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E-Mountainbikes: Zum Losschießen

Foto: Klaus Ketterer

E-Mountainbike-Weltmeister "Ich bin ein Adrenalinjunkie"

E-Mountainbikes sind vor allem eins: schnell. Weltmeister Yves Ketterer erklärt, warum das Fahren trotz Motor viel mit Sport zu tun hat - und was ein E-Rennen von einem normalen unterscheidet.
Zur Person
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Yves Ketterer, 21, fährt auf dem Mountainbike für das Fahrrad Center Singer/klk-Raceteam in der Bundesliga. 2015 setzte er sich zum ersten Mal auf ein E-Mountainbike und gewann gleich die erste Weltmeisterschaft der neuen Sportart. Nebenbei studiert er mit einem Mountainbike-Stipendium in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ketterer, Sie sind Mountainbike-Profi - wie kamen Sie auf die Idee, E-Mountainbike zu fahren?

Ketterer: Radsport ist eine Sucht für mich: Ich liebe es, mit dem Mountainbike schnell unterwegs zu sein. Aber mit dem E-Mountainbike komme ich auf Geschwindigkeiten, die normal nicht möglich sind. Der batteriebetriebene Motor unterstützt mit 25 Stundenkilometern. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Das erste Mal auf dem E-Bike faszinierte mich sofort.

SPIEGEL ONLINE: Das Mountainbike ist ein Sportgerät - was hat da ein Motor zu suchen?

Ketterer: Beim Autorennen gibt es auch unterschiedliche PS-Klassen. Solange alle die gleiche Unterstützung am Rad haben, ist es ein Sport für sich.

SPIEGEL ONLINE: Man fährt höher, schneller und weiter, aber die Technik hilft mit: Beschummeln Sie sich da nicht als Radsportler?

Ketterer: Treten muss man schon selbst (lacht). Genau wie beim normalen Radfahren bringt man seine Leistung. Ich komme beim E-Mountainbike-Rennen auf dieselben Pulswerte wie bei jedem anderen Wettkampf auch. Ich bin genauso am Anschlag. Deshalb sollte das auch als Sport angesehen werden. Mountainbiking heißt, dass ich weiter komme als beim Laufen. E-Mountainbikes bieten auch untrainierten Menschen die Möglichkeit, mehr als ihre Standardtour von 20 Kilometern zu drehen und einen höheren Berg zu erklimmen .

SPIEGEL ONLINE: Die Grundidee des Mountainbiking, das Gefühl, den Berg aus eigener Kraft erklommen zu haben, verfällt doch aber mit Motor am Rad.

Ketterer: Der Motor unterstützt ja nur. Und bei Geschwindigkeiten über 25 Stundenkilometern schaltet er ab. Man nutzt immer noch die eigene Kraft: Bringe ich null Prozent Leistung, fährt das Rad nicht. Man powert sich also aus und lässt nicht wie beim Motorrad nur die Maschine arbeiten. Das Gefühl, die pure Erleichterung, den Berg erklommen zu haben, ist immer noch dasselbe.

SPIEGEL ONLINE: Und beim E-Mountainbike-Rennen benötige ich auch Kraft und Können?

Ketterer: Ich bin ein Adrenalinjunkie und es ist schon cool, am Start gleich loszuschießen. Ein E-Rennen ist noch rasanter, noch intensiver und schwieriger vom Fahrgefühl. Alles läuft viel schneller ab. Wie bei einem normalen Rennen schafft man es aber nur ins Ziel, wenn man genug Kraft zum Treten hat. Dazu muss man taktisch klug entscheiden, wann es sich lohnt, auszureißen, wie stark man tritt und wie viel Unterstützung man von der Batterie zulässt. Trete ich etwa am Berg nicht kräftig genug, nutzt sich der Akku schnell ab und geht vor dem Ziel aus. Batteriewechsel ist verboten.

SPIEGEL ONLINE: Schneller heißt auch gefährlicher.

Ketterer: Klar besteht die Gefahr, dass man die Geschwindigkeit unterschätzt. Insofern sollte man sich rantasten und nicht beim ersten Mal mit dem E-Mountainbike auf den extremsten Single-Trails fahren. Andererseits sind die E-Räder heutzutage sehr sicher: Dank extrem guter Bremsen stellt auch das höhere Gewicht kein Problem dar. Die Räder, mit denen wir vor zehn Jahren Cross-Country gefahren sind, waren weitaus gefährlicher.

SPIEGEL ONLINE: 2015 gewannen Sie die erste E-Mountainbike-Weltmeisterschaft: War E-Mountainbiking auch einfach eine geschickte Möglichkeit, mal Weltmeister zu werden?

Ketterer: Den Plan, Weltmeister zu werden, gab es so nie. Ich wollte Spaß haben und im ersten Moment realisierte ich das Ganze auch nicht. Dann hielt ich aber auf einmal mein Weltmeistertrikot samt eigenem Namen drauf in der Hand. Das fühlte sich schon richtig gut an.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nach so einem E-Mountainbike-Rennen wieder auf ein normales Rad steigen, sehnen Sie dann das E-Bike herbei?

Ketterer: Das denke ich mir eigentlich jedes Rennen (lacht laut). Das geht jedem Radfahrer so, weil der Sport so extrem ist und man immer ans Limit geht. Manchmal ist das ganz schön frustrierend, man denkt: Heute quäle ich mich mit zwölf Stundenkilometer hoch, letzte Woche war ich doppelt so schnell. Aber ich stehe natürlich für sauberen Sport und baue mir keinen Elektromotor an mein normales Rad.

SPIEGEL ONLINE: Mountainbiking hat ein cooles Image - können Sie mit einem Motor am Rad noch vor Ihren Kollegen angeben?

Ketterer: Das Mountainbike-Lager ist geteilter Meinung: Ein paar Leute sehen die E-Bike-Rennen skeptisch, andere erkennen, wie viel Anstrengung man in den Sport stecken muss. Aber Standardneckereien braucht man im Sport, um sich gegenseitig anzustacheln und besser zu werden. Ich bin zum Glück ja auch auf dem normalen Mountainbike flott unterwegs. Bösgemeinte Beleidigungen wegen des E-Mountainbiking habe ich aber noch nie erfahren.