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31. Oktober 2014, 15:21 Uhr

Diabetes

Wenn Kinder messen und spritzen müssen

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Für Kinder mit Typ-1-Diabetes gehören Blutzuckermessen und Insulinspritzen zum Alltag. Kindergärten und Schulen sind mit der Betreuung oft überfordert. Dabei sind viele Ängste unbegründet.

Jan und Lukas sind seit dem Kindergarten die dicksten Freunde. Deshalb wollen die beiden Sechsjährigen nun gemeinsam in die gleiche Schule gehen. Doch während Jan völlig gesund ist, leidet sein Freund Lukas seit seinem vierten Lebensjahr an Typ-1-Diabetes. Für den Kindergarten kein Problem. Die Wunschgrundschule am Ort aber sträubt sich: Dort sieht man sich außer Stande, das Kind ausreichend zu betreuen und hat die Eltern auf eine Integrations- oder Förderschule verwiesen.

Etwa 25.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland haben Typ-1-Diabetes. Fälle wie der von Lukas kommen immer wieder vor. Dabei dürfen Regelkindergärten und -grundschulen dem Diabetikerbund zufolge Kinder mit Typ-1-Diabetes nicht einfach ablehnen, wenn das Kind geistig in der Lage ist, den Unterrichtsstoff der Regelschule zu verstehen und eine mögliche Einschränkung des Schulalltags behebbar ist.

"Integrationskindergarten und -schule sind keine sinnvolle Lösung für Kinder mit Diabetes", sagt Wolfgang Marg, Leiter der Pädiatrischen Diabetologie und Endokrinologie der Prof.-Hess-Kinderklinik in Bremen. "Das entspricht auch nicht der Idee der Inklusion." Nach Meinung des Jugendmediziners sei eine Ablehnung durch eine normale Schule "eine Ausgrenzung, weil Kinder mit Typ-1-Diabetes ansonsten völlig gesund sind, genauso herumtollen wie ihre gesunden Altersgenossen und auch möglichst normal behandelt werden sollten."

Keine Sonderbehandlung nötig

Was ist bei Lukas anders als bei Jan? Ohne von außen zugeführtes Insulin gerät Lukas Körper in einen lebensbedrohlichen Zustand. Um akute Entgleisungen des Stoffwechsels und Organschäden zu verhindern, muss er mehrfach täglich den Blutzucker bestimmen, Broteinheiten berechnen und dann das lebenswichtige Hormon Insulin spritzen. Als Sechsjähriger benötigt Lukas dafür Hilfe. Etwa 3000 Kinder und Jugendliche nutzen eine Insulinpumpe, ein Gerät, das über einen Katheter das Insulin in den Körper leitet. Auch sie müssen die richtige Menge einstellen. Um den Insulin-Alltag zu bewältigen, müssen Kinder betreut werden, bis sie etwa neun oder zehn sind.

Zwar haben Kinder mit Typ-1-Diabetes einen Behindertenstatus, weil sie nur so wichtige Hilfeleistungen in Anspruch nehmen können. Doch sie sind weder geistig oder körperlich behindert noch haben sie Entwicklungsstörungen und benötigen deshalb keine Sonderbehandlung im normalen Schulalltag. Viele Beispiele zeigen, dass es mit Engagement und gutem Willen aller Beteiligten und der zuständigen Stellen möglich ist, ein Kind mit Typ-1-Diabetes im normalen Kindergarten und in der Schule mit tragbarem Aufwand zu betreuen. Häufig auch mit der Unterstützung externer Helfer.

Unnötige Angst vor Haftungsfragen

Kindergärten oder Schulen wissen aber mitunter nicht, dass es vom Sozialamt finanzierte Diabetes-Schulungen für Lehrkräfte und Kindergärtnerinnen gibt. "Mehr Wissen über Typ-1-Diabetes würde bei den Lehrern Angst abbauen", sagt Marg. Doch diese fürchten mitunter Haftungsansprüche der Eltern, wenn sie etwas falsch machen sollten.

"Erzieher und Lehrer haften nur, wenn im Rahmen der Medikamentengabe vorsätzlich ein Fehler begangen wird", sagt Sabine Westermann. Wie die Berliner Rechtsanwältin für Gesundheitsrecht erläutert, greife andernfalls die gesetzliche Unfallversicherung - sofern es sich um eine äußere Einwirkung wie etwa das Spritzen von Insulin handelt. "Abgesehen davon befindet man sich in einer rechtlichen Grauzone. Deshalb sind für diese Fälle genaue schriftliche Absprachen zwischen Eltern und Lehrern sehr wichtig", so Westermann. Übernehmen Lehrer und Erzieher die Betreuung, sei es besonders wichtig, dass die Eltern für sie jederzeit ansprechbar sind und ihnen alle nötigen Informationen zukommen lassen.

Zu den externen Hilfen, die Schule und Kindergarten entlasten können, gehören spezielle Schulhelfer, die mehrere Kinder an einer Schule betreuen. Eltern können zudem beim Sozialamt eine Eingliederungshilfe beantragen. Der Kindergarten erhält dann einen Zuschuss, um zu bestimmten Zeiten noch zusätzlich Personal zu beschäftigen. Für die Schule gibt es die sogenannte persönliche Assistenz. Oder die Eltern erhalten ein Budget vom Sozialamt, aus dem sie eine zusätzliche Betreuungskraft bezahlen können. Grundsätzlich ist es aber auch möglich, dass der Haus- oder Kinderarzt einen Pflegedienst im Rahmen der häuslichen Krankenpflege verordnet. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Weitere Informationen und Rechtsberatung gibt es beim Deutschen Diabetiker Bund sowie beim Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher e.V..

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