Fotostrecke

Elektrostimulationstraining: Sixpack aus der Steckdose

Foto: Corbis

Elektrische Muskelstimulation Gib dem Schwabbel Strom!

Der Bauch soll weg? Fitnessstudios empfehlen eine besondere Methode: Elektrostimulationstraining. Wenn elektrische Impulse beim Sport den Körper durchfließen, stählt das die Muskeln besonders schnell - und erspart einem angeblich stundenlanges Gerätetraining. Ein Selbstversuch.
Von Ina Brzoska

Ein kleiner Aufzug katapultiert mich in die Welt der Stromschläge. In wenigen Minuten werde ich mit der Steckdose verbunden sein, Strom soll meinen Körper zum Zittern bringen. EMS-Training heißt dieser Fitnesstrend, die Abkürzung steht für elektrische Muskelstimulation - angeblich werden schlaffe Dellen schneller dadurch straff, binnen Minuten, versprechen Anbieter.

Ich betrete ein winziges Studio mit weißem Tresen, apfelgrünen Sesseln und Wasserkaraffen - hoch oben, über den Menschenmengen, die sich durch die Berliner Friedrichstraße schieben. Mein Trainer überreicht mir hautenge Funktionswäsche. Dann kommt diese schwarze Montur, aus der lauter bunte Kabel hängen. Sieht aus wie ein Kletteranzug mit Elektroden. Damit diese auch richtig schön Strom durch meine Haut leiten, werden sie noch mit lauwarmen Wasser besprüht. Enger als ein Korsett zurrt der Trainer die Weste fest, schnallt Manschetten um Hüfte, Oberschenkel und -arme. Ich fühle mich wie ein geschnürtes, luftdicht verpacktes Paket. Mir stockt der Atem, gleich wird's kribbelig.

20 Minuten EMS, versprechen Anbieter, ersetzen angeblich mehrere Stunden Gerätetraining. Bis zu 600 Kilokalorien sollen pro Sitzung verbraucht werden. Sportwissenschaftler erklären dieses unglaubliche Phänomen so: Wenn wir an der Hantelbank schwitzen, spannen sich zuerst die roten, ausdauernden und erst anschließend die schnellen, weißen Muskelfasern an. Bei EMS sollen nahezu hundert Prozent aller Muskelfasern aktiv werden. Effektiver und nachhaltiger bauen wir dadurch angeblich Kraft auf.

Klingt fantastisch: Wozu also Stunden im Fitnessstudio vergeuden, wenn ich binnen Minuten straff werden kann?

Muskeln und Skelett

Ich stehe in Strümpfen auf einer softig weichen Matte und blicke auf dieses Gerät vor mir. Eine Art Mischpult, das auf einem Sockel thront. Über die Knöpfe kann der Trainer die Stromzufuhr für alle Muskelgruppen regulieren. Wenn die roten Lämpchen angehen, soll ich alles anspannen. Es geht los: Po raus, Brust vor, Handinnenflächen aneinanderpressen. Elegant und EMS - das geht schon mal nicht, aber man ist ja auch allein, mal abgesehen vom Trainer. Jetzt kribbelt es langsam. Ich denke an den letzten Glühbirnenwechsel, als ich aus Versehen in die Fassung gegriffen habe.

Bisherige Studien fallen positiv aus

Autsch, aua! Angeblich habe ich eine geringe Schmerztoleranzgrenze, attestiert mir mein Trainer. Ich fordere ihn trotzdem auf, weiter runter zu pegeln. Bei zwanzig Euro pro Proberunde bin ich der Boss. EMS und ich, das ist auf jeden Fall nicht Liebe auf den ersten Blick - das kribbelt viel zu aufdringlich.

Vier Sekunden anspannen, vier Sekunden lockern, das ist der Rhythmus für die folgenden 20 Minuten. Der schlimmste Moment kommt, als der Strom fließt, und ich vergesse, rechtzeitig anzuspannen. Meine rechte Hand verkrampft sich, der kleine Finger krümmt sich wehleidig nach rechts. Ich muss mich besser konzentrieren, sagt mein Trainer. Also stiere ich auf die roten Lämpchen: Wenn sie leuchten, dann kommt die nächste Dosis. Allerdings bin ich so konzentriert, dass ich das Ausatmen vergesse, das ist nämlich wichtig beim Anspannen. Nach einigen Minuten gewöhne ich mich an die Stromschläge. Ich male mir Problemzonen und Bauchspeck aus. Ich erlaube dem Trainer höher zu pegeln.

An der Sporthochschule Köln (DSHS), der Uni Bayreuth und der Uni Nürnberg wurden Studien mit EMS durchgeführt. Das Fazit der Akademiker ist überraschend positiv. Die Trainingsmethode sei durchaus geeignet, um schnell Muskeln aufzubauen. EMS könne sogar Krankheiten vorbeugen, Verspannungen lösen, Rückenschmerzen lindern oder eine schlaffe Beckenbodenmuskulatur festigen - denn hier werden Kraftpakete beansprucht, an die wir sonst kaum rankommen. 2010 testete die DSHS die Methode sogar bei Herzpatienten. Sportwissenschaftler stellten eine Stärkung der Kraft und der Ausdauer fest. Dafür wird jede Übung unter Strom auch zum Kraftakt. Das Blut schießt ins Gesicht, der Puls schnellt nach oben, ich schwitze bereits nach den ersten Minuten. Fitness für Faule? Fehlanzeige! Sensible Geschöpfe müssen eindeutig Mut zum Masochismus mitbringen. Bei Menschen mit Herzschrittmachern oder Epilepsie wird von EMS im Übrigen abgeraten, Schwangere sollten auch nicht unter Strom trainieren. Aber für alle anderen soll das gesund sein?

Glaubt man Experten, dann ja. Muskelgruppen mit Reizstrom zu belasten, kommt nämlich aus der Reha. Dort wird die Methode schon länger eingesetzt, etwa um nach Verletzungen Muskelschwund zu verhindern. Später machten sich Spitzensportler den Strom zunutze, um ihre Leistung zu steigern - legales Doping, wenn man so will. Seit ein paar Jahren erobert EMS den Fitnessbereich, vor allem in Großstädten, wo Berufstätige ihr Training gern in der Mittagspause abhandeln. Mehrere hundert Mikrostudios soll es Branchenverbänden zufolge allein in Hamburg und Berlin geben. Trainingscenter, ausgestattet mit nur ein oder zwei Geräten und oft kaum mehr als 50 Kunden.

Der Haken an der Sache

Sportwissenschaftler Harald Gärtner, Dozent für die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, kritisiert allerdings, dass die meisten Studien sich lediglich über einige Wochen erstreckten. Nach etwa 18 Trainingseinheiten ist seiner Meinung nach keine weitere nennenswerte Steigerung möglich. "Reines EMS-Training halte ich für falsch, da die Koordinationskomponente zu kurz kommt", sagt Gärtner.

Ein weiterer Haken: Das EMS-Training ist teuer. Rund 200 Euro kosten sechs Trainingseinheiten, wer sich solch ein Gerät selbst zulegt, zahlt zwischen zehn- und zwölftausend Euro. Zudem passt der hohe Energieverbrauch nicht in die Zeit der ökologischen Fußabdrücke. Ob das vielleicht erklärt, warum diese apfelgrünen Sessel in meinem Mikrostudio stehen?

Mein Probetraining geht in die letzte Runde. 18 Minuten habe ich geschafft - 18 Minuten, die sich anfühlen wie zwei Stunden. Endspurt. Ich kämpfe wacker gegen den Kontrollverlust. Bei Knie- und Armbeugen balle ich die Hände zur Faust. Ein letztes Mal, der Trainer zählt die Sekunden runter, dann lächelt er halbzufrieden. Ich weiß, da wäre noch mehr drin gewesen. Aber ich bin geschafft, außerdem ist mir etwas schummrig. Nach der Dusche ziept es schon im Po. Wie wird sich das alles wohl am nächsten Tag anfühlen? Ich wackele etwas unsicher aus der Welt der Stromschläge. Ganz ehrlich: So arg weh tut das Training nicht. Viel schmerzvoller ist der Muskelkater, der mich am nächsten Tag heimsucht.

Mehr lesen über Verwandte Artikel