Belastetes Wildfleisch Blei im Magen
Erlegtes Wildschwein: Belastete Leckereien
Foto: dapdOb Hirschbraten, Rehrücken oder Wildschwein - zur Festtagszeit darf's gern etwas Besonderes sein. Doch gerade Liebhaber von Wildspezialitäten sollten wissen: Wurden die Tiere mit bleihaltiger Munition geschossen, könnte der Verzehr der Gesundheit schaden.
Blei ist gefährlich, weil es mit Eiweißen und Enzymen wechselwirken kann und so in den Stoffwechsel eingreift. Das giftige Schwermetall schädigt Organe und stört viele Körperfunktionen. Insbesondere in der Leber und in den Nieren reichert es sich an und kann in den Knochen Jahrzehnte überdauern. Kinder nehmen Blei über den Verdauungstrakt besonders gut auf, nämlich zu 50 Prozent; Erwachsene dagegen nur zu 15 Prozent. Wer nur gelegentlich Wild isst oder bis zu zehn Portionen im Jahr, muss sich keine Sorgen machen.
Blei gelangt in der Regel über Getränke in den Körper, heißt es in einer Schätzung des Freiburger Forschungs- und Beratungsinstituts Gefahrstoffe (Fobig) von 2009. Belastet sind demnach Gemüse, Obst, Nüsse und Kakao sowie Getreide. Fleisch rangiert als Bleiquelle an sechster Stelle. Das hänge damit zusammen, so Fobig-Forscher Markus Schwarz, dass man viel mehr trinke als esse, denn eigentlich seien Getränke vergleichsweise gering belastet. Wie viel Blei der Durchschnittsverbraucher ausgesetzt ist, hängt also in der Regel nicht davon ab, dass er ab und zu hoch belastete Dinge isst, sondern davon, wie viel gering- bis mittelbelastete Lebensmittel auf seinem Teller landen.
Vor zwei Jahren warnte das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einem Gutachten davor, zu viel Wildbret zu essen, das mit Bleimunition erlegt wurde. Testreihen am Schießstand hatten ergeben, dass bei bestimmten sogenannten Zerlegungs- und Deformationsgeschossen rund 40 Prozent der Kugel in Trümmer fallen. Da kann der Jäger den Schusskanal noch so großzügig herausschneiden - Spuren bleiben immer zurück. Die Streuung der Munition ist gewollt: Die Tiere sollen schnell sterben und möglichst schmerzlos. Vergangenes Jahr erneuerte das BfR seine Empfehlung. Menschen, die jede Woche Wild verzehren, sollten sich der Gesundheitsgefahr bewusst sein. Besonders gefährdet sind Kinder bis sieben Jahre und Babys im Mutterleib.
Ein Verbot der Bleimunition lehnt der Jägerverband bisher ab
Mehr als 1000 Tonnen Bleischrot verbrauchen Deutschlands Jäger jährlich, außerdem acht Tonnen Blei aus den Kugeln, hat die Europäische Kommission für das Jahr 2004 ermittelt. Der Jagdschutzverband widerspricht und macht 120 Tonnen geltend, die tatsächlich in der Natur landen; der Rest bleibe etwa auf den Schießständen, sagt DJV-Sprecher Torsten Reinwald. Keine geringe zusätzliche Belastung angesichts der 270 Tonnen Blei, die laut dem DJV sowieso in Deutschland in die Umwelt geraten - ohne die Jagd.
Wie stark belastet ist unser Wild? Für Jäger ist das ein ungeliebtes Thema. Ein voreiliges Verbot von Bleimunition lehnt der Deutsche Jagdschutzverband DJV ab, solange die Datenlage des BfR "nicht verifizierbar" sei. Man wolle der Problematik aber auf den Grund gehen. Nach Angaben des Sprechers Reinwald werden derzeit rund 8000 Proben in ganz Deutschland genommen, um die tatsächliche Belastung des Wilds mit Blei, Kupfer und Zink zu dokumentieren. Mit ersten Ergebnissen wird Mitte 2013 gerechnet.
Wild-Liebhaber haben eine stark erhöhte Bleibelastung
In Jägerhaushalten werden Studien zufolge jährlich zwischen 51 und 91 Portionen mit je 200 Gramm Wildfleisch gegessen. Wildschwein zum Beispiel enthält - je nach Erhebung - zwischen 0,02 und 4,7 Milligramm Blei pro Kilogramm Fleisch, so dass Männer unter den Wild-Liebhabern das 7,2fache, Frauen das 6,4fache der normalen Bleidosis abbekämen, schreibt das BfR.
Doch trotz der Belastung sind viele Jäger gegenüber bleifreier Munition skeptisch: Unlängst hat eine Umfrage unter knapp 1700 Jägern zutage gefördert, dass mehr als ein Drittel derer, die bleifreie Munition ausprobiert hatten, wieder zu den Schwermetallgeschossen zurückkehren wollen. Grund: "mangelnde Tötungswirkung".
Eine vorläufige Auswertung von mehr als 11.000 Abschussberichten und Schusstests durch die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde kommt zu dem Schluss, dass sich auch schweres Wild wie Rothirsche und Keiler auf 300 Meter bis 250 Kilogramm genauso gut mit bleifreier Munition erlegen lässt - wenn es die richtigen Geschosse sind. Doch viele Jäger beharren auf ihren schlechten Erfahrungen draußen im Gelände mit bleifreien Kalibern und sehen die Munitionsindustrie in der Pflicht: Für die Praxis brauche es Hinweise zur Reichweite auf der Verpackung und größere Anstrengungen, um "die entsprechende unbedenkliche Munition anzubieten".
Das giftige Schwermetall, das sich in der Nahrungskette anreichert, wird vor allem in Autoakkus, Farbpigmenten, Dachabdeckungen oder im Apparate- und Kabelbau benötigt. In die Böden und Gewässer gelangt es etwa durch Regenwasser, die Kanalisation oder den Dünger. Schätzungen des Umweltbundesamts gehen von rund 400.000 Tonnen Blei aus, die in Deutschland jährlich verbraucht werden.