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Muskelsucht: Bis ins Extrem gedehnt

Foto: LUCY NICHOLSON/ REUTERS

Bodybuilding Wenn Männer zu Ballons werden

Der Film "Pumping Iron" machte Bodybuilding schlagartig weltberühmt und änderte das Männerbild dramatisch. Zugleich entstand eine neue Krankheit: die Muskelsucht. Sie ist die Magersucht der Männer.

"Deine Muskeln werden richtig prall, als würde deine Haut jede Minute explodieren, und sie sind wirklich richtig prall - es ist, als würde jemand Luft in deinen Muskel pumpen. Er bläht sich auf und es fühlt sich so anders an. Es fühlt sich phantastisch an."

Willkommen zu einem der seltsamsten Pornos der siebziger Jahre: "Pumping Iron". In dem Film kann man dem damals noch 120 Kilo schweren Schwellkörper Arnold Schwarzenegger beim Sex mit einer 150-Kilo-Hantel zusehen. "Es ist so befriedigend wie ein Orgasmus", beschreibt Schwarzenegger das Gefühl, wenn Blut in seinen Bizeps fließt, und entblößt dabei seine niedliche Zahnlücke. "Wie mit einer Frau Sex zu haben und zu kommen. Können Sie sich vorstellen, wie himmlisch ich mich fühle?"

Wahrscheinlich können sich das nur wenige Männer vorstellen, am allerwenigsten ich. Wenn ich im Fitnessstudio Eisen klacke, sehe ich das als Pflichtübung an. Die macht mir durchaus Spaß, ja, aber ein semi-erotisches Verhältnis zu den metallenen Geräten will sich bei mir einfach nicht einstellen. Bei dem einen oder anderen Kollegen, der am Nachbargerät zum Tier wird, bin ich mir da allerdings nicht so sicher.

Ein Männerbild jenseits der Realität

Vor 1977 wurden schwitzende, schreiende Männer mit Muskeln wie Luftballons noch verständnislos angesehen. Das änderte sich mit "Pumping Iron". Der Film machte das damals noch recht unbekannte Bodybuilding auf einen Schlag weltbekannt. In der Bodybuilder-Szene gilt er als Kultfilm. Im Mainstream mag er in Vergessenheit geraten sein (zu Unrecht, er ist äußerst unterhaltsam und Arnold, der Politiker in spe, gibt herrlich politisch Unkorrektes von sich), sein Einfluss ist dennoch nicht zu unterschätzen. Er war die Vorhut zu "Rocky", "Conan", "Rambo", "Terminator" und "Predator", in denen Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone und andere ein Männerbild schufen, das mit der Realität nicht mehr viel zu tun hatte. Also sahen sich Millionen Männer plötzlich veranlasst, die Realität der Leinwand anzugleichen. Die milliardenschwere Fitnessindustrie entstand.

Die neue Muskelmode brachte auch eine neue Krankheit hervor: die Muskelsucht . In den neunziger Jahren stießen die Harvard-Psychologen Harrison Pope und Roberto Olivardia gemeinsam mit Katharine Philips von der Brown University immer häufiger auf Bodybuilder, die trotz riesengroßer Muskeln immer noch unzufrieden mit ihrem Körper waren. Wie besessen verwendeten sie ihre gesamte Zeit darauf, sich noch mehr Muskelberge anzutrainieren, oftmals mit Anabolika-Unterstützung. Ein Privatleben hatten die zutiefst unglücklichen Männer nicht mehr, Beziehungen zerbrachen, Partner und Freunde verstanden die Körperbesessenheit nicht. Oftmals hatten diese Männer auch noch Essstörungen und schämten sich sehr, darüber zu sprechen - in ihren Augen war das eine Frauenkrankheit.

Tatsächlich ist die Muskelsucht "die Magersucht der Männer", wie Roberto Olivardia im Interview mit SPIEGEL ONLINE bestätigt. Beiden Leiden liegt eine Störung in der Wahrnehmung des eigenen Körpers zugrunde: Magersüchtige empfinden sich auch dann noch als zu dick, wenn sie nur noch wenig mehr als ein wandelndes Skelett sind. Muskelsüchtige 110-Kilo-Bodybuilder fühlen sich wie Hänflinge. Das Problem ist, dass man ihnen ihr Leid nicht ansehen kann. "Es fällt Leuten schwer, Mitgefühl mit einem 110-Kilo-Mann mit sechs Prozent Fettanteil zu empfinden - obwohl er das Gleiche durchmacht wie ein Magersüchtiger", sagt Olivardia.

Grenzen des Wachstums

Der Bodybuilding-Hype ist glücklicherweise abgeflaut, doch die Szene ist weiterhin aktiv und schluckt mehr Steroide denn je. "Man muss wohl davon ausgehen, dass ein Großteil der 'richtigen' Hardcore-Bodybuilder anabole Steroide nimmt", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin Klaus-Michael Braumann im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Sogar Stallone und Schwarzenegger haben ihren Konsum öffentlich zugegeben.

In meinem Fitnessstudio gibt es einige, die Muskeln haben, die man auf normalem Weg nicht erreichen kann - egal, wie viel man trainiert, denn es gibt eine genetische Grenze des Muskelwachstums. Sie sind nur das extreme Ende eines Massentrends, der nach "Pumping Iron" geblieben ist: Wir alle sind süchtig nach Muskeln. "Immer mehr junge Männer und auch Frauen legen sehr viel Wert darauf, einen gut definierten Körper zu haben und machen Krafttraining - ohne jetzt gleich aussehen zu wollen wie ein Bodybuilder", sagt Klaus-Michael Braumann.

Und so wird uns der "Weg zum perfekten Sixpack" wohl auch noch in Zukunft auf den Covern von "Men's Health" und "GQ" erhalten bleiben - so wie die gute alte Brigitte-Diät schon seit 1969.

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