Achilles' Verse Bestraft Verkehrs-Hooligans härter!

Radfahren ist gesund - eigentlich. Doch was passiert mit dem Radler, wenn der Schulterblick des Autofahrers ausbleibt? Geht meist nicht gut aus. Ein Plädoyer für mehr Verkehrssicherheit.

Verkehrsunfall (Archivbild)
DPA

Verkehrsunfall (Archivbild)


Was ein furchtbares Wochenende: Am Samstag übersieht ein abbiegender Laster in Kreuzberg einen Radfahrer. Tot. Am Sonntag rasen zwei Rennradler am Wannsee ungebremst in einen Geländewagen, einer direkt durch die Heckscheibe. Ein Streckenposten wird umgefahren, ein dritter Radler in den Sturz verwickelt. Spätfolgen ungewiss.

Wie in der Hauptstadt gilt überall in Deutschland: Frühlingszeit - Radunfallzeit. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 400 Radfahrer bei Verkehrsunfällen. Rund 80.000 werden verletzt, 15.000 davon schwer. Unklar bleiben Dunkelziffer und Spätfolgen. Sicher ist nur: Wer weitgehend ungeschützt mit einem Auto kollidiert, ist im Nachteil, erst recht, wenn die Zahl schwachsinnig hochgerüsteter und martialischer SUVs stetig zunimmt.

Wir haben Angst vor Terrorismus, wir fahnden Mikrospuren irgendwelcher Allergene hinterher - aber eine der geläufigsten lebensverkürzenden Bedrohungen im Alltag nehmen wir als quasi-schicksalhaft an.

Wer je an einem Volksradrennen teilnahm, ist vertraut mit dem Knirschen, wenn Karbon auf Asphalt knallt und einige Quadratzentimeter Haut auf der Straße bleiben. Wer je in einer deutschen Großstadt mit dem Rad unterwegs war, kennt die vielen Alltagssituationen, wenn der Schulterblick des Autofahrers ausbleibt, wenn ungeduldige Piloten aus Einfahrten auf den Radweg oder haarscharf an Radlern vorbeischießen, bisweilen unverhohlen aggressiv.

Nein, es sind nicht die Autofahrer allein

Wer seine Kinder morgens mit dem Rad zur Schule lässt, schickt immer auch ein Gebet mit, dass all die gehetzten Morgenmuffel ihre Übellaunigkeit auf jemand anderen projizieren als unseren Nachwuchs.

Nein, es sind nicht die Autofahrer allein, es ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, das nervt und obendrein lebensgefährlich ist. Radaktivisten mit ihren Lärmgerätschaften, ihrer Aggressivität und dem Bessermenschenblick tragen ebenso wenig zu einem gedeihlichen Miteinander bei wie Autofahrer, die die Wutmenschenparole von der "freien Fahrt für freie Bürger" vor sich hin murmeln. Und wie soll die Straße erst aussehen, wenn Lastenräder und E-Bikes, Mannschaftsräder, Segways und Hoverboards in noch größerer Zahl durch die Städte ruckeln, rasen oder fliegen?

Im Vergleich zur Gleichberechtigung auf der Straße ist die Emanzipation weit fortgeschritten. Höchste Zeit, dass ein Konsens darüber herbeigeführt wird, wie die Prioritäten liegen: Ein Autofahrer, der es eilig hat, genießt keinesfalls automatisch Vorfahrt. Wer einen Geländewagen steuert, der ein deutlich höheres Verletzungsrisiko für ungeschützte Verkehrsteilnehmer bedeutet, ist im Unfallfall besonders empfindlich zu bestrafen. Radfahrer, die eine rote Ampel oder ordentliche Beleuchtung (mea culpa!) allenfalls für einen Vorschlag halten, ebenfalls.

Erwachsene Menschen werden zu Zombies

Wer Radrennen veranstaltet, hat dafür Sorge zu tragen, dass die Teilnehmer im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind. Wer jemals erlebte, wie sich erwachsene Menschen, vorwiegend Männer in den besten Jahren, in Zombies verwandeln, sobald sie auf ihren teuren Rennmaschinen Platz genommen haben, der nimmt freiwillig Abstand von Volksrennen. Vorübergehende oder lebenslängliche Sperren für Bike-Hooligans dürfen kein Tabu sein.

Ein Wort noch zu den Streckenposten: Wer freiwillig stundenlang mit einem Fähnchen in einer Einfahrt steht, um eine Rennstrecke zu bewachen, dem gilt zunächst einmal der herzlichste Dank aller Freizeitsportler. Andererseits gehört es zur bösen Realität, dass nicht immer die hellsten Kerzen auf dem Kuchen zum Streckendienst abkommandiert werden. Nicht die Warnweste, sondern klare Ansagen und eindeutiges Verhalten machen aus einem Streckenposten eine Respektsperson.

Und schließlich das Verkehrsrecht: Wenn Raser wegen Mordes verurteilt werden können, warum dann nicht auch rücksichtslose Autopiloten, die Radler zu Tode fahren? Zugleich müssen Radfahrer für ihre zahllosen großen und kleinen Vergehen empfindlich bestraft werden.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Wildwuchs, Augenzudrücken und das Hoffen auf Vernunft zeigen keine große Wirkung. Selbstorganisation funktioniert nicht. Der Erfolg von Radfahrerstädten oder Ländern mit deutlich positiverer Unfallstatistik ist auch darauf zurückzuführen, dass die Polizei humorlos mit Verkehrssündern umgeht. Nicht schön, aber lebensverlängernd.



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modellflieger 30.03.2017
1. Verkehrserziehung
In einer dunklen Nacht fährt ein Radfahrer bei Rot über die Ampel. Licht hat er nicht an. Täglich sehe ich Radfahrer über einen Zebrastreifen fahren, was seit diesem Jahr verboten ist. Ich habe schon einigen Radfahren das Leben gerettet oder sie wenigstens vor Verletzungen bewahrt. Als Radfahrer habe ich einige Treffer abbekommen. Ich wundere mich jetzt noch, dass ich lebe. Typisch gegen die öffnende Autotür gefahren. Auch stehende Autos sind also gefährlich.
H-Vollmilch 30.03.2017
2. Meine persönliche Erfahrung.
Und die mache ich als Autofahrer jeden Tag aufs neue: Die Rücksichtnahme der Autofahrer aus s.g. schwächere Verkehrsteilnehmer verhält sich in etwa so wie Radfahrer und die Beachtung geltender Verkehrsregeln. Über diese Aussage sollten sowohl Auto- als aber auch Fahrradfahrer mal gründlich nachdenken.
derhey 30.03.2017
3. Parallel
warum geht eigentlich nicht beides: Hohe Strafen für Verkehrsrowdies (Radfahrer + Autofahrer - also auch Lkw) und Verkehrserziehung? Wenn man manche Experten hört, man zähle auf Erziehung/Einsicht/Prävention etc verstehe ich nicht, weshalb parallel dazu eine hohe Strafandrohung ausscheiden soll.
GungaDin 30.03.2017
4. Hochgerüstete, martialische SUV?
Nun, ich habe im Zivildienst genug Radfahrer aufgelesen, und es war furchtbar egal, mit was für einem Auto die kollidiert waren. Ich habe aber auch einige Male ältere Menschen versorgen müssen, die auf dem Gehweg von martialisch aufgerüsteten Mountainbikes umgeblasen wurden. Also mal schön die Kirche im Dorf lassen. Das appelieren an gegenseitiger Rücksichtnahme ist angemessen und richtig, vor allem aber die Forderung an die Verantwortlichen, fahrradfreundliche Infrastrukturen zu schaffen.
iffelsine 30.03.2017
5. Bei einer 13 km-Fahrt aus einem Berliner Vorort gestern in die Mitte Berlins
sind mir drei Autofahrer so vor die Schnauze gefahren, dass ich eine Vollbremsung hinlegen mußte ( 1 Taxi und 2 Lieferwagen). Allerdings haben zwei Dutzend Radfahrer auf dieser Strecke Rotlicht missachtet (gilt anscheinend nicht für Radfahrer...), sind mit erheblicher Geschwindigkeit auf Gehwegen unterwegs gewesen oder mit ebenfalls Affenzahn über Zebrastreifen (!) gebraten. Wenn es einen dieser Radler trifft, hält sich mein Mitleid in Grenzen.
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