Fasten Die Mär vom Entschlacken

Radikale Diäten, die den Körper reinigen sollen, erreichen oft das Gegenteil: Eine Überdosis Gift sammelt sich im Blut an. Vernünftiges Fasten kann jedoch tatsächlich heilsam sein.
Von Jörg Zittlau
Verzicht auch auf Tomaten: Beim Fasten gibt es eine Woche lang nur Tee, Honig und Säfte

Verzicht auch auf Tomaten: Beim Fasten gibt es eine Woche lang nur Tee, Honig und Säfte

Foto: Corbis

Thorsten Frankenberg schaut auf die einsame Tasse Tee, die beim Abendessen vor seiner Frau steht, und meint schmunzelnd: "Ist es wieder so weit?" Gattin Karin rührt seufzend in ihrem Heißgetränk: "Nach dem langen Winter und dem üppigen Essen muss ich meinen Körper einfach mal wieder einer Grundreinigung unterziehen." Es klingt ein wenig wie Ölwechseln bei einem Auto. Und so in etwa stellt es sich die Mittvierzigerin wohl auch vor. Eine Woche lang gibt es für sie nichts außer Tee, Honig und Zitronensaft.

Damit, ist sie überzeugt, befreit sie sich von den berüchtigten Schlacken, die ihren Organismus belasten und allerlei Krankheiten auslösen können - nicht ahnend, dass sie mit ihrer Strategie womöglich genau das Gegenteil erreicht.

Wissenschaftliche Belege für die Existenz von irgendwelchen Schlacken, bei denen es sich laut Heilfastenanhängern mal um die "Abbaustufen der Neutralfette", mal um "Zwischenprodukte eines unvollständigen Eiweißstoffwechsels" handeln soll, gibt es jedenfalls nicht. Tatsächlich jedoch scheidet der Körper, wie Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung betont, "unverwertbare Stoffwechselprodukte ständig über Haut, Niere, Darm oder Lunge aus". Könnte er das nicht, wäre der Mensch im Laufe der Evolution schon längst ausgestorben. Man muss und kann also gar keine Schlacken per Fastenkur loswerden. Im Gegenteil.

Wer sein Fettgewebe radikal herunterhungert, riskiert sogar eine Giftdröhnung. Ein kanadisches Forscherteam entdeckte in einer Studie mit extrem Fettleibigen, die sich einer Magenverkleinerung unterzogen und damit innerhalb eines Jahres rund 45 Prozent ihres Körpergewichts verloren hatten, deutlich erhöhte Schadstoffwerte im Blut. "Die chlororganischen Verbindungen nahmen um 388 Prozent zu", berichtet Studienleiter Normand Teasdale von der Laval University in Québec. Solche Umweltgifte nehmen wir beispielsweise durch pestizidgespritztes Obst und Gemüse auf. Bei Patienten, die sich lediglich einer kalorienreduzierten Diät unterzogen hatten, fielen sowohl Gewichtsverlust als auch Schadstoffbelastung mäßiger aus. Doch auch bei ihnen waren die Giftwerte noch um 20 bis 50 Prozent erhöht, je nachdem, wie viel Gewicht sie verloren hatten.

An der Kyungpook National University in Südkorea untersuchte man langfristig die Gift- und Gewichtsdaten von 1099 Probanden - und entdeckte, dass mit jeder Diät die Werte von Pestiziden und den als Weichmacher bekannten polychlorierten Biphenylen im Blut deutlich anstiegen. Und zwar umso mehr, je übergewichtiger die Menschen und je härter die Diäten waren. Weshalb Abspeckkuren Gift freisetzen, erklärt sich aus der Funktion unserer Fettpolster. Sie sind evolutionär nicht nur als Kältepuffer und Reserven für nahrungsärmere Zeiten gedacht, sondern auch als Zwischenlager für fettlösliche Gifte.

Bei Übergewicht sollte man vorsichtig an eine Fastenkur herangehen

Gerade wenn Menschen häufig mit Umweltgiften Kontakt haben oder viel Alkohol trinken, sind die Leber sowie die anderen Entgiftungsorgane überfordert, sodass sie die Problemsubstanzen unverstoffwechselt im Fettdepot abspeichern. Eine Art "Fettquarantäne" für Umweltgifte also. Doch diese Quarantäne wird durchlässig, wenn der Körper aufgrund einer Diät auf die Speckpolster zurückgreifen muss. Dann gelangen die Gifte ins Blut und von dort aus zu anderen Organen, wo sie Schaden anrichten können. So gelten etwa DDT und andere Chlorchemikalien als potentielle Krebsauslöser, die Weichmacher-Biphenyle können aufgrund ihrer hormonähnlichen Wirkung unter anderem bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen.

Gründe genug also, gerade als stark übergewichtiger Mensch vorsichtig an eine Fastenkur heranzugehen. Magen-Darm-Spezialist Joachim Mössner vom Universitätsklinikum Leipzig geißelt sie sogar als "mittelalterlichen Hokuspokus." Doch Heilfasten kann, sofern es nicht als radikale Null-Diät (siehe Kasten) durchgeführt wird, durchaus positive Effekte haben.

Wem Heilfasten nützt, wem es schadet

So könne es, wie Naturheilkunde-Experte Bernhard Uehleke von der Freien Universität Berlin betont, bei entzündlichen Erkrankungen wie Neurodermitis und Rheuma helfen, weil der Körper physiologisch umgestimmt wird: "Er schaltet dann auf Bewältigungsstrategien um, die weniger zu schmerzhaften Entzündungen führen." Beispielsweise verringert der Fleischverzicht beim Fasten den Wert an Arachidonsäure, die vom Körper als chemische Basis für Entzündungsreaktionen herangezogen wird. In einer Doktorarbeit des Universitätsklinikums Jena führte ein 15-tägiges Heilfasten auf Basis von 300 Kalorien pro Tag bei den 36 teilnehmenden Arthrose-Patienten zu deutlichen Symptomlinderungen, die eingeschränkten Gelenkfunktionen besserten sich, und die Schmerzen gingen zurück. "Niemand kann allerdings lebenslang fasten", sagte Studienbetreuerin Christine Uhlemann. Dennoch könne eine Fastenkur auch längerfristig wirken, wenn Patienten danach ihr Ernährungsverhalten umstellen und vor allem die Fleischzufuhr reduzieren. Tatsächlich hat aber auch das Fasten selbst eine gewisse nachhaltige Wirkung.

An der Klinik Blankenstein stellte man bei den Teilnehmern einer dreiwöchigen Fasten-Studie einen Anstieg von Immunglobulinen im Darm fest, und dieser Effekt war teilweise noch drei Monate nach der Kur zu beobachten. Immunglobuline gehören zu den Speerspitzen im Kampf gegen Viren und andere ungebetene Eindringlinge: Heilfasten führt also zu einer verbesserten Immunleistung des Darms. Wozu auch gehört, dass sich in den Verdauungswegen mehr Nutz- als Schadbakterien ausbreiten. Diese mikrobiologische Stabilisierung schützt vor allergischen Reaktionen. Denn die Nutzbakterien des Darms puffern Histamine, also jene Botenstoffe des Immunsystems, deren Überproduktion zu allergischen Reaktionen wie Augentränen, Heuschnupfen, Nesselfieber und Asthma führen kann.

Die "Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung" streicht neben den körperlichen auch die pädagogischen Effekte des Heilfastens heraus, weil es dem Menschen "neue Erfahrungen der körperlichen und seelisch-geistigen Wahrnehmung" verschaffe. Zu denen gehört beispielsweise die Erkenntnis, dass man auch gegen vermeintlich übermächtige Kräfte wie den Hunger etwas ausrichten kann. Das kann sich durchaus auf den Kampf gegen politische Übermacht übertragen. Nicht umsonst war der asketische Mahatma Gandhi (die verfeindeten Briten beschimpften ihn als "professionellen Hungerleider") einer der größten Freiheitskämpfer der Geschichte. Ganz zu schweigen davon, dass der Verzicht beim Fasten gerade in heutiger Zeit einen Hauch von Freiheit bietet: Denn wer verzichten kann, belegt damit, dass er auch ohne die Güter der Konsumgesellschaft klarkommt.

Fasten setzt die Wirksamkeit der Pille herab

Gleichwohl sollte man die Wirkungen des Heilfastens nicht überschätzen. Wenn von "durchschlagenden Heilerfolgen" bei Schuppenflechte und Diabetes die Rede ist, bleibt Skepsis angebracht. Und wenn behauptet wird, dass "Krebsgeschwülste absterben", indem man 42 Tage lang nur Gemüsesaft und Tee trinkt, wird es gefährlich. "Denn diese Behauptung ist durch nichts bewiesen", warnt die deutsche Krebsgesellschaft. Wer solche Ratschläge befolge, müsse vielmehr mit einer Mangelernährung "und damit mit einer zusätzlichen Schwächung des Immunsystems" rechnen. Zudem geben seriöse Befürworter des Fastens zu, dass es Krankheiten gibt, in denen der Nahrungsverzicht absolut nicht ratsam ist. Dazu gehören Suchterkrankungen sowie fortgeschrittene Herz-, Leber- und Nierenerkrankungen.

Schwangere und Stillende sollten ebenfalls von einer Fastenkur absehen, um nicht die Nährstoffversorgung des Nachwuchses zu gefährden. Auch Frauen, die die Pille nehmen, sollten bedenken, dass Fasten deren Wirksamkeit herabsetzt. Da bietet es sich an, zeitgleich zum Fasten eine Pillenpause einzulegen. Uehleke betont zudem, dass Heilfasten bei kranken Menschen am besten in Kombination mit anderen Naturheilverfahren zum Einsatz kommen sollte. An seiner Universität wird es beispielsweise mit Kneippschen Güssen und Anwendungen aus der Heilpflanzenkunde kombiniert. Außerdem sollten Fastenkuren, die länger als eine Woche dauern, nicht ohne fachliche Anleitung durchgeführt werden. Immer wieder werden Menschen, die eigenständig fasten, in Krankenhäuser eingeliefert, weil sie kollabieren. Wer therapeutisch fasten will, sollte sich an eine entsprechende Klinik wenden. Wobei das Hungern nicht billig ist. Je Fastentag verlangen Kliniken bis zu 150 Euro - und die gesetzlichen Krankenkassen zahlen den Aufenthalt nur in Ausnahmefällen.

Karin Frankenberg hat nach der Erkenntnis, dass es gar keine Schlacken gibt, umdisponiert. Zwei vegetarische Tage und zweimal joggen pro Woche brächten ihr mehr, sagt sie, für ihre Gesundheit und für ihre Laune.

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