Mythos Endorphine Weshalb uns Sport glücklich macht

Warum schnüren Millionen von Menschen in der Welt tagtäglich ihre Sportschuhe und laufen? Die einfachste Antwort liegt auf der Hand: weil es glücklich macht. Doch was genau löst das Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung oder sogar Euphorie aus?
Sport am Morgen: "Niemand weiß sicher, ob das Wohlbefinden beim Sport von Endorphinen ausgelöst wird"

Sport am Morgen: "Niemand weiß sicher, ob das Wohlbefinden beim Sport von Endorphinen ausgelöst wird"

Foto: Swen Pförtner/ picture alliance / dpa

Seit mehr als 40 Jahren werden die Endorphine für die Glücksgefühle beim Sport verantwortlich gemacht - und das, obwohl diese Theorie schon seit Jahrzehnten umstritten ist. "Niemand weiß sicher, ob das Wohlbefinden beim Sport von Endorphinen ausgelöst wird", sagt Fernando Dimeo, Sportmediziner an der Berliner Charité. "Es ist eine einfache, plakative Behauptung - die nicht zu beweisen ist."

Vieles spricht sogar gegen die Endorphin-Theorie, denn die körpereigenen Morphine sorgen dafür, dass man "bei Verletzungen keine oder weniger Schmerzen verspürt ", schreiben Lutz Aderhold und Stefan Weigelt in ihrem Werk "Laufen". Endorphine haben also eine ganz andere Aufgabe: Sie sind Schmerzstiller, keine Wohlfühler. Sie sollen Extremsituationen erträglicher machen. Aber dass sie auch dafür sorgen, dass man den Marathon mühelos bewältigt, ist unwahrscheinlich. "Das Glücksgefühl entsteht im Gehirn, nicht im Körper", sagt Dimeo. Endorphine würden aber bislang nur im Blut nachgewiesen, ins Gehirn drängen sie nicht.

Rausch von innen

Laut Dimeo gibt es viel heißere Kandidaten, die für das Wohlbefinden sorgen könnten. Verdächtiger Nummer eins sind Endocannabinoide. Das sind körpereigene Substanzen, die den Menschen in einen rauschhaften Zustand versetzen können, ähnlich wie es Drogen wie Cannabis tun. Sportliche Aktivität, so lautet die These, führe zu einer vermehrten Ausschüttung von körpereigenen Cannabinoiden. Laut Aderhold und Weigelt steigt somit das Wohlbefinden. Man spüre weniger Schmerz und weniger Ängstlichkeit.

Verdächtiger Nummer zwei: Wer Sport treibt, erhöht die Menge an Serotonin und anderen Botenstoffen wie Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin. Sie alle zusammen könnten den Rauschzustand beim Laufen auslösen; Serotonin wird oft auch als Glückshormon bezeichnet, da es die Stimmung aufhellt.

Beim dritten Verdächtigen im Bunde dreht sich alles um wiederkehrende, rhythmische Bewegungen. Viele Läufer berichten von einem "Flow"-Moment, oft auch als Runner's High bezeichnet. Ein rauschähnlicher Zustand, in dem alles fließt und man quasi von allein läuft. Wer öfter mal länger läuft, wird das Phänomen kennen: Dass Probleme nach einem längeren Lauf plötzlich nicht mehr ganz so negativ wahrgenommen werden wie vorher, obwohl sich objektiv an der Situation nichts geändert hat - oder dass man auf neue Ideen kommt.

Erholung durch Rhythmus

Die gleichbleibenden, rhythmischen Bewegungen haben anscheinend einen positiven Effekt auf die Psyche. Auch in der Traumatherapie macht man sich dieses Phänomen zunutze. In der EMDR-Therapie  (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) werden die Patienten mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert. Gleichzeitig soll der Patient die Augen hin- und herbewegen. Diese wiederholenden Augenbewegungen führen anscheinend dazu, dass das Gehirn sich neu sortiert, das Negativerlebnis integriert und als Vergangenes abspeichert.

Die EMDR-Therapie klingt einfach - und ist sehr effektiv. "Man muss nicht unbedingt die Augen bewegen, um einen Effekt zu erzielen", sagt Dimeo. Die EMDR-Therapie funktioniere auch mit Tönen oder mit rhythmischen Handbewegungen. Oder mit den Füßen? Tack, Tack, Tack, Tack - auch beim Laufen scheint es diese rhythmische Stimulation durch die Schrittfolge zu geben. Es könnte also sein, dass derselbe Mechanismus, der bei der EMDR-Therapie zur Geltung kommt, auch fürs Laufen gilt.

Warum tut Sport gut? Die Frage ist zwar wissenschaftlich noch nicht eindeutig beantwortet, wird aber vielen auch egal sein. Kaum einer scheint die positive Wirkung von sportlicher Bewegung in Frage zu stellen. Die Frage, die sich viele eher stellen, ist: Warum treibe ich nicht mehr Sport , obwohl ich weiß, dass er mir gut tut? Das kann jeder nur selbst beantworten.

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