Barfußlaufen Den Fuß fordern

Emanuel Bohlander bringt Joggern das Barfußlaufen bei. Der Coach spricht über die negativen Aspekte von Schuhwerk, Hornhaut und die geistige Schwerstarbeit beim Zehen-Yoga.
Emanuel Bohlander beim Laufen

Emanuel Bohlander beim Laufen

Foto: Nadine Targiel
Zur Person
Foto: Tino Kukulies

Emanuel Bohlander, eigentlich Diplom-Ingenieur, gründete vor zwei Jahren die "Barefoot Academy" in Düsseldorf.Webseite der "Barefoot Academy" 

SPIEGEL ONLINE: Herr Bohlander, wozu braucht man einen Barfuß-Coach? Kann man nicht einfach die Schuhe ausziehen und los geht's?

Bohlander: Seit einigen Jahren wird das Barfuß-Thema, vor allem in der Läuferszene , populärer. Die Folge ist, dass die Menschen einfach ohne Schuhe loslaufen und sich verletzen, weil sie ihre untrainierten Füße überbelasten. Besonders auf dem harten Asphalt.

SPIEGEL ONLINE: Wieso untrainiert? Läufer benutzen doch ihre Füße.

Bohlander: Eingepackt in Schuhe mit spezieller Federung und Polstern gegen das Umknicken - das nimmt dem Fuß die Arbeit ab. Unsere Füße sind muskulär unterentwickelt. Hinzu kommen Haltungsschäden. Von Klein auf tragen wir Schuhe, die durch ihre Form unsere Fußhaltung schädigen. Bei mir kommen schon Kinder mit Spreiz- oder Senkfüßen in die Kurse.

SPIEGEL ONLINE: Schuhe führen zu Fehlhaltungen der Füße?

Bohlander: Ja, und da hört es nicht auf. Die Füße sind unser Fundament. Dort entsteht die muskuläre Verteilung im Körper. Ein schiefer großer Zeh kann zu einem schiefen Knie führen - zu einem schiefen Becken und sich schließlich negativ auf die Wirbelsäule auswirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie repariert man das Fuß-Fundament?

Bohlander: Zum Beispiel barfuß. Weil der Fuß direkten Kontakt mit dem Boden hat, muss er mehr leisten. Man kann seine Füße auch anders stärken: Toega - Yoga für die Füße - ist Gymnastik für die Zehen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Yoga zu tun?

Bohlander: Beim Yoga geht es viel um Körperbewusstsein. Beim Toega will man den Fuß bewusster wahrnehmen und seine Mobilität wieder herstellen - durch Dehnen, Strecken und Kräftigung. Das sind auch im Yoga wichtige Bestandteile. Nach einer Stunde Toega sind die meisten fertiger als nach einer Stunde Laufen.

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SPIEGEL ONLINE: Warum? Wackelt man nicht nur etwas mit den Zehen?

Bohlander: Sich konzentriert mit seinen Füßen zu beschäftigen ist geistige Schwerstarbeit. Vor allem, wenn man es noch nie getan hat. Versuchen Sie einfach zehnmal die kleinen Zehen ohne den großen Zeh anzuheben.

SPIEGEL ONLINE: Kommen vor allem Läufer zu Ihren Barfuß-Kursen?

Bohlander: Nicht nur, aber natürlich sind viele Kursteilnehmer Läufer, die auf das Barfußlaufen umsteigen wollen und Hilfe suchen. Das ist vernünftig. Sonst ist die Verletzungsgefahr recht hoch.

SPIEGEL ONLINE: Wegen Steinchen oder Scherben auf den Wegen.

Bohlander: Ich habe mich noch nie beim Barfußlaufen geschnitten. Oft läuft man nicht komplett barfuß, sondern in Barfußschuhen. Darin hat man fast die gleiche Beweglichkeit und eine schützende Gummisohle. Die Verletzungen sind meist im Fuß, Achillessehne oder an der Wade. Ich habe mir bei meinem ersten Barfußlauf die Wade gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als sei Barfußlaufen doch keine gute Idee.

Bohlander: Nur, wenn man es falsch macht. Das erste Mal Barfußlaufen fühlt sich wie fliegen an. Da übertreibt man schnell.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Verletzungsgefahr so hoch ist, warum überhaupt barfuß joggen?

Bohlander: Wenn der Fuß vorbereitet ist, vermindert sich die Schmerz- und Verletzungsgefahr - nicht nur barfuß, auch im Vergleich zum Laufen mit Laufschuhen.

SPIEGEL ONLINE: Laufschuhe sind nicht gut für den Fuß?

Bohlander: Wenn etwas kaputt ist, kann man es nicht immer mit hochtechnischen Schuhen ausgleichen. Und mit Einlagen versucht man das Fußgelenk wieder gerade zu richten. Unser Fuß kann das eigentlich selbst. Statt dem Fuß noch mehr Funktion zu rauben, sollten wir sie zurückgeben.

Ich bin früher gefühlt jeden Monat bei Orthopäden gewesen und habe neue Einlagen bekommen. Es wurde trotzdem immer schlimmer. Erst zwickte die Achillessehne, dann das Knie, die Hüfte und am Schluss konnte ich kaum zwei Kilometer laufen: Mein Nacken war so verspannt, dass ich den Kopf nicht drehen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht mit dem Laufen aufgehört?

Bohlander: Es hat mir sonst viel Spaß gemacht. Bei meiner Suche nach Heilung bin ich auf das Buch "Born to Run" gestoßen. Darin wird die Barfuß-Thematik behandelt - in meinem Kopf hat es sofort Klick gemacht. Ich habe das Barfußlaufen gelernt und seit drei Jahren ist der Laufsport für mich komplett schmerzfrei.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sicher eine ordentliche Hornhaut.

Bohlander: Nein. Hornhaut entsteht primär durch Reibung und Feuchtigkeit. Beim Barfußlaufen gibt es beides nur selten. Was entsteht, ist eine Verdickung der Fettschicht unter der Epidermis (obere Hautschicht) - landläufig Lederhaut genannt. Das fühlt sich ähnlich an wie bei Hundepfoten. Natürlich ist man noch kitzelig und spürt den Untergrund, kleine Pieksereien wie Steinchen nimmt man aber kaum noch wahr.

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