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WM 2018: Das große Spucken

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"Carb rinsing" Gluck und spuck - warum machen Sportler das?

Wie Fußballer mit Getränken umgehen, ist bisweilen seltsam und ein bisschen eklig. Aus medizinischer Sicht ergibt es aber Sinn - und kann sogar die Leistung verbessern.

Trinken ist kinderleicht. Von kleinauf lernt der Mensch, dass Flüssigkeit im Mund zum Runterschlucken gedacht ist. Vor allem, wenn sie aus Flaschen kommt. Fußballprofis scheinen dieses Wissen - ähnlich wie Weintester - verdrängt zu haben.

Tut sich während der 90 Minuten eine kurze Pause auf, besprühen sich viele Spieler mit ihrer Trinkflasche, als wären sie Elefanten bei der Rüsseldusche. Landet dabei Flüssigkeit im Mund, wird diese nicht etwa gierig verschluckt, sondern nach kurzem Gurgeln auf den Rasen gespien.

Dass Fußballer gern spucken, ist erst mal nichts Neues. Auch ohne Trinken landen immer wieder Auswürfe auf dem Rasen, Psychologen sehen darin vor allem ein Revierverhalten. Was aber die Mundspülung angeht, könnte das Spucken durchaus eine medizinische Berechtigung haben - und den Sportlern sogar zu einem kleinen Leistungskick verhelfen.

Wie soll das funktionieren?

Die Methode heißt "Carb rinsing" oder "Mouth rinsing" (deutsch: Mundspülung), einen richtigen deutschen Namen gibt es noch nicht. Voraussetzung ist, dass nicht pures Wasser, sondern eine gezuckerte Brühe in der Flasche steckt. Bei welchen Fußballern das der Fall ist, zählt zu den Geheimnissen der Mannschaftstaktik.

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WM 2018: Das große Spucken

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Um das "Carb rinsing" richtig anzuwenden, sollte der Kohlenhydratgehalt aber bei rund sechs Prozent liegen. Diese Mixtur müssen die Sportler in den Mund nehmen, dort zwischen fünf und zehn Sekunden belassen und dann wieder ausspucken.

"Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass die Methode bei intensiven Belastungen von circa einer Stunde ausreicht, um die Leistungsfähigkeit zu steigern", erklärt Stephanie Mosler von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Demnach steigt die Leistung gleich stark an, egal ob Sportler die Flüssigkeit trinken oder wieder ausspucken.

Das Konzept geht auf Sportwissenschaftler zurück. Wie kommt man auf so eine Idee?

Muskeln brauchen Kohlenhydrate, um Energie zu gewinnen. Geht der Treibstoff aus, lässt die Kraft nach. Aus diesem Grund ist schon lange klar, dass Ausdauersportler ihre Reserven während Wettkämpfen auffüllen sollten - etwa mit Bananen, Gels oder eben gezuckerten Getränken. Diese Regel gilt allerdings nur für Sporteinheiten, die mindestens zwei Stunden dauern.

Wer kürzer Sport treibt, hat eigentlich genug Vorräte in den Muskeln. Außerdem benötigen die Kohlenhydrate Zeit, um aus der Nahrung in den Muskel zu gelangen. Bei einer kurzen Trainingseinheit dauert das oft länger als der Sport. Trotzdem beobachteten Wissenschaftler bei Fahrradfahrern eine positive Wirkung kohlenhydrathaltiger Getränke, obwohl diese nur rund eine Stunde trainierten . Bei einer Strecke von 40 Kilometern kamen sie nach dem Trinken rund eine Minute schneller ins Ziel, sie waren damit rund zwei Prozent schneller.

Die Frage war nun, wie sich das erklären lässt, wo doch der Kohlenhydrat-Nachschub keine Rolle spielen dürfte? Um das zu überprüfen, starteten die Forscher eine weitere Studie : Wieder ließen sie Fahrradfahrer über 40 Kilometer antreten, diesmal aber spuckten die Sportler die Getränke wieder aus. Tatsächlich fuhren sie mit Kohlenhydraten schneller - der Effekt war ähnlich wie beim Trinken der Flüssigkeit. Das Ergebnis wurde inzwischen in weiteren Studien bestätigt , aber nicht alle Versuche wiesen den Effekt nach.

Wie erklären sich die Forscher die Wirkung?

Bis ins Detail ist das noch nicht ergründet. "Als mögliche Mechanismen sehen Forscher eine Aktivierung von bisher unbekannten Kohlenhydrat-Rezeptoren im Mund, die wiederum höhere Gehirnareale unter anderem im Belohnungs- und Bewegungszentrum aktivieren", schreibt Mosler, die Ernährung im Leistungssport erforscht. "Mouth rinse hat also eher einen psychologischen Effekt."

Bei längeren sportlichen Herausforderungen stößt die Methode an ihre Grenzen: Im Muskel kommen die ausgespuckten Kohlenhydrate schließlich nie an. Wenn ein Sportler mehr als zwei Stunden lang Gas geben muss, braucht er Nachschub an Kohlenhydraten - sonst verliert er an Leistung.

Geht ein Spiel also - wie bei dieser WM fast typisch - auf die Verlängerung zu, sollten die Fußballer auf jeden Fall Kohlenhydrate zu sich nehmen und ihrem Körper die Chance geben, die Energiereserven in ihren Muskeln wieder aufzufüllen. Dass sie das tun, ist häufig auf dem Platz zu beobachten, wenn sich die Spieler den Inhalt einer Gelpackung in den Mund drücken. So lassen sich die Reserven auffüllen - ohne Wasserbauch. Manchmal, das soll es auch geben, schlucken sie sogar ihr Getränk runter.

Also ist Ausspucken grundsätzlich eine gute Idee für Fußballer?

"Im Fußball mit 90 Minuten ist "Mouth rinse" eine Methode, die man ausprobieren kann - vor allem, wenn die Spieler den Magen-Darm-Trakt nicht zu sehr belasten möchten", schreibt Mosler. "Ich empfehle dennoch, in der Halbzeitpause ein isotonisches Getränk beziehungsweise eine Apfelschorle (wenn sie vertragen wird) zur Flüssigkeits- und Energiezufuhr."

Isotonische Getränke, zu denen Saftschorlen (Verhältnis Wasser zu Saft 2:1) zählen, eignen sich bei allen Ausdauerleistungen. Ihre Konzentration an gelösten Teilchen ähnelt der im Blut. Wichtig ist, bei extremen Ausdauerleistungen darauf zu achten, dass das Wasser natriumreich ist. So wirkt es einem Mangel entgegen, da der Körper viel Natrium ausschwitzt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war das Verhältnis von Wasser zu Saft bei isotonischen Getränken vertauscht.

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