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Eisschwimmen: Über die körperlichen Grenzen hinaus

Foto: Johannes Simon/ Bongarts/Getty Images

Eisschwimm-Weltmeisterin Julia Wittig "Da werden meine Hände zu Klumpen"

Julia Wittig ist die schnellste Eisschwimmerin der Welt, die 37-Jährige gewann Anfang des Jahres die WM in Burghausen. Ein Gespräch über Atmungsmantras, gelähmte Finger und krebsrote Haut.
Zur Person
Foto: Johannes Simon/ Bongarts/Getty Images

Julia Wittig, Jahrgang 1979, frühere Leistungsschwimmerin, ist heute Lehrerin und schwimmt beim Eisschwimmverein Serwus Burghausen. Sie gewann die diesjährige Eisschwimm-WM am Wöhrsee und hält mit 12:21,00 Minuten den Weltrekord über 1000 Meter im Eiswasser.

SPIEGEL ONLINE: Frau Wittig, draußen herrschen Minusgrade und Sie schwimmen im Eiswasser um die Wette: Was stimmt nicht mit Ihnen?

Wittig: Man muss ein bisschen verrückt sein fürs Eisschwimmen. Das Wasser hat immer eine Temperatur von unter fünf Grad. Bei der WM am vergangenen Wochenende im Wöhrsee in Burghausen hatten wir sogar nur 3,4 Grad. Es ist etwas Extremes, aber ich bin da einfach der Typ für. Nach meiner Karriere als Leistungsschwimmerin habe ich mir vom Marathon  bis hin zu Bergsteigen viele Herausforderungen gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Bei der WM sind Sie gerade über 1000 Meter Weltmeisterin geworden, vergangenes Jahr stellten Sie über die gleiche Strecke den Weltrekord auf.

Wittig: Ich war heilfroh, dass sich das harte und kalte Training ausgezahlt hat. 120 Teilnehmer aus 25 Nationen waren dabei. Wir schwammen in 25-Meter-Bahnen, die im See angelegt wurden. Die Eisschwimm-Szene wächst stetig und Burghausen ist das Eisschwimm-Mekka: Bei uns haben sogar Gymnasien Eisschwimm-AGs.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainiert man denn für eine Eisschwimm-WM?

Wittig: Für die Geschwindigkeit trainiere ich im Becken. Zusätzlich muss man seine Kälteanpassung schulen. Also geht's ab Herbst in den See, um den Körper langsam an die Kälte zu gewöhnen. Temperatur und die Trainingsdauer nehmen graduell ab. Bei 18 Grad Wassertemperatur trainiert man noch anderthalb Stunden, bei 16 Grad nur noch eine Stunde. Irgendwann bin ich dann täglich 1000 Meter und mehr im Eiswasser unter fünf Grad geschwommen. Das gab mir Sicherheit und ich merkte, dass der Körper auf Dauer die Kälte besser aushält.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich das Schwimmen im Eiswasser von normalem Schwimmen?

Wittig: Die Technik bleibt die gleiche . Aber: Das Eiswasser erschwert, die Technik über längere Strecken durchzuhalten. Mit zunehmender Dauer wird alles langsamer. Die Muskeln verkrampfen, der Körper versucht, sich zu schützen. Das heißt, das Blut fließt aus den Extremitäten zu den Organen ins Körperinnere. Du kannst nicht von heute auf morgen 1000 Meter im Eiswasser schwimmen, das muss man trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Extremitäten frösteln also am schnellsten?

Wittig: Ja, ich merke beim Schwimmen oft nicht mehr, dass ich einzelne Finger hab. Da werden meine Hände zu Klumpen. Der kleine Finger spreizt sich ab und die restlichen Finger verlieren ihre Beweglichkeit, sodass man nach dem Rennen nicht mal mehr die Ohrenstöpsel rausziehen kann. Die Füße und die Zehen spürt man auch nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, wenn man mehr Körperfett als normale Schwimmer hat?

Wittig: Viele Eisschwimmer haben etwas mehr auf den Rippen und nennen das "Biopren". Bei einem 1000-Meter-Rennen brauche ich aber keine Fettreserven . Deshalb hab ich auch nicht extra zugenommen. Für längere Zeiten im Eiswasser kann das aber von Vorteil sein.

SPIEGEL ONLINE: Was fühlen Sie in diesem ersten Moment, wenn Sie in das eiskalte Wasser steigen?

Wittig: Bei meinem ersten Mal vor zwei Jahren blieb mir vor Kälte die Luft weg. Manch einer bekommt einen Kälteschock und gerät sogar in Panik. Ich zögere jetzt nicht mehr beim Reingehen und merke nur noch beiläufig, dass es kalt ist. Im Kopf sage ich mir mein Mantra auf: "Ruhig atmen. Das geht schon, du hast das schon oft gemacht." Beim Wettkampf bin ich eh so angespannt, dass ich froh bin, wenn es endlich losgeht.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Körper und Kopf bei Meter 700?

Wittig: Ein 1000-Meter-Rennen fängt so richtig erst nach der Hälfte an. Die Bewegungen frieren ein und viele schwimmen unkontrolliert in die Bahnabsperrleinen rein. Die erste Hälfte kriegt man irgendwie noch hin, aber wenn dich bei 700 Metern voll die Kälte einholt, dann können 300 Meter unendlich lang sein. Eisschwimmen ist deshalb auch eine Kopfsache. Durch viel Training habe ich gelernt, konzentriert ins Wasser zu gehen und mein Programm zu absolvieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wärmt man sich nach einem Rennen wieder auf?

Wittig: In den ersten fünf Minuten, nachdem du aus dem Wasser steigst, merkst du gar nichts. Auch nicht, dass du nass bist. Das ist die Erholungsphase, in der sich der Körper die Wärme zurückholt, die Haut ist dann krebsrot und taub. Erst danach beginnt man zu zittern. Und zwar richtig (lacht). Nach meinem Rennen gehe ich deshalb komplett eingekleidet mit Mütze und Schal in eine bis 60 Grad hochgeheizte Wärmekabine. Man zittert noch 10 bis 15 Minuten, und dann wird es schön warm.

SPIEGEL ONLINE: Schmerzende Finger, taube Füße und Kälteschocks: Besteht bei Ihrer Sportart nicht die akute Gefahr, eine Unterkühlung oder noch Schlimmeres zu erleiden?

Wittig: Extremsportarten sind immer etwas gefährlich . Aber das Risiko kann man minimieren. Wir trainieren nie alleine. Und bei Wettkämpfen haben wir persönliche Betreuer, ärztliche Versorgung und Checks, Taucher und einen überschaubaren Pool im See. Dazu guckt sich der Race Director das Rennen genau an und kann auch Schwimmer aus dem Rennen nehmen, wenn sie auffällig langsamer werden oder die Kontrolle verlieren.

Hinweis: Wenn eine Person unterkühlt, weil sie zum Beispiel in einen kalten See gefallen ist, sollte man sie auf keinen Fall aktiv aufwärmen - zum Beispiel durch Rubbeln - oder sie an eine Wärmequelle wie eine Heizung legen. Stattdessen muss sich der Körper erst mal selbst erwärmen, etwa durch das Ausziehen nasser Kleidung und das Umlegen einer Decke. Sonst kann es passieren, dass das kalte Blut zu schnell aus den Extremitäten in die Körpermitte schnellt. Dann drohen lebensbedrohliche Herz-Rhythmus-Störungen.

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