SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. September 2013, 14:58 Uhr

Joggen

"Am besten wäre es, barfuß zu laufen"

Barfußlaufen trainiert die Fußmuskulatur und sorgt für einen natürlichen Laufstil, sagt Bewegungsmediziner Rüdiger Reer. Er empfiehlt, Hightech-Laufschuhe so früh wie möglich gegen minimalistische Varianten auszutauschen - zumindest, wenn der Arzt seine Zustimmung gibt.

SPIEGEL ONLINE: In der Szene trifft man beim Thema Laufschuhe auf zwei Lager: Die einen bevorzugen stark gedämpfte Hightech-Schuhe, die anderen sind Minimalisten, nutzen Zehenschuhe oder würden am liebsten barfuß laufen. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Reer: Am besten wäre es natürlich, barfuß zu laufen. Aber weil wir keine Steinzeitmenschen mehr sind und keine schützende Hornhaut haben, brauchen wir einen gewissen Schutz. Minimalistische Laufschuhe oder Zehenschuhe sind die bessere Variante, weil man mit ihnen natürlicher läuft und die Fußmuskulatur trainiert, während in Hightech-Schuhen der Schuh die ganze Arbeit übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: In Hightech-Schuhen laufen wir unnatürlich?

Reer: In gewissem Sinne - ja. Und deswegen ist es gut, mit Zehenschuhen so früh wie möglich anzufangen, weswegen sie vor allem Kindern und Jugendlichen zu empfehlen sind. Bei Kindern hat man noch ein großes Formungspotenzial, was den Fuß angeht. Das Längs- und Quergewölbe des Fußes wird aufgespannt und durch die Muskulatur stabilisiert. In Hightech-Schuhen ist das weniger ausgeprägt.

SPIEGEL ONLINE: Also, klare Empfehlung: nur noch in Zehenschuhen laufen?

Reer: Das kann man so nun auch nicht pauschal sagen, weil Zehenschuhe nicht für jeden geeignet sind, beispielsweise nicht für Leute mit Fußerkrankungen oder Fehlstellungen des Fußgewölbes, die Einlagen benötigen. Das muss man immer im individuellen Fall entscheiden. Am besten ist es, bevor man sich Zehenschuhe kauft, eine Bewegungsanalyse oder sogar eine sportmedizinische Untersuchung zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es eigentlich so wichtig, die Fußmuskulatur zu trainieren?

Reer: Sie stabilisiert den Fuß und schützt die Achillessehne. Aber es geht noch um mehr. Der Fuß ist ja das letzte Glied in der Körperkette. Probleme in der Fußmuskulatur können sich auch auf das Becken und den Rücken auswirken.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit Zehenschuhen einfach so loslaufen wie mit normalen?

Reer: Nein. Eben weil wir es nicht mehr gewöhnt sind, barfuß zu laufen, wirken stärkere Kräfte auf den Fuß und auf die Achillessehne. Also: langsam angehen lassen und vorsichtig steigern, sonst kann es zu Verletzungen und Schädigungen infolge von Überlastung kommen. Und man muss sich natürlich auch erst nach und nach den anderen Laufstil angewöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Anderer Laufstil?

Reer: Beim Barfußlaufen oder Laufen mit minimalistischen Schuhen wird bei höheren Geschwindigkeiten der Vorderfußlauf bevorzugt, bei längeren Strecken und niedrigeren Geschwindigkeiten der Fersen- oder Rückfußlauf. Die Umstellung auf den richtigen Laufstil passiert automatisch, man sollte nicht versuchen, mit aller Macht seinen Laufstill umzupolen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Schuh also den Laufstil vorgibt und Hightech-Schuhe uns zu einem unnatürlichen Laufstil zwingen - welchen Sinn machen dann die Laufstilanalysen beim Sportschuhkauf?

Reer: Die Analyse müssen Sie immer in Bezug auf den Schuh sehen. Es wird analysiert, inwiefern der neue Schuh zu Ihrem bereits antrainierten Laufstil und der anatomischen Beschaffenheit des Fußes passt.

SPIEGEL ONLINE: Der Laufstil ist ja aber von vornherein schon nicht mehr natürlich.

Reer: Ja, das stimmt. Aber das ist nun mal die Realität. Wir laufen alle nicht mehr barfuß. Und Sie müssen ja auch bedenken, dass viele Menschen anatomische Besonderheiten haben. Der eine läuft beispielsweise mehr nach innen, der andere nach außen. Und darauf kann man die Schuhauswahl abstimmen. Insofern ist die Analyse schon sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß früher immer, Hightech-Schuhe wären gelenkschonender, weil sie den Aufprall mehr dämpfen. Zehenschuhe dämpfen gar nichts mehr, werden aber trotzdem empfohlen. War das nun alles falsch mit dem Gelenkschonen?

Reer: Nein, das war nicht falsch, aber es war zu einseitig gedacht. Man hat einfach nicht bedacht, dass ja der Fuß selbst gut dämpfen kann, wenn seine Muskulatur ans Barfußlaufen oder Laufen mit Zehenschuhen gewöhnt wurde. Nach heutigem Kenntnisstand ist klar: Diese massive Dämpfung, die noch vor einigen Jahren vielfach propagiert wurde, ist nicht nötig und auch nicht sinnvoll, weil sie die natürlichen Systeme ausschaltet und verkümmern lässt. Die Laufschuhindustrie hat diesen Trend mittlerweile auch erkannt, viele große Hersteller haben Minimalschuhe im Angebot und sind damit erfolgreich. Dennoch: Für Leute mit Fuß- oder Rückenproblemen sind Hightech-Schuhe mit Dämpfung gegebenenfalls sinnvoll.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung