SPIEGEL ONLINE

Trendsport Cross-Yoga Ohne Ommmm

Fit, aber unflexibel: Dagegen soll der Fitnesstrend Cross-Yoga helfen. Im Unterschied zu anderen Yoga-Varianten kommt die Methode ohne Mantra-Singen und mit wenig Meditation aus. Michaela Rose hat sie ausprobiert.

Meine Achillesfersen sind nicht meine Achillesfersen. Sondern meine Hüften sind es. Hartnäckig trotzen sie seit Jahren jedem Yoga-Versuch, ihnen mehr Flexibilität abzuringen. In herkömmlichen Yogaklassen staune ich oft gemeinsam mit den Männern über die Biegsamkeit weiblicher Hüften.

Diesmal nicht. Denn heute habe ich meine Matte unter meinesgleichen ausgerollt - hüftsteifen Sportlern. In einer Crossfit-Box zwischen Langhanteln, Rudergeräten und von der Decke baumelnden Ringen. Auf den schwarzen Gummimatten unter den Reckstangen ist weißes Talkumpuder verstreut, jemand hat mit Kreidestrichen auf dem Fußboden seine Trainingssätze per Strichliste abgezählt. Vorne an der Tafel steht noch das "Workout of the day" vom gestrigen Abend. Crossfit-Charme eben.

Elegant (und kein bisschen hüftsteif) setzt sich Yogalehrerin Michaela Weller von Spree Crossfit in Berlin zu Beginn der Stunde in den Schneidersitz und kündigt das heutige Programm an: "Wir bearbeiten die Zonen, die bei Athleten meist ein wenig steif sind - die Schulterregion, die Hüften und die Beinrückseiten."

Schwitzen statt Spiritualität

Insgesamt drei Frauen und vier Männer setzen an diesem Sonntagmorgen beim Cross-Yoga auf Mobilität statt auf Mantra-Gesang. Schließlich ist eine gewisse Flexibilität auch beim Gewichtestemmen hilfreich. Spiritualität ist dabei weniger gefragt, stattdessen ist Schwitzen angesagt.

Erster Punkt auf dem Trainingsplan ist das Warm-up. Wir kreisen im Sitzen mit Händen und Armen, stützen uns auf abgewinkelten Handgelenken im Vierfüßer ab und strecken unsere Hüften im Kniestand. Dann geht es in den tiefen Squat - eine Kniebeuge mit breit gegrätschten Füßen und weit geöffneten Knien. Oder eben Malasana: Unter diesem Sanskrit-Begriff kennen Yogis die tiefe Hocke. Wer dabei Gefahr läuft, aus dem Gleichgewicht zu kommen und nach hinten zu fallen, darf sich eine schwere Kettlebell vorne auf die Matte stellen und daran festhalten. Fühlt sich sehr komfortabel an - so geht Yoga à la Crossfit.

Fotostrecke

Cross-Yoga: Mobilität statt Mantra-Singen

Foto: André Siodla/ MEDIA2MOVE

Sonnengrüßend geht's weiter. Michaela Weller kombiniert die klassische und fließende Warm-up-Yoga-Sequenz mit Übungen für verkürzte Oberschenkel-Rückseiten und steife Hüften, die den richtigen Zähne-Zusammenbeiß-Faktor haben.

Verstohlen schaue ich mich um. Diesmal bin ich nicht die Einzige, die den Rumpf partout nicht auf dem Oberschenkel ablegen kann. Wir absolvieren Ausfallschritte und Krieger-Varianten, verbiegen unsere Körper zum Dreieck oder Halbmond, versuchen uns als Taube und Krähe.

Zwischendurch gibt's immer wieder zahlreiche Wiederholungen der yogischen Liegestützvariante namens Chaturanga. Ohne Ablegen des Körpers auf der Matte. Was in anderen Yogaklassen ein kollektives Stöhnen provozieren würde, absolvieren hier alle mit links. An Kraft und Körperspannung mangelt es hier niemandem. Dafür blicken viele bei den gewünschten Verrenkungen ratlos in Richtung Yogalehrerin, die uns immer wieder ermutigt, es wenigstens zu versuchen.

Meine Hüften und ich sind uns einig: Das war garantiert nicht unser letzter Versuch. Cross-Yoga bietet eine herrliche Mischung aus intensivem Training und entspanntem Üben. Eben das Beste aus zwei scheinbar gegensätzlichen Welten. Und die haben sehr viel mehr gemein, als man annimmt - auch wenn die Übungen anders heißen.

Cross-Yoga - Fragen an die Expertin

Yoga in der Crossfit-Box: Prallen da nicht zwei Welten aufeinander?Wann sollte ein Kraftsportler die Yoga-Matte ausrollen?Womit muss man als Yoga-Anfänger rechnen?

Zur Autorin
Foto: bewahrediezeit.de

Michaela Rose probiert gerne alles aus, was sie in Bewegung bringt. Deshalb schreibt die freie Journalistin und Diplomsportlehrerin vor allem über "bewegende" Themen.Hompage von Michaela Rose 

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren