Vermeintlicher "Babyspeck" Viele Eltern unterschätzen das Übergewicht ihrer Kinder

Selbst wenn sie deutlich zu viel auf die Waage bringen, halten Eltern ihre Sprösslinge häufig für normalgewichtig, zeigt eine aktuelle Analyse. Für die Kinder birgt das Gefahren.

Harmloser "Babyspeck" oder bedenkliches Übergewicht: Viele Eltern verschätzen sich beim Gewicht ihrer Kinder
Kwanchai Chai-Udom/ EyeEm/ Getty Images

Harmloser "Babyspeck" oder bedenkliches Übergewicht: Viele Eltern verschätzen sich beim Gewicht ihrer Kinder


"Das verwächst sich...": Eltern dicker Kinder sehen ihren Nachwuchs häufig nicht als übergewichtig oder gar fettleibig an. Auch die Mädchen und Jungen kannten ihren hohen Gewichtsstatus oft nicht, zeigt eine breite Untersuchung, die auf dem europäischen Kongress für Adipositas (Fettsucht) im britischen Glasgow vorgestellt wurde.

Für die betroffenen Kinder kann das schwerwiegende Folgen haben. Übergewicht gilt als Risikofaktor für Bluthochdruck, Diabetes, Nierenerkrankungen sowie verschiedene Krebsarten wie Darm- und Brustkrebs. Laut einer Studie war es weltweit die Ursache für vier Millionen Todesfälle im Jahr 2015 - das entspricht rund sieben Prozent der Todesfälle in dem Zeitraum. Zwei Drittel der Betroffenen starben an Herzkreislauferkrankungen.

Fast jedes fünfte Kind ist übergewichtig

"Trotz der Versuche, das öffentliche Bewusstsein für das Problem der Fettsucht zu fördern, zeigen unsere Ergebnisse, dass das Übergewicht der Kinder oft unterschätzt wird", sagte Abrar Alshahrani von der englischen Universität Nottingham. Folglich bekämen viele Kinder nicht die Unterstützung, die sie bräuchten, um gesund zu bleiben. Weltweit gelten derzeit mehr als 17 Prozent der Mädchen und mehr als 19 Prozent der Jungen als übergewichtig. Im Jahr 1975 waren es noch weniger als fünf Prozent.

Für ihre Metaanalyse nutzten die Wissenschaftler weltweit 87 Studien aus den vergangenen fast 20 Jahren. Diese umfassten 24.774 Kinder und Jugendliche von 0 bis 19 Jahren und deren Eltern. Solche Studien gelten in der Forschung als zuverlässiger, weil sie in der Regel auf einer großen Datengrundlage basieren und das Wissen aus mehreren Studien zusammenfassen. Allerdings ist die aktuelle Studie noch nicht in einem medizinischen Fachblatt veröffentlicht worden.

Das Ergebnis der Metastudie: 55 Prozent der Eltern von zu dicken Kindern unterschätzen deren Gewichtsstatus - vor allem bei kleinen Mädchen und Jungen. Eltern, die selbst zu viele Kilos auf die Waage bringen und einen geringen Bildungsstatus haben, liegen besonders häufig daneben. Zudem schätzte etwa jedes dritte zu dicke Kind sein Übergewicht ebenfalls als zu gering ein. Auch viele Mediziner irrten sich, wenn es um eine korrekte Einschätzung des Übergewichts ging, warnen die Forscher.

Um den Grad des Übergewichts zu bestimmen, gibt es verschiedene Methoden. In der Studie berücksichtigten die Forscher die Größe und das Gewicht der Kinder sowie den Umfang der Taille und der Hüfte. Gängig ist auch der sogenannte Body-Mass-Index (BMI), der das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße setzt. Eine Berechnung des BMI ist erst für Kinder ab einem Jahr möglich. Auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung können Eltern prüfen, ob ihr Kind nach den Definitionen des BMI als übergewichtig gilt. Ein zweijähriges Mädchen mit einer Körpergröße von 90 Zentimetern, das 17 Kilogramm wiegt, wird beispielsweise als schwer übergewichtig eingestuft.

Die Hauptgründe für Übergewicht sind meist ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung. Was Kinder essen hat beispielsweise oft eine besonders hohe Energiedichte. Das heißt, es enthält pro 100 Gramm sehr viele Kalorien. Das Durchschnittsessen der Kinder in Europa enthält laut einer von der EU finanzierten Studie 200 Kilokalorien pro 100 Gramm. Das entspricht etwa den Kalorien von Fertigpommes aus dem Backofen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vor Kurzem erstmals Empfehlungen herausgegeben, wie viel sich Kleinkinder bis fünf Jahre bewegen sollten. Demnach sollten Drei- bis Vierjährige mindestens 180 Minuten am Tag körperlich aktiv sein. Laut einer aktuellen Langzeitanalyse bewegen sich 80 Prozent der Kinder in Deutschland zu wenig. Demnach verbringen die 6- bis 17-Jährigen pro Tag im Schnitt nur knapp 50 Minuten mit moderater bis anstrengender Bewegung.

koe/dpa



insgesamt 42 Beiträge
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SusiWombat 29.04.2019
1. Liebe macht blind
Das hat die Natur sicher aus guten Gründen so eingerichtet. Sonst würden Kinder, die der jeweils gültigen optischen Norm nicht entsprechen, gar nicht aufgezogen. Wenn man Glück hat, gilt das übrigens fürs ganze Leben. Es gibt so viele Männer, die sich unter "Cellulite" nichts vorstellen können - obwohl sie sie ständig vor Augen haben. Und auch das ist gut so. Ich bin übrigens dankbar, dass ich als Kind "etwas übergewichtig" (so wurde das bei der Schuluntersuchung genannt) sein durfte. Den folgenden Wachstumsschub hätte ich sonst wahrscheinlich nicht geschafft.
gumbofroehn 29.04.2019
2. Dabei ist es relativ einfach ...
... seitens der WHO gibt es die Child Growth Standards (https://www.who.int/childgrowth/standards/bmi_for_age/en/). Da kann dann jeder, der eine Waage, einen Zollstock und einen Taschenrechner hat, feststellen, wo sein Kind liegt. Sollte gerade für Ärzte gut zu schaffen sein.
whitewisent 29.04.2019
3.
Was erwartet die Forscher, wenn über die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig ist, gibt das den Standard vor, was man für normal hält. Es ist auch mal wieder erstaunlich, wie trotz aller Aufklärung hier indirekt die These unterstützt wird, daß "dünne Kinder" gesünder seien. Ein "Normalgewicht" gibt es nicht mehr, immer wird auf alle möglichen Werte abgestellt. Es gibt jedoch auch bei Kindern Unterschiede, zum Beispiel im Verhältnis der Größe des Rumpfes zu den Gliedmaßen. Und nicht jeder sieht es gern, wenn sein Sohn bereits in der Kita als Lauch abgestempelt wird, weil er weder Muskulatur noch Gewicht hat. Dicke Kinder sind häufig auch größer als Gleichaltrige, was bis zu 2 Jahren ausmachen kann, was die körperliche Reife bei gleichen geistigen Fähigkeiten ausmacht. Liegt auch daran, dass viele "gesunde Lebensmittel" wie Obst und Milcherzeugnisse hochenergetisch sind, und die Portionen für Kinder nicht bedarfsgerecht sondern nach Laune der Kinder gestaltet werden. Und ja, es wächst sich raus, das Zauberwort ist Pubertät. Etwas, was bei vielen Untersuchungen nicht wirklich einbezogen wird. Weil man eben nicht bereit ist darüber zu sprechen, dass heute bereits neunjährige Mädchen körperliche Veränderungen des Frauwerdens erleben. Da ist der Busenansatz kein Babyspeck, sondern schlicht eine Vorstufe der weiblichen Brust, die eben nicht bis zum 16.Lebensjahr auf Erbsengröße bleibt. Genauso Becken und Po. Wenn jedoch auf ein gesundes Körperempfinden der Eltern wie hier durch Experten so ablehnend reagiert wird, sollte man sich fragen, was schlimmer ist, nen zufriedener kleiner Fleischklops, oder eine magersüchtige Zwölfjährige voller Komplexe, die nach jeder Mahlzeit zum Erbrechen auf die Toilette rennt.
vogelskipper 29.04.2019
4. Wir essen auch viel zu viel
Das Problem ist doch, dass wir einfach viel zu viel essen! Wir essen morgens, weil es da Frühstück gibt, mittags und abends, weil es eben so Tradition ist und dann den Snack hier und da dazwischen. Wer ißt denn noch, weil er wirklich Hunger hat? Der Mensch hat aber hunderttausende von Jahren ganz anders gegessen. Er hatte immer wieder Hungerperioden, wenn nicht ausreichend Nahrung verfügbar war und deshalb ist er so gut Fettpolster anzulegen, wenn es Nahrung gibt, damit er davon zehren kann, wenn es nichts gibt. Ich war nie fett, habe jetzt aber doch meine 5-7 Kilo zu viel und mit Mitte 50 ist das fast nicht weg zu bekommen, trotz viel Ausdauersport, wenn man nicht die Ernährung umstellt. Ein großes Problem ist auch der ganze Verzehr von Fertiggerichten, die einfach nicht gesund sind. Da werden dann so viele Kalorien zu sich genommen, dass der Körper den Großteil als Fett einlagern muss, weil er sie gar nicht braucht. Und meine Beobachtung ist aber leider auch, dass die meisten fetten Kinder auch fette Eltern haben. Da wird es dann sehr schwierig etwas zu verändern.
widower+2 29.04.2019
5. Manchmal
Zitat von whitewisentWas erwartet die Forscher, wenn über die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig ist, gibt das den Standard vor, was man für normal hält. Es ist auch mal wieder erstaunlich, wie trotz aller Aufklärung hier indirekt die These unterstützt wird, daß "dünne Kinder" gesünder seien. Ein "Normalgewicht" gibt es nicht mehr, immer wird auf alle möglichen Werte abgestellt. Es gibt jedoch auch bei Kindern Unterschiede, zum Beispiel im Verhältnis der Größe des Rumpfes zu den Gliedmaßen. Und nicht jeder sieht es gern, wenn sein Sohn bereits in der Kita als Lauch abgestempelt wird, weil er weder Muskulatur noch Gewicht hat. Dicke Kinder sind häufig auch größer als Gleichaltrige, was bis zu 2 Jahren ausmachen kann, was die körperliche Reife bei gleichen geistigen Fähigkeiten ausmacht. Liegt auch daran, dass viele "gesunde Lebensmittel" wie Obst und Milcherzeugnisse hochenergetisch sind, und die Portionen für Kinder nicht bedarfsgerecht sondern nach Laune der Kinder gestaltet werden. Und ja, es wächst sich raus, das Zauberwort ist Pubertät. Etwas, was bei vielen Untersuchungen nicht wirklich einbezogen wird. Weil man eben nicht bereit ist darüber zu sprechen, dass heute bereits neunjährige Mädchen körperliche Veränderungen des Frauwerdens erleben. Da ist der Busenansatz kein Babyspeck, sondern schlicht eine Vorstufe der weiblichen Brust, die eben nicht bis zum 16.Lebensjahr auf Erbsengröße bleibt. Genauso Becken und Po. Wenn jedoch auf ein gesundes Körperempfinden der Eltern wie hier durch Experten so ablehnend reagiert wird, sollte man sich fragen, was schlimmer ist, nen zufriedener kleiner Fleischklops, oder eine magersüchtige Zwölfjährige voller Komplexe, die nach jeder Mahlzeit zum Erbrechen auf die Toilette rennt.
Manchmal "wächst es sich tatsächlich aus". In den meisten Fällen aber nicht. Moderates Übergewicht ist weder in der Kindheit noch später ein gesundheitliches Problem. Man sieht aber leider immer mehr stark übergewichtige oder sogar adipöse Kinder. Das mit einem "gesunden Körperempfinden" der Eltern zu verbrämen, ist lustig. Oder eigentlich doch nicht. Was ich so bei den Klassenkameraden meiner Kinder sehe, wird sich nie mehr auswachsen, sondern ein ebenso lebenslanges wie lebensverkürzendes Problem sein.
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