben als solches im Vordergrund und nicht der sportliche Ehrgeiz.

Flammersfeld: Ja, auf jeden Fall. Ich bin kein Profi, ich laufe aus Spaß und um neue Dinge kennenzulernen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich wohl nie einen Lauf zweimal machen werde. Ich entdecke gerne neue Länder und neue Läufe.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Wochen haben Sie zum ersten Mal am Zugspitz Ultratrail teilgenommen und auch den prompt gewonnen. Wie machen Sie das?

Flammersfeld: Na ja, es ist nicht so, dass ich jeden Morgen aufspringe, mir einen Rucksack umschnalle, den Berg hoch- und runterrenne und alles immer gut läuft. Bergläufe sind jedes Mal anders. Manchmal frisst der Berg mich, dann bin ich ganz klein. Manchmal fühle ich mich stärker und kann laufen und laufen. Manchmal rutsche ich Schneefelder runter, krabbele auf allen Vieren hoch und manchmal geht alles gut. Aber genau das ist der Grund, warum ich mich weiter und höher traue beim nächsten Mal. Es ist die Summe an Erfahrungen, die micht stärker macht.

SPIEGEL ONLINE: Bei stundenlangen Ultraläufen in den Bergen oder in der Wüste müssen Sie mit den Widrigkeiten der äußeren Umstände kämpfen.

Flammersfeld: Du musst im Moment bleiben. Das Schlimmste ist, wenn du gedanklich schon 50 Kilometer weiter bist als deine Füße. Man lernt, flexibel zu sein und sich mit der Situation abzufinden. Wenn es regnet, ziehe ich mir eine Regenjacke an. Bald kommt wieder die Sonne. Ich kann mir den Moment schlecht- oder gutreden. Es ist nur die innere Einstellung.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, sich nach Misserfolgen wieder aufzupeppeln?

Flammersfeld: Man muss die Dinge so akzeptieren, wie sie sind. Alles ist eine Phase, alles geht vorüber. Ich versuche Misserfolge nicht zu stark zu thematisieren und konzentriere mich lieber auf das, was gut gelaufen ist. Generell lernt man mehr, wenn man seine Grenzen aufgezeigt bekommt. Negative Erfahrungen sind superwichtig. Wenn man aber mit Freude und Begeisterung etwas tut, kann man Misserfolge besser wegstecken.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das Laufen charakterlich verändert?

Flammersfeld: Ich bin ruhiger, gelassener geworden. Ich sehe Dinge anders, rege mich nicht mehr groß auf. Früher habe ich viel mehr gegrübelt und war verbissener. Jetzt sage ich mir: Es ist so, wie es ist, und alles wird gut.

Das Interview führte Frank Joung von achim-achilles.de

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