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10. September 2013, 13:21 Uhr

Achilles' Verse über E-Bikes

Von Zierkurbeln und Deko-Pedalen

Das schmerzt: E-Bike-Fahrer rollen grinsend an Radlern vorbei, die sich die Berge hochkämpfen. Das ist doch kein Sport, meint Achim Achilles und schimpft: Der neue Trend verführe Menschen ohne Handicap lediglich zum Nichtstun.

Neulich näherte sich wieder so eine Rentner-Drohne. Lautlos glitt der Angreifer von hinten heran, überholte dann mit leicht angedeutetem Tritt und fürchterlich triumphierendem Grinsen. Der gute Mann hielt es offenbar für eine Leistung, mit einer Art Moped hart strampelnde Radfahrer zu erlegen, natürlich im Originaltrikot von Chris Froome.

Über eine Million dieser Fahrradattrappen mit Zierkurbel und Dekopedale verpesten inzwischen den guten deutschen Radweg. Gerade ältere Herrschaften, die bislang ihre Walkingstöcke zu Straßenblockaden verflochten, haben umgesattelt und sich zu einer neuen Landplage zusammengetan. Auch in den entlegensten Gegenden des Landes, wo sich der Ausdauersportler bislang sicher fühlen durfte vor den schwatzenden Kaffekucheneierlikör-Brigaden, cruisen nun stolze Ruheständler, die angedeutete Pedaltritte zur Meisterschaft entwickelt haben.

Zum Nichtstun verführt

Batterien treiben nicht länger nur den Herzschrittmacher an, sondern inzwischen ganze Horden gut betuchter Mitbürger, die mal eben 2000 Euro für ein gestyltes Stück Sondermüll ausgeben. Mag der moderne Rentner auch ohne Greenpeace-Beutel nicht aus dem Haus gehen: Pedelecs mit ihren Batteriepaketen, am besten noch mit Problemstrom geladen, sind nicht nur in ihrer Wirkung für den Bewegungsapparat fragwürdig, sondern auch von der Ökobilanz her.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: E-Bikes sind eine tolle Sache, so wie Rollatoren, Fahrstühle oder Treppenlifte. Menschen mit Handicaps können dank dieser technischen Errungenschaften am öffentlichen Leben teilnehmen. Menschen ohne größere Handicaps allerdings werden zum Nichtstun verführt. Dreister als das Pedelec hat nie zuvor eine Gerätschaft Bequemlichkeit und Bewegungsmangel camoufliert.

Radfahrer sind ja tolerante Menschen, so wie Taliban oder Hundebesitzer. Die Regel lautet: Materialschlachten werden immer gern und ausufernd geführt, aber am Ende ist es doch der Muskel, der bewegt. Pedelecs verabschieden sich aus diesem Fairnessabkommen. Warum grinsen die Fahrer dann auch noch so stolz, wenn sie einen Rennradler überholen?

Nicht E-Bikes, sondern Mopeds

Immerhin: Der Gott der Bewegung ist gerecht. Denn E-Bike-Piloten müssen mit brechenden Rahmen, versagenden Seilzugbremsen und brennenden Akkus rechnen, wie die Stiftung Warentest ermittelte. Die große Nachfrage vorwiegend unter besserverdienenden Senioren hat offenbar viel Dreck auf den Markt gespült. Schade für Mutti. Denn wenn die Gute die Böschung hinabgerauscht ist und sich in den Brennnesseln windet, wird sie leider nicht gerettet werden, weil Vati schon zwei Kilometer vorausgebraust ist, um noch ein paar Radler zu stellen.

Es ist eine Lüge, diese E-Bikes "Fahrräder" zu nennen. In Wirklichkeit handelt es sich um Mopeds, wenn auch deutlich hässlicher und langsamer als Herkules M4, Puch, Ciao oder die Kreidler Flory, Königin von einst. Schon damals galt die klare Teilung: Alles was knattert ist kein Sport-, sondern Angebergerät, bestenfalls Pacemaker. E-Bikes knattern nicht, sind aber motorgetrieben, haben insofern auf dem Radweg nichts zu suchen und brauchen neben Nummernschild ein gut sichtbares "P" am Heck - allerdings nicht für "Pedelec", sondern für "Problematischer Verkehrsteilnehmer".

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