Achilles' Verse Der ganz normale App-Irrsinn

Ein Gebläse hält im Schlafzimmer den Luftdruck von 2500 Höhenmetern, die Sauerstoff-App gibt den perfekten Atemrhythmus vor. Wunderläufer Achim Achilles über eine Welt, in der Technik das Denken übernimmt.
Smartphones: Unzählige Apps bieten vielfältige Möglichkeiten zur Selbstoptimierung und Selbstvermessung

Smartphones: Unzählige Apps bieten vielfältige Möglichkeiten zur Selbstoptimierung und Selbstvermessung

Foto: AFP

Der Wecker mit dem Tageslicht-Simulator bildet ein individuelles Farbspektrum, das meine Vitamin-D-Produktion optimiert. Die App zur nächtlichen Atemkontrolle hat den idealen Zeitpunkt zum Aufstehen ermittelt. Ein Morgenlauf  macht ja nur Sinn, wenn der Trainingseffekt optimiert ist. Dass sich mein Schädel anfühlt, als stecke ein Beil darin, muss an mir liegen. Die Technik irrt nie.

Der Blick fällt auf die Pulsuhr. Zwei Schläge über Normalruhepuls, mittleres Rot signalisiert mittleren Alarm. Anzeichen einer anfliegenden Erkältung? Würde ja mit meiner App eine Speichelprobe analysieren, wenn das Smartphone besser unter den Gaumen passen würde. Die Gattin hat sich an den Herzmessgurt gewöhnt, den ich nachts trage. Die Leistung, das ganze Leben muss optimiert werden. Die Kompressionsstrümpfe jucken. Dafür beschleunigen sie die nächtliche Regeneration. Auf dem Weg ins Bad schalte ich das Gebläse aus, das in meinem Schlafraum konstant den Luftdruck von 2500 Höhenmetern hält. PH-Messstreifen in den Mittelstrahl: 0,3 Prozent unter dem optimalen Basenwert. Noch ein Alarmzeichen.

Smoothie schmeckt wie nasser Cockerspaniel

Die Power-Breakfast-App ermittelt die perfekten Zutaten für den leistungsfördernden Morgen-Smoothie: Heute gibt es märkische Petersilie mit Porreeherzen, Ingwer aus Costa Rica und Prestige-Algen aus Westfinnland, alles auf Tryptophan-Basis. Die Familie wacht vom Heulen des Smoothie-Pürierers auf. Keine Sorge, die Sonntagsmorgenatmosphäre wird dennoch optimiert.

Die Qualitytime-App schlägt pädagogisch wertvolle Gesprächsthemen für hochbegabte Kinder vor, inklusive Spaßaufgaben für optimale Hirnentwicklung. Die Kinder atmen flach, als ich sie anlache. Der Smoothie schmeckt nicht nur wie nasser Cockerspaniel, sondern lässt offenbar auch den Morgenatem entsprechend riechen. Gut, dass die Pädo-App auch für kindliche Empathieexpansion sorgt.

Für Mona wird ein Guten-Morgen-Kuss empfohlen sowie die Frage: "Hast du gut geschlafen, mein Schatz?" Mit geputzten Zähnen bringt dieser liebevolle Dialog drei Bonuspunkte auf der Ehestabilisierungsskala. Schön, dass unsere Kommunikation auf Herzlichkeit durchoptimiert ist; das Geheimnis glücklicher Familien liegt in der richtigen App.

Motivations-App für die optimale Playlist

Eigentlich könnte ich jetzt loslaufen. Aber zuvor muss mir die Entscheidung über die perfekte Ausrüstung abgenommen werden. Die Wetter-App meldet leichte Regenneigung, eine Bodentemperatur von 11,3 Grad und ermittelt die idealen Sohlen. Der Infrarot-Laufschuhprofilprüfer meldet, dass ausgerechnet mit diesem Paar nur noch 217 Kilometer erlaubt sind. Gut, dass die Laufprofi-App online neue Schuhe bestellt mit individuell angepasster Karbon-/Kautschuk-Einlage, deren Dämpfung aus den GPS-Daten meiner Laufstrecken  errechnet wird.

Das Trainingsplan-Programm hat aus meinen Morgenwerten die optimale Übungsfolge zusammengestellt, die automatisch auf Facebook gepostet wird. Heute sind 17 Liegestütze, drei Steigerungsläufe und eine Kundalini-Lymphmassage im rechten Knöchel zu absolvieren, die mein online-gesteuerter Massage-Sessel übernimmt. Tolles Programm, das aber nur zwei Likes innerhalb von 15 Minuten einbringt. Das Training muss dringend auf Like-Maximierung hin optimiert werden.

Ich schiebe das Smartphone ins Armhalfter. Die Motivations-App stellt mir die ideale Playlist für diesen Morgen zusammen, während die Sauerstoff-App den perfekten Atemrhythmus vorgibt. Die Runfriend-App schlägt mir weltweit Laufpartner vor, die in diesem Moment ebenfalls vor ihrem Kleiderschrank stehen und höchstens noch eine halbe Stunde brauchen, um die optimale Trainingsbekleidung auszuwählen.

Schlechtes Gewissen in positives Denken transformieren

Letzte Woche hatte ich einen Online-Laufpartner aus dem Harz. Wir haben uns über die Freisprechanlage im Ohrhörer angestöhnt, online unsere Playlists ausgetauscht und unsere aktuellen Pulswerte verglichen. Schön, wie das Laufen neue Freundschaften schafft. Die Equipment-App liefert mir vier Textil-Optionen, falls die Temperatur stark, schwach oder gar nicht steigt und der Niesel stärker wird. Lieber noch abwarten, wie das Wetter wird.

Ich versuche eine erste Liegestütz auf meiner Spezialmatte . Die Laserstrahler in der Wand kontrollieren die optimale Ausführung. Das Blaulicht warnt wieder mal vor technischen Schwächen, nicht bei meinem Geräten, sondern bei mir. Zugleich melden die Sensoren im Sportunterhemd Salzmangel im Morgenschweiß, wodurch mein Krampfrisiko um 7,2 Prozent steigt. Umgehend rät die Alarm-App, das Training abzubrechen. Ein Warnhinweis erscheint, dass die App-Firma bei Zuwiderhandlung keinerlei Schadensersatz leistet. Schön, wenn Juristen an Trainingsprogrammen mitarbeiten.

Die Musik-App spielt getragene Trauermusik zum ausgefallenen Training, während die Motivations-App Vorschläge macht, um das schlechte Gewissen in positives Denken zu transformieren. Einfach großartig, diese technischen Möglichkeiten. Wie haben wir uns früher nur fit gehalten?

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