Lebensmittel aus der Mülltonne "Was Bioläden wegwerfen, ist unglaublich"

Mülltaucher, auch Containerer genannt, durchstöbern den Abfall von Supermärkten nach Lebensmitteln. Sie ernähren sich von dem, was die Geschäfte wegwerfen - das ist eine ganze Menge. Ihre Aktionen sind allerdings illegal.
Supermarktregale: Den Wert der Lebensmittel schätzen

Supermarktregale: Den Wert der Lebensmittel schätzen

Foto: © Eric Vidal / Reuters/ REUTERS
Zur Person

Pedro (der Name ist ein Pseudonym) ist 42 Jahre alt. Der diplomierte Biologe lebt in einer Großstadt im Rhein-Main-Gebiet. Er geht seit Jahren regelmäßig containern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Containern gekommen?

Pedro: Während des Studiums habe ich in einem Hotel gearbeitet, das viele Lebensmittel weggeworfen hat, teilweise verpackte. Die Mitarbeiter durften nichts davon mitnehmen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Dann bin ich im Internet über Leute gestolpert, die containern. Jetzt mache ich es seit vier Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Aus ethischen oder aus finanziellen Gründen?

Pedro: Sowohl als auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft ein Containergang ab?

Pedro: Ich gehe nach Anbruch der Dunkelheit und mindestens eine Stunde nach Ladenschluss mit einer Stirnlampe, Gummihandschuhen und ein paar Tüten los. Entweder allein mit dem Rad oder mit anderen zusammen im Auto. Hundert Meter vorm Geschäft mache ich alle Lichter aus, nähere mich langsam den Mülltonnen. Und dann fange ich an - leise und schnell. In einer Nacht arbeite ich mehrere Spots ab.

SPIEGEL ONLINE: Durchstöbern Sie auch die Mülltonnen von Restaurants?

Pedro: Restaurants lohnen sich nicht. Wir waren einmal bei einem McDonald's. Dort war auf dem Boden eine zentimeterdicke Fettschicht, das hat uns so geekelt, dass wir's gelassen haben. Wir containern fast nur bei Supermärkten - Discounter, Biomärkte, Großverbrauchermärkte.

SPIEGEL ONLINE: Ekelt Sie das nicht, im Müll zu wühlen?

Pedro: Anfangs war da eine Mischung aus Angst, Respekt und vielleicht auch Ekel. Aber mittlerweile ist es fast schon Routine.

SPIEGEL ONLINE: Sind im Mülleimer Ratten?

Pedro: Ich habe noch keine gesehen, aber an einer Stelle gibt es manchmal Lebensmittel mit Bissspuren. Die esse ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Mülltonnen gesichert?

Pedro: Die meisten sind frei zugänglich. Es gibt oft Bewegungsmelder, manchmal Kameras. Aber die kümmern uns nicht, weil sie nur bei einem Einbruch ausgewertet werden. Es gibt einen Spot, wo ich unter einem Zaun durchklettern muss, das ist leider auch der beste.

SPIEGEL ONLINE: Containern Sie bei Privatleuten?

Pedro: Nein, das lohnt sich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft gehen Sie containern?

Pedro: Einmal pro Woche.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie dabei alle Lebensmittel, die Sie brauchen?

Pedro: Ja, ich muss eigentlich gar nicht mehr einkaufen gehen, allenfalls noch Getränke. Ich finde manchmal sogar auch Nicht-Lebensmittel: Kleidung, Rasierer, alles Mögliche wird weggeworfen.

SPIEGEL ONLINE: Findet man zur Weihnachtszeit besondere Leckerbissen?

Pedro (lacht): Oh ja, viel Schokolade natürlich. Nach Fest- und Feiertagen wird allgemein sehr viel weggeworfen. Vor allem an Neujahr, weil eine Menge Haltbarkeitsdaten aufs Jahresende datiert sind.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Zustand sind die Lebensmittel?

Pedro: Das ist sehr verschieden. Bei Discountern findet man zuweilen recht unappetitliche Sachen. Aber ich habe Handschuhe an und wasche alles zu Hause. Je teurer das Geschäft, desto bessere Lebensmittel werden weggeworfen. Bei Bioläden beispielsweise. Was die wegwerfen, ist einfach unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Sind das immer Lebensmittel, die abgelaufen sind?

Pedro: Größtenteils ja, aber das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in meinen Augen Verbrauchertäuschung und dient nur den Produzenten. Lebensmittel werden nicht von einem Tag auf den anderen schlecht. Meine Oma hat mir beigebracht, dass man auf seine Sinne vertrauen soll. Das hat jahrhundertelang gut geklappt. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es erst seit den Achtzigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das mit Fleisch, Fisch und Eiern?

Pedro: Die finde ich nicht so häufig, und natürlich bin ich da vorsichtiger. Eier kann man leicht prüfen: Wenn sie in Wasser schwimmen, sind sie nicht mehr genießbar.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schon mal den Magen verdorben?

Pedro: Nein. Im Zweifel werfe ich das Lebensmittel weg. Ich weiß auch nur von einem Containerer, der einmal Durchfall bekommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Containern Ihre Ernährung beeinflusst?

Pedro: Ich gehe sehr bewusst mit Lebensmitteln um, versuche aus allem etwas zu machen. Ich bin kein Vegetarier oder Veganer, Biolebensmittel bevorzuge ich, aber ich nehme alles, was ich kriegen kann. Mir geht es darum, nichts zu verschwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbringen Sie Weihnachten?

Pedro: Ganz normal mit meiner Familie, ich werde auch den Gänsebraten essen, den meine Mutter sicherlich wieder kochen wird. Sie ist vom Containern nicht begeistert, akzeptiert es aber. In meiner Familie wissen es nicht alle. Stellen Sie sich vor, wenn die Kinder meiner Geschwister das in der Schule erzählen würden - die würden gemobbt werden. Das möchte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie mal erwischt?

Pedro: Ja, mehrmals von Supermarktmitarbeitern. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche dulden es, manche schicken uns weg. Mit der Polizei hatten wir bisher selten Kontakt. Einmal konnten wir uns rausreden, ein anderes Mal war ich allein, und der Polizeibeamte hat mich laufen lassen

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