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15. Februar 2018, 19:58 Uhr

Ernährung der Zukunft

"Künstliche Intelligenz wird unsere Nahrung mischen"

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Trinken wir bald alle Shakes mit Nährstoffen in perfekter Menge? Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott hält das für möglich. Genuss und Gemeinschaft bleiben dabei allerdings auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ellrott, werden wir alle irgendwann nur noch Nahrung in Pulverform zu uns nehmen?

Ellrott: In bestimmten Situationen schon.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten wir dieses langweilige Zeug futtern?

Ellrott: Da hilft ein Blick in eine Studie zur Ernährung der Zukunft im Jahr 2030. Wenn man sich die Pulvernahrung anschaut, sind da ziemlich viele Punkte abgedeckt, die in der Zukunft eine Rolle spielen werden. Die meisten solcher All-in-One-Produkte sind ausgesprochen ressourcenschonend, es sind vegetarische Mahlzeiten, manche auch vegan. Das Protein stammt überwiegend aus Soja, Milch oder Ei, dafür stirbt kein Tier. Man muss solche Pulver und Drinks nicht mal kühlen - auch da würde jede Menge Energie gespart. Zudem produziert es wenig Müll.

SPIEGEL ONLINE: Beim Shake von Soylent würden täglich mindestens fünf Plastikflaschen Müll entstehen, bei Plennyshake eine große Kunststofftüte.

Ellrott: Das sind vergleichsweise geringe Mengen und gut zu recyceln. Vergleichen Sie das mal mit den Verpackungsbergen, die beim Kochen entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es bei diesen Produkten nicht rein um Selbstoptimierung?

Ellrott: Das war zumindest der erste Gedanke von Soylent-Erfinder Rob Rhinehart aus dem Silicon Valley. Er wollte für das Essen nicht seine Zeit vergeuden. Essen sollte am Computer möglich sein, um die Zeit effizienter nutzen zu können. Zudem wollte er ein Produkt entwickeln, bei dem er sich keine Gedanken um Gesundheit machen muss, weil alle Nährstoffe schon in perfekter Menge enthalten sind.

SPIEGEL ONLINE: So zu essen, macht ziemlich einsam.

Ellrott: Das ist ja auch das Ziel: Es geht um Zeit- und Selbstoptimierung. Theoretisch könnte ich diese Zeit bei der Arbeit nutzten und früher Feierabend machen, um mich mit Freunden zu treffen. Aber ich bin skeptisch, ob solche Rechnungen aufgehen. Die Menschen werden vermutlich einfach mehr arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir uns nicht schon heute zu wenig Zeit für Essen?

Ellrott: Ja. Viele Menschen konsumieren heute schnell, unterwegs und allein. Wegezeit wird zunehmend genutzt, um zu essen. An Bahnhöfen, Flughäfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln sehen Sie überall Menschen, die Essen in der Hand haben. Das ist auch eine Frage der Kultur: Ich war kürzlich in Hongkong. Dort sehen Sie praktisch niemanden mit Coffee-to-go-Becher, Trinkflasche oder Snack in der Hand. Der Unterschied im Straßenbild ist frappierend.

SPIEGEL ONLINE: Wie gesund solche Pulvernahrungen sind, ist umstritten. Einige Mediziner warnen vor Dauerkonsum, weil die Vielfalt der Nährstoffe fehlt.

Ellrott: Wir müssen vorab feststellen, dass auch die normalen Ernährungsgewohnheiten in Deutschland nicht optimal sind. Vergleicht man die Zusammensetzung der All-in-One-Produkte damit, dürfte man mit den Shakes vielfach sogar gesundheitlich besser liegen. Letztlich fehlen aber noch Studien dazu. Mit den Pulvern und Shakes werden die Konsumenten aber vermutlich nicht an Gewicht zunehmen, eher sogar leicht abnehmen. Das liegt einmal am Eiweißgehalt, aber auch an den strikt vorgegebenen Portionsgrößen und daran, dass die Shakes nicht wirklich lecker schmecken.

SPIEGEL ONLINE: Aber Essen ist doch viel mehr als nur satt werden.

Ellrott: Stimmt. Das ist der Nachteil bei den Produkten: Genuss steckt dort überhaupt nicht drin. Was ebenfalls fehlt, ist die sozial verbindende Komponente von Essen. Diese Funktion von Essen ist in einer gefühlt sich immer schneller drehenden Welt besonders wichtig. Gemeinsames Essen festigt lebenswichtige soziale Bindungen oder kreiert neue. Das fehlt bei den All-in-One-Mahlzeiten völlig. Selbst Rob Rhinehart ernährt sich nicht alleine von Soylent. Abends isst er lieber normale Mahlzeiten zusammen mit Familie oder Freunden. So kann der Körper auch frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht besser, sich so einen Shake frisch selbst herzustellen?

Ellrott: Ja, das könnte man tun: Als Basis eignet sich etwa ein Obst- oder Gemüsesmoothie. Dann bräuchten sie noch Proteine - etwa aus Quark oder Soja. Fett ist auch wichtig, da könnten sie Raps oder Wallnussöl nehmen. Wer mag, mixt auch ein paar Nüsse dazu - dann haben Sie eine vollwertige, flüssige Mahlzeit. Aber Sie ahnen: Das ist viel aufwendiger als ein Fertigshake.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Genuss im Zusammenhang mit Essen?

Ellrott: Wir haben dazu gerade eine Studie gemacht. Eines der Ergebnisse war, dass die Menschen vor allem dann genießen können, wenn sie genug Zeit haben und mit anderen zusammen sind. Die gemeinschaftsstiftende Wirkung ist von großer Wichtigkeit. Wo viel in Gemeinschaft gegessen wird, profitiert am Ende die Gesellschaft. Denn hier findet Perspektivwechsel, Verständnis, Toleranz, Dialog und Integration statt. Man könnte in letzter Instanz sagen, gemeinsames Essen ist auch friedensstiftend.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt nach Pulvernahrung?

Ellrott: Individualisierte All-in-One-Nahrung. Bisherige Pulvernahrung ist vom Nährstoffbedarf für den Durchschnittsmenschen designt. Etwa 2000 Kilokalorien am Tag, so hoch ist der Kalorienbedarf einer körperlich wenig aktiven Frau im mittleren Alter. Männer liegen gut 500 Kilokalorien darüber. Das ist aber nicht der Tagesbedarf eines jungen Menschen, der körperlich vielleicht sehr aktiv ist. Und auch nicht der Bedarf älterer Menschen, die möglicherweise nicht mehr gesund sind. Sicher wird man sich zukünftig seine eigene All-in-One-Nahrung zusammenstellen lassen können, abgestimmt auf den persönlichen Bedarf.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das funktionieren?

Ellrott: Eines Tages wird künstliche Intelligenz persönlich optimierte Nahrung für uns mischen. Das Smartphone oder sein Nachfolger erfasst permanent über mobile Sensoren unsere aktuellen Daten und sendet diese zur Auswertung weiter. Abhängig vom Kalorienverbrauch, Blutzuckerspiegel, Blutdruck und anderen persönlichen Daten stellt künstliche Intelligenz dann das aus gesundheitlicher Sicht perfekte Essen für uns zusammen, ob aus Pulver oder normalen Lebensmitteln. Profisportler arbeiten ja schon mit ähnlichen Modellen. Solch ein Zukunftsszenario erscheint zwar aus gesundheitlicher Perspektive optimal. Den erwähnten Zusatznutzen für Genuss, Lebensfreude und soziale Gemeinschaft dürfte Essen dann aber nicht mehr haben.

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