Verbrannter Ex-Soldat "Wenn das Laufen weh tut, denke ich an meine Verletzungen"

Karl Hinett war 18 Jahre, als ihn im Irak eine Benzinbombe traf. Der britische Soldat überlebte, doch ein Drittel seiner Haut erlitt schwere Verbrennungen. Seine Therapie: Während der jahrelangen Behandlungszeit begann er zu laufen.

Karl Hinett beim Berglauf: 16 Operationen musste der ehemalige britische Soldat nach einer Bombenexplosion über sich ergehen lassen
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Karl Hinett beim Berglauf: 16 Operationen musste der ehemalige britische Soldat nach einer Bombenexplosion über sich ergehen lassen


ZUR PERSON
  • Karl Hinett
    Karl Hinett 27, ehemaliger Soldat der britischen Armee, wurde vor neun Jahren bei einem Militäreinsatz von einer Benzinbombe getroffen. Ein Drittel seiner Haut erlitt starke Verbrennungen. Hinett begann zu laufen und absolvierte zwei Jahre lang nahezu jede Woche einen Marathon, um Spenden zu sammeln. Heute entdeckt er die Welt durchs Laufen und nimmt an zahlreichen Extremläufen teil. Zuletzt absolvierte er den Zugspitz Ultratrail über 100 Kilometer. Nach den 16 Operationen hat Hinett sich von seinem Vater, einem Tätowierer, ein Tattoo machen lassen. Auf seinen Bauch steht: "Unscarred" (Narbenlos).
SPIEGEL ONLINE: Herr Hinett, Sie sind vor Kurzem den Zugspitz Ultratrail gelaufen: 100 Kilometer, 5400 Höhenmeter. Wie lief es?

Hinett: Der Lauf war extrem schwer, aber die Strecke war spektakulär. Für mich war wichtig, dass ich irgendwie durchkomme. Ich habe immer nur gedacht: Mach einen Schritt nach dem anderen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach mehr als 21 Stunden im Ziel angekommen. Eine tolle Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, was Sie durchmachen mussten. Haben Sie noch Erinnerungen an den 19. September 2005?

Hinett: Klar. Ich war als Soldat der britischen Armee bei meinem ersten Einsatz in Basra im Irak. Bei schweren Ausschreitungen wurde ich von einer Benzinbombe getroffen. 37 Prozent meines Körpers erlitten Verbrennungen dritten Grades: Gesicht, Nase, Mund, Fingerspitzen, Schulter, Arme, Bauch, Oberschenkel …

SPIEGEL ONLINE: Ein Wunder, dass Sie überlebt haben.

Hinett: Ja, die Chancen waren gering. Ich musste aus dem Irak geflogen werden und lag zehn Tage im Koma. Fünf Jahre hat es gedauert, bis alles abgeschlossen war: 16 Operationen. Es war ein sehr langer Prozess. Ein bisschen wie Training: Du fängst ganz unten an, bis du wieder fit bist.

SPIEGEL ONLINE: So haben Sie das gesehen? Wie Training? Keine Spur von Wut, Zorn oder Depression?

Hinett: Nein, nein. Ich wusste von Anfang an, dass es Risiken gibt, wenn man zum Militär geht. Es gab natürlich viele Momente, wo du denkst, das hört nie auf. Du fragst ständig: Warum ich? Aber nach den fünf Jahren habe ich angefangen, mich karitativ zu engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Marathon gelaufen…

Hinett: Ja, ich bin innerhalb von zwei Jahren 100 Marathons gelaufen und habe so Geld für das Krankenhaus gesammelt, das sich um mich gekümmert hat. Das hat mir wirklich ein positives Gefühl gegeben. Mit dem Spenden, rund 50.000 britische Pfund, konnte das Krankenhaus anderen Menschen helfen, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, jede Woche einen Marathon zu laufen?

Hinett: Als ich behandelt wurde, bin ich anfangs nur Spazieren gegangen, dann habe ich mich langsam gesteigert: fünf Kilometer, zehn und so weiter. Für mich fühlte es sich einfach natürlich an, aus der Tür zu treten und loszurennen. Laufen ist wie Therapie. Es beruhigt und entspannt, und man sieht die Welt auf andere Weise. Ich habe nie bereut, laufen zu gehen. Man bereut immer nur, wenn man nicht laufen war.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Schmerzen beim Laufen?

Hinett: Doch, an einigen Stellen schmerzte es schon, die Haut spannte. Aber das Schwierigste war, dass meine Haut nicht richtig atmen konnte, weil sie so beschädigt war. Deswegen war mein Körper ständig überhitzt. Ich muss sie auch heute noch stark vor Sonne und Kälte schützen.

SPIEGEL ONLINE: Das hält Sie aber nicht ab, sich Extremsituationen auszusetzen. Sie haben den Antarktis-Marathon absolviert, sind im brasilianischen Dschungel gelaufen und auf den Mount Everest gestiegen. Wieso tun Sie das?

Hinett: Du bist beim Militär, 18 Jahre alt, und fühlst dich unbesiegbar. Nach der Verwundung denkst du dir: Das war knapp. Je mehr ich gelaufen bin, desto mehr habe ich die Freiheit genossen und die Erfahrung geliebt, die man dabei macht. Ich möchte so viel von der Welt sehen und erleben, wie ich kann. Auch wenn das bedeutet, Herausforderungen anzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten gute Gründe gehabt, sich selbst aufzugeben, aber Sie wirken bemerkenswert entspannt. Wie haben Sie es geschafft, so positiv zu bleiben?

Hinett: Ich weiß nicht. Ich glaube, ich wollte mich einfach nicht geschlagen geben und mich abschotten. Ich akzeptiere, was passiert ist, und benutze es als Motivation. Wenn das Laufen weh tut, denke ich an meine Verletzungen - und dann geht es wieder.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so einfach. Holt Sie die Vergangenheit nie ein?

Hinett: Doch, manchmal. Aber es fällt mir schwer, Dingen nachzutrauern. Seit meiner Verwundung ist so viel Positives passiert. Wäre ich in der Armee geblieben, hätte ich so viele Erfahrungen nicht machen können. Ich wäre nie einen Marathon gelaufen, hätte meine Verlobte nicht getroffen und wäre nicht auf dem Mount Everest gewesen. All diese positiven Dinge hindern mich daran, Hass zu empfinden. Derzeit läuft einfach alles sehr gut. Im Leben ist es wie beim Laufen: Du machst einfach einen Schritt nach dem anderen und irgendwann erreichst du dein Ziel. Egal, wie schwer es erscheint.

Das Interview führte Frank Joung

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
gunner1886 03.07.2014
1. Schönes Interview
und sehr beeindruckender Mensch, der vielen Menschen in einer ähnlichen Situation wieder Hoffnung geben kann.
teletube 03.07.2014
2.
"Im Leben ist es wie beim Laufen: Du machst einfach einen Schritt nach dem anderen und irgendwann erreichst du dein Ziel. Egal, wie schwer es erscheint."- Hört sich einleuchtend an. Aber vielleicht ist es noch besser (und entspannter), den Weg als eigentliches Ziel zu nehmen, denn es könnte ja sein, daß man, aufgrund vorherigem Ausscheiden aus dem Leben, das vorab (und vielleicht zu hoch) gesetzte Ziel garnicht erreicht. Aber vielleicht meint er das ja...
rainer_d 03.07.2014
3. Wow
Andere fangen inszenier Situation das Saufen an, er fängt das Laufen an. :-) Respekt. Von meinen eigenen (vergleichsweise lächerlichen) Verletzungen weiss ich: es gibt ein Vorher und ein Nachher. Als Aussenstehender kann man nicht verstehen, dass die Betroffenen nicht einfach "ganz normal" weiterleben und zur Tagesordnung übergehen. Und wie er richtig sagt: vor der ersten grossen Verletzung denkt man (meistens), man sei unbesiegbar, unkaputtbar, unsterblich. Hinterher wird einem dann klar, wie "lumpig" dieses Knochengerüst mit Haut und ein paar Muskeln doch ist und wieviel Glück man bisher einfach gehabt hat.
mitburger 03.07.2014
4. Respekt
es ist kein wunder sondern der wille zum leben und andere leidende zeigen das es moglich ist das schwerste zu schaffen
anamarie 04.07.2014
5. respekt.
und alle wunden waren sowieso umsonst. heute ist nato an der seite gegen der sie damals, und dieser soldat auch, gekämpft haben. und das zeigt uns nur wie immer ein krieg sinnlos ist, und nicht einer wunde wert! nur, ein 18jähriger kann es nicht wissen, und das missbrauchen die kriegstreiber! immer!
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