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24. Juli 2013, 16:59 Uhr

Fitnessstudio

"Ein Großteil der Hardcore-Bodybuilder nimmt anabole Steroide"

Extreme Muskelberge lassen sich auf natürlichem Wege gar nicht erreichen - oder doch? Sportmediziner Klaus-Michael Braumann glaubt, dass im klassischen Bodybuilding mehr gedopt wird als in anderen Sportarten. Wie viele Muskeln jemand aufbauen kann, ist aber auch Typsache.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Braumann, ab wann wird Krafttraining ungesund?

Klaus-Michael Braumann: Wenn es anfängt weh zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber ich höre immer wieder von Leuten, die möglichst viel Muskelzunahme erreichen wollen, dass man bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus trainieren muss.

Braumann: Das sind die akuten Schmerzen. Bei sportlichen Betätigungen kommt es zu Säurebildung und der Freisetzung von Stoffen, die das hervorrufen. Das ist normal. Wenn Sie aber Ihren Muskel so trainieren, dass es an den Muskelaufhängepunkten zu chronischen Schmerzen kommt, dann befinden Sie sich nicht mehr im gesunden Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainiert man richtig, um eine möglichst große Muskelzunahme zu erreichen?

Braumann: In der Trainingswissenschaft gibt es gut belegte Konzepte, wie durch Intensität und Wiederholungszahlen ein optimaler Trainingseffekt erreicht werden kann. Ein entscheidender Faktor ist aber, ob man von seiner genetischen Ausstattung her überhaupt auf Krafttraining anspricht. Es gibt Leute, die sehen eine Hantel nur an und bekommen Muskeln. Andere trainieren wie verrückt und bleiben dennoch schmächtig. Wenn Sie Muskeln aufbauen möchten, müssen Sie aber schon an Ihre individuellen Grenzen gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Muskelzunahme ist denn überhaupt natürlich und gesund?

Braumann: Wenn man auf Krafttraining anspricht, gibt es nach oben hin eigentlich nur die genetisch-physiologischen Grenzen, was Sie an Muskelaufbau und Belastung erreichen können.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich im Fitnessstudio aber mal so umguckt, dann hat man bei einigen Muskelbergen schon den Eindruck, dass die auf natürlichem Weg gar nicht erreichbar sind.

Braumann: Man muss wohl davon ausgehen, dass ein Großteil der "richtigen" Hardcore-Bodybuilder anabole Steroide nimmt. Es gibt aber auch einen unterschätzten Anteil von Bodybuildern, die den natürlichen Weg gehen und das auch sehr bewusst tun. Diese "natural Bodybuilder" sehen deutlich weniger überdimensioniert aus, haben aber auch sehr definierte Muskeln.

SPIEGEL ONLINE: Aber berühmte Bodybuilding-Wettbewerbe wie "Mr. Olympia" und Co. prämieren doch Körper, die auf natürlichem Wege gar nicht zu erreichen wären.

Braumann: Wer sich im klassischen Bodybuilding betätigt, muss damit rechnen, dass mehr als in anderen Sportarten, gedopt wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber ohne ärztliche Verordnung ist Steroidbesitz laut Arzneimittelgesetz verboten!

Braumann: Das stimmt. Und wenn Sie sich in der Kraftsport Szene umschauen, müssen Sie feststellen, dass es da offensichtlich ein erhebliches Vollzugsdefizit gibt. Es wird strafrechtlich nicht verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Natürlich gibt es diese Mittel auf dem Schwarzmarkt. Aber ich frage mich, wie man offizielle Wettbewerbe veranstalten kann, die nur funktionieren, wenn die Wettbewerber Mittel anwenden, die verboten sind.

Braumann: Das könnten Sie auch anderen Sportarten vorwerfen. Doping ist ein immanentes Problem des Leistungssports.

SPIEGEL ONLINE: Beim Bodybuilding ist das Doping aber doch so offensichtlich.

Braumann: Nur weil einer aussieht wie gedopt, hat er nicht zwingend gedopt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Sie können Doper nur mit Kontrollen überführen - und wenn man die nicht macht, dann überführt man auch niemanden. Ich bin auch überzeugt, dass man bei Bodybuildern eine Menge positive Dopingkontrollen finden würde. (Die International Federation of Body Building, Veranstalter des "Mr. Olympia" und der "Arnold Classic", gibt auf ihrer Webseite an, Dopingkontrollen durchzuführen - d. Red.).

SPIEGEL ONLINE: Berühmte ehemalige Bodybuilder und Hollywood-Stars wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone haben zugegeben, selbst gedopt zu haben.

Braumann: Das ist natürlich ein fatales Signal. Aber solange kein Aufschrei der Empörung durchs Land geht, gilt das offenbar als Kavaliersdelikt.

SPIEGEL ONLINE: Bodybuilding war in den achtziger und neunziger Jahren hip. Hat das wieder abgenommen?

Braumann: Was Extrem-Bodybuilding angeht, kann ich das schlecht einschätzen. Was mir aber auffällt, ist, dass immer mehr junge Männer und auch Frauen sehr viel Wert darauf legen, einen gut definierten Körper zu haben und Krafttraining machen - ohne jetzt gleich aussehen zu wollen wie ein Bodybuilder. Das sieht man auch in der Modelszene. Schauen Sie sich mal alte Filme aus den siebziger Jahren an und vergleichen Sie die mit aktuellen Filmen. Was das Frauenschönheitsideal angeht, sehen Sie da bemerkenswerte Unterschiede in der Athletik und der muskulären Definiertheit der Körper.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.

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