Leitungswasser Verblödet durch verbleite Rohre?

Jahrelang hat Kolumnist Frederik Jötten täglich literweise Leitungswasser in sich reinlaufen lassen und behauptet, es sei das gesündeste Nahrungsmittel der Welt. Dabei hat er die Bleirohre vergessen.
Wasserhahn: Je nach Beschaffenheit des Wassers variiert der Bleigehalt bei alten Leitungen

Wasserhahn: Je nach Beschaffenheit des Wassers variiert der Bleigehalt bei alten Leitungen

Foto: Jochen Eckel/ dpa

Das schreckliche Dilemma war plötzlich da und erinnerte mich an ein möglicherweise gefährliches Versäumnis. Im Sommer war ich bei meinem Freund Dominik zu Gast, er bot mir Mineralwasser aus einer Kunststoffflasche an. "Nein danke, ich nehme lieber Leitungswasser", sagte ich - wegen der hormonähnlichen Substanzen, die sich aus dem Plastik lösen können. Ich ging zur Spüle. Dominik weiß, dass ich, wie ich es nenne, rationale Krankheitsprävention betreibe. Er legte mir einfühlsam die Hand auf die Schulter. "Ich muss dir sagen, dass das Leitungswasser unten im Haus durch ein Bleirohr von etwa einem Meter Länge fließt."

Ich erstarrte mit einer Hand am Wasserhahn, den ich mich nicht mehr zu öffnen traute. Es sei nicht weiter schlimm, sagte Dominik. "Das Rohr ist von innen verkalkt, so dass sich kaum Blei lösen kann. Aber wir trinken zur Sicherheit nur Mineralwasser." Ich entschied mich spontan ebenfalls dafür und verdrängte die Episode schnell.

Vor zwei Wochen aber erzählte ich einer Freundin, dass ich normalerweise nur Leitungswasser trinke - und auch sie warnte vor Bleirohren. Wenige Tage später in der Kneipe schaute mich eine Nachbarin mit großen Augen an. "Wir haben vor einem Jahr erfahren, dass unser Vermieter in der Wohnung unter uns Bleirohre entfernt hat, seitdem trinken wir nur noch Mineralwasser." Sie wohnt nur einen Block entfernt von mir, in einem Haus, das bestimmt 50 Jahre neuer ist als das, in dem ich wohne. Auf einmal sehe ich es genau vor mir: Wenn es irgendwo in der Stadt noch Bleirohre gibt, dann bestimmt bei uns! Das Mietshaus, in dem ich wohne, ist hundert Jahre alt, schätze ich - und der Vermieter hat in unserer Wohnung nur erneuert, was zusammengebrochen ist, oder renoviert, wenn es heftig rein geregnet hat. Unsere Heizungsleitungen laufen über dem Putz, von den Wasserrohren im Bad blättert die Farbe von Generationen von Wohngemeinschaften. Falls jemand den Vermieter auf Bleirohre angesprochen haben sollte, hat er bestimmt abwiegelt und gesagt, dass die in Ordnung seien.

Vier Liter Leitungswasser täglich

Ich rechne: Am Tag trinke ich etwa vier Liter Leitungswasser, seit zehn Jahren. Wenn das Wasser mit Blei verseucht ist, gute Nacht, dann bin ich wahrscheinlich reif für den Wertstoffhof oder eventuell sogar gefährdet, von Metalldieben entführt zu werden. Damit wären alle Bemühungen, gesund leben zu wollen ad absurdum geführt worden. Vor Jahren habe ich mir aus der Apotheke einen Prospekt über Schwermetalltests geholt. Warum habe ich den nie gemacht?

Ich rufe den Vermieter an. Mittlerweile ist der Sohn zuständig, der gerade Wohnungen im Haus renovieren lässt. "Haben wir Bleirohre im Haus?" Ein Moment Stille. "Ja, bei Renovierungsarbeiten sind welche aufgetaucht, ich wusste davon auch nichts..." Ich habe weiche Knie.

"Haben wir im dritten Stock Bleirohre?"

"Für Ihre Wohnung weiß ich es nicht genau."

Im Laufe der Konversation zeigt sich, dass zumindest bis in den ersten Stock Bleirohre verbaut sind - vom Anschluss im Keller bis zu den Steigleitungen im Haus. Dadurch wird auch unsere Wohnung mit Wasser versorgt! Ich habe zum Konsum von Leitungs- statt Mineralwasser aus Plastikflaschen aufgerufen und danach gelebt, ohne mein eigenes Wasser zu testen! Das Ministerium für Verbraucherschutz in NRW schreibt , dass Blei aus Wasserleitungen Gliederschmerzen, Sehstörungen, Nierenschädigungen, Krebserkrankungen, Nervosität, Nervenlähmungen und Gehirnstörungen auslösen kann. Bei Kindern stört es die Intelligenzentwicklung. So blöd wie ich war, könnte man meinen, es hat sich auch bei mir schon ausgewirkt. Aber jetzt habe ich die Tests endlich bestellt.

BLEI IM LEITUNGSWASSER - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Wie erkennt man Bleirohre?Wie gefährlich ist Blei?Was kann man tun, wenn Bleirohre verbaut sind?