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14. Juli 2013, 19:00 Uhr

Farbstoffe in Lebensmitteln

Bunt und gefährlich

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Mehr als 300 Zusatzstoffe für Lebensmittel sind in der EU zugelassen. Bei fast der Hälfte raten Verbraucherschützer vom häufigen Verzehr ab, andere halten sie grundsätzlich für bedenklich - darunter auch Farbstoffe in Süßigkeiten für Kinder.

Der Erdbeerjoghurt lockt mit einem frischen Rot, cremig zergeht er auf der Zunge. Sein Duft steigt in die Nase und weckt den Appetit. Wer schon einmal versucht hat, mit Schnupfennase sein Lieblingsgericht zu genießen oder mit verbundenen Augen ein Lebensmittel zu erkennen, weiß, wie sehr Geruch und Farbe des Essens das Geschmacksempfinden beeinflussen.

Essen ist eine Sinneserfahrung - und das macht sich die Lebensmittelindustrie zunutze. Mit Hilfe von Aromen und Farbstoffen ahmt sie das Aussehen und den Geschmack von Früchten oder Fleisch nach. Die künstlichen Lebensmittel sind für den Verbraucher häufig kaum vom natürlichen Produkt zu unterscheiden. Doch damit nicht genug: Obwohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) alle Lebensmittelzusatzstoffe prüft, stehen zahlreiche unter dem Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

"320 Zusätze sind inzwischen zugelassen und es werden immer mehr", sagt Silke Schwartau von der Hamburger Verbraucherzentrale. Für einen Ratgeber beurteilten die Verbraucherschützer alle zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffe. "Bei vielen Substanzen sind wir, was die Sicherheit angeht, anderer Meinung als die Efsa und die Industrie", sagt Schwartau. Knapp die Hälfte der Zusatzstoffe (143 Stück) empfehlen die Verbraucherschützer, sicherheitshalber nur selten oder in geringen Mengen zu verzehren - darunter fällt unter anderem der Geschmacksverstärker Glutamat. Bei ein paar Zusätzen raten sie sogar ganz vom Verzehr ab, viele davon sind Azofarbstoffe.

Hyperaktivität und Allergien

Bereits 2007 hatte eine Studie aus dem Fachmagazin "Lancet" ergeben, dass Azofarbstoffe Hyperaktivität bei Kindern begünstigen können. Obwohl die Efsa die Aussagekraft der Untersuchung in Frage stellt, müssen Lebensmittel mit den Azofarben Tartrazin (E 102), Gelborange S (E 110), Azorubin (E 122), Cochenillerot (E 124), Allurarot (E 129) oder dem Farbstoff Chinolingelb (E 104) nun einen Warnhinweis tragen: "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen." Zuletzt entdeckte die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein die Farben Ende 2012 vermehrt in Halloween-Süßigkeiten für Kinder.

Darüber hinaus stehen Azofarbstoffe im Verdacht, Allergien oder Pseudoallergien auslösen zu können. Letztere führen wie echte Allergien zu Asthma oder Hautödemen, lassen sich aber nicht über einen Allergietest nachweisen. Besonders häufig von Nebenwirkungen betroffen seien Menschen, die auch auf den Konservierungsstoff Benzoesäure oder auf Aspirin allergisch reagieren, berichtet die Verbraucherzentrale Hamburg. Die Efsa weist im Zusammenhang mit Tartrazin darauf hin, dass der Farbstoff "bei einem kleinen Teil der Bevölkerung Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen kann". Bei den anderen Stoffen sei ein Zusammenhang mit Allergien nicht eindeutig nachgewiesen, so die Stellungnahme.

Strengere Grenzwerte waren überfällig

Dennoch verschärfte die Behörde Anfang Juni 2013 für drei der umstrittenen Farbstoffe - Gelborange S, Chinolingelb und Cochenillerot - die erlaubten Höchstmengen in Lebensmitteln. Schon vor drei Jahren wurde die zulässige tägliche Höchstdosis für diese Farbstoffe herabgesetzt. Für Chinolingelb, das in den USA als Lebensmittelzusatzstoff ganz verboten ist, sank der Grenzwert damals von zehn Milligramm auf 0,5 Milligramm - also um das 20fache.

"Das zeigt, dass auch die Behörden sich bei diesen Farbstoffen nicht ganz sicher sind", sagt Schwartau. "Langfristig fordern wir ein Verbot von Azofarbstoffen in Lebensmitteln." Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich die Efsa nicht zu den Vorwürfen. Laut Kritikern wäre es aber einfach, die umstrittenen Farbstoffe zu ersetzen: Mit Fruchtsäften aus Rote-Beete- oder Brennnesseln lassen sich Lebensmittel ebenfalls einfärben, allerdings weniger knallig.

Möglichst viele Speisen selbst zubereiten

Um die Dosis umstrittener Lebensmittelzusatzstoffe gering zu halten, empfehlen Verbraucherschützer, auf Fertigprodukte zu verzichten und auch Salatsoßen, Puddings oder Kartoffelbrei selbst zuzubereiten. Daneben können Biolebensmittel eine Lösung sein. Bei ihnen dürfen die Hersteller laut Öko-Verordnung nur aus knapp 50 Zusatzstoffen wählen, die auch die Verbraucherzentralen weitestgehend für unbedenklich halten.

In Biolebensmitteln komplett verboten sind Farb- und Süßstoffe, Stabilisatoren und Geschmacksverstärker, die als Zusatzstoffe gelten. Nur bei vier der in Biolebensmitteln grundsätzlich erlaubten Konservierungsstoffe raten die Verbraucherschützer zum seltenen Verzehr oder warnen vor Unverträglichkeiten bei empfindlichen Menschen: Schwefeldioxid (E 220), Kaliummetabisulfit (E 224), Natriumnitrit (E 250) und Kaliumnitrat (E 252). Gleiches gilt für Kalziumphosphate (E 341 (I)) und fünf Verdickungs- und Feuchthaltemittel: Alginsäure (E 400), Natriumalginat (E 401), Kaliumalginat (E 402), Agar-Agar (E 406) und Carrageen (E 407).

"Der Verbraucher zieht im Kräftemessen mit der Industrie den Kürzeren", sagt Schwartau. In der Vergangenheit ist die Efsa bereits mehrfach in die Kritik geraten, weil im Verwaltungsrat, der auch die Mitglieder der wissenschaftlichen Gremien benennt, Vertreter der Lebensmittelindustrie und industrienaher Organisationen Platz nehmen. Das derzeitige Mitglied Milan Kovác etwa war laut der lobbykritischen Seite Lobbypedia noch bis Juli 2011 Vorstandsmitglied beim International Life Sciences Institute Europe (Ilsi Europe), das als einflussreiche Lobbyorganisation im Lebensmittelbereich gilt.

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