Ernährung für Kinder Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!

Warum mögen Kinder Gummibärchen, aber so gut wie nie Salat oder Rosenkohl? Wie bringt man den Nachwuchs dazu, sich gesund zu ernähren? Der Mediziner Herbert Renz-Polster serviert in "Gehirn und Geist" überraschende Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung.
Skepsis: Sanftmütige Kinder legen bei Tisch oft verblüffenden Starrsinn an den Tag

Skepsis: Sanftmütige Kinder legen bei Tisch oft verblüffenden Starrsinn an den Tag

Foto: Corbis

"Gemüse? Schön wär's - Leo isst ausschließlich Nudeln pur", seufzt die Mutter eines Dreikäsehochs auf dem Spielplatz. "Da habt ihr ja noch Glück!", so eine andere: "Bei Sarah muss überall Ketchup dazu. Aber wehe, sie entdeckt auf dem Teller ein winziges Stück Tomate!" "Und dann immer dieses Gematsche mit den Händen …"

Beim Thema Essen eint Eltern der Frust. So gern würde man den Nachwuchs an eine gesunde Ernährung und Tischmanieren heranführen! Doch gerade hier verfehlt alles Bitten und Schimpfen seine Wirkung. Die fünfjährige Lina etwa sitzt stur vor dem gefüllten Teller und verweigert jede Nahrungsaufnahme: "Da sind Kräuter drauf!" Max (dreieinhalb) isst Farfalle grundsätzlich mit der Hand oder gar nicht. Und darf der vierjährige Benno das Brötcheninnere nicht zu Kügelchen rollen, folgt ein Wutanfall, der sich gewaschen hat. Warum verhalten sich viele Kinder beim Essen scheinbar so kompliziert? Können Eltern hier überhaupt etwas ausrichten - und wenn ja, wie schaffen sie das?

Tatsächlich kann die einzigartige Entwicklungsgeschichte des Menschen viele kindliche Essvorlieben erklären. Homo sapiens besiedelte im Lauf der Zeit praktisch sämtliche Klimazonen der Erde, von den üppigen Tropen bis hin zur gemüsefreien Arktis. Dabei galt es, immer wieder neue Nahrungsquellen zu erschließen. Eine gefährliche Aufgabe: Denn das jeweils vorgefundene Angebot enthielt nicht nur Nahrhaftes, sondern vergleichsweise noch viel mehr Unverträgliches, ja sogar Tödliches. Und das kann sich so ähnlich sehen wie Heidelbeere und Tollkirsche!

Bei der Entscheidung für ein Nahrungsmittel musste der Mensch also äußerst kritisch vorgehen. Einige angeborene Präferenzen verbesserten seine Erfolgschancen. So half unseren Vorfahren ihr Geschmackssinn, das Sortiment schon einmal grob zu sortieren: Süßes, Eiweißhaltiges und Fettes deuten auf problemlose, energiereiche Nahrung hin. Bitteres und Saures dagegen sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie stehen für Unreifes, möglicherweise Verdorbenes oder sogar Giftiges.

Opfer der "Generation Spinat"

Diese genetischen Voreinstellungen sicherten das Überleben des Menschen Hunderttausende von Jahren lang - und prägen uns bis heute. Kein Wunder, dass auch unsere Kinder mit ihren noch wenig belastbaren Organen auf Gemüse meist abwehrend reagieren. Denn obwohl die heutigen Gemüsesorten weniger herb schmecken als ihre wilden Vorläufer, enthalten sie doch - für empfindliche Kinderzungen durchaus erkennbar - Spuren von Bitterstoffen.

Viele Opfer der "Generation Spinat" berichten, wie sie stundenlang vor dem grünen Brei saßen und ihn dann in einem unbeobachteten Moment im Blumentopf verschwinden ließen. Andere nahmen schlimme Strafen in Kauf, nur um das Zeug nicht essen zu müssen. Dies wurde von ihren Eltern meist als Ungezogenheit angesehen. Evolutionspsychologisch betrachtet handelt es sich aber ganz einfach um eine aversive Verhaltensdisposition - eine mit bestimmten Reizen verknüpfte unbewusste Abwehr.

Umgekehrt zeigt dieser Blick in die menschliche Evolutionsgeschichte auch, warum der Nachwuchs statt auf Selleriestängel auf Schokokreme und fettige Pommes frites steht. Kalorienbomben halfen dem Menschen nun einmal am besten über die nächste Hungerphase. Diese schnell herunterzuschlingen (wer weiß, wie lange man ungestört bleibt!), war äußerst sinnvoll. In den heutigen Industrienationen gibt es Lebensmittel im Überfluss. Doch ist die Vorliebe für kalorienreiche Überlebensnahrung geblieben - und bei viel Appetit auch die Neigung zu hastigem Essen.

Das entscheidende Alter

Aber warum reagieren die meisten Kinder so skeptisch, wenn Mama einmal etwas Neues auf den Tisch bringt? Warum wollen manche gar fast immer dasselbe essen? "Als Mario noch ein Baby war, probierte er alles: Pesto, Schafskäse, Olivenstückchen, Krabben …", erzählt sein Vater rückblickend. Inzwischen fordere das Kindergartenkind von Montag bis Sonntag vehement: "Ich will Fischstäbchen mit Kartoffelbrei!"

Diese auch als Neophobie - Angst vor Neuem - bekannte Verhaltensweise half Menschenkindern, in ihrem ursprünglichen Lebensraum Giftunfälle zu vermeiden. Solange die Kinder gestillt wurden und immer nah bei der Mutter waren, brauchten sie nicht wählerisch zu sein. Schließlich wachten kluge und vertraute Erwachsene darüber, was den Säuglingen so alles in den Mund rutschte. Eine grundsätzliche Abwehrhaltung wäre zu diesem Zeitpunkt wenig überlebensförderlich gewesen.

Das änderte sich, sobald der Nachwuchs begann, die Umwelt auf eigenen Beinen zu erforschen. Nun konnte die Mutter nicht mehr alle Beeren und Knollen kontrollieren, die in die Reichweite der kleinen Finger kamen. Das Überleben der Kinder sicherte jetzt die genetisch programmierte Verengung ihres Auswahlhorizonts: Alles Unbekannte wurde hartnäckig gemieden - insbesondere, wenn es dazu noch grün war oder bitter schmeckte.

Übrigens findet sich diese Neophobie auch bei anderen "Allesfressern" wie Ratten oder Kapuzineräffchen. Sie leiden unter demselben Dilemma wie Homo sapiens. Einerseits sind sie nicht auf ein bestimmtes Futter festgelegt. Andererseits müssen insbesondere die unerfahrenen und anfälligen Jungtiere Giftiges unbedingt meiden. Das bedeutet für Mensch wie Tier: Erst mit der Zeit lernt der Nachwuchs von den Erwachsenen, gute und schlechte Nahrung sicher zu unterscheiden. Gleichzeitig reifen die kindlichen Organe und werden immer robuster gegenüber Giftstoffen. Im späteren Kindesalter kann sich der Geschmackshorizont daher wieder öffnen.

So verläuft die Neophobie

Auch wenn unsere Kinder ihr Essen nicht mehr direkt aus der freien Natur beziehen und im Kühlschrank nur ungiftige Lebensmittel stehen: Der kindliche Körper folgt auch heute noch dem einst entwickelten Erfolgsprogramm. So verläuft die Neophobie bei allen Kindern nach einem ähnlichen Muster. Im Alter zwischen vier und sechs Monaten ist sie am geringsten ausgeprägt - die meisten Säuglinge probieren in diesem Alter praktisch alles, was ihnen angeboten wird. Ab etwa dem 18. Monat verengt sich die Auswahl allmählich, der Blick wird kritischer, der Mund öffnet sich immer zögerlicher.

Im späten Kleinkind- und Kindergartenalter erreicht die Skepsis gegenüber Neuem dann ihr Maximum: Kinder sind jetzt wirklich schlechte Esser und lehnen neue, geschmacklich komplexe oder eventuell bitter schmeckende Nahrungsmittel oft vollständig ab. Erst zwischen acht und zwölf Jahren ändert sich dies wieder, fassten Leann Birch und Jennifer Fisher an der Pennsylvania State University (USA) bereits 1998 die Forschungslage zusammen. Kinder beginnen jetzt mit vorher undenkbaren Nahrungsmitteln wie Pilzen, kräftigeren Käsesorten und auch Gemüse wie Brokkoli zu experimentieren.

Suppenkasper - kein Problem

Aus evolutionsbiologischen Erwägungen müsste man nun postulieren, dass sich Kleinkinder mit stark eingeschränktem Speiseplan trotzdem gesund entwickeln, solange sie nur genug essen. Tatsächlich beobachteten Betty Carruth und Jean Skinner von der University of Tennessee (USA) im Jahr 2000, dass extrem wählerische Kinder genauso schnell wachsen wie andere.

Sollten wir die kindlichen Essvorlieben also einfach hinnehmen und warten, bis Leo und Lina früher oder später von selbst leckeren Salat probieren? Leider sind unsere evolutionären Schutzprogramme an eine Umwelt angepasst, die es so nicht mehr gibt. Neophobie und Aversion gegen Bitterstoffe sind heute, wo die Regale der Supermärkte garantiert tollkirschenfrei sind, eigentlich überflüssig, ja sogar lästig geworden. Evolutionsbiologen bezeichnen solche inzwischen ins Leere laufenden Voreinstellungen auch als Passungsproblem (englisch: mismatch).

Die ewig hungrigen Fettzellen etwa, die dem Menschen früher halfen, auch bei ausbleibendem Jagdglück zu überleben, sind in der Überflussgesellschaft zum Mismatch geworden: Übergewicht bei Kindern ist ein verbreitetes Problem. Und das gilt auch für die Schwäche für Süßes. Natürlich war diese Verhaltensdisposition einmal ein überlebenswichtiges Lockprogramm, das dafür sorgte, dass Kinder nur die reifen, kalorienreichen Früchte aßen. Nur lockt es heute unsere Kinder eben weniger zu den reifen Heidelbeeren als zu Schokolade und noch stärkeren Zuckerhämmern. Eltern sollten sich hier nicht wirklich auf die Weisheit der Natur verlassen.

Geduld führt eher zum Ziel

Wie also kann man insbesondere jüngere Kinder dazu bringen, doch einmal etwas Gesundes zu probieren? Klar ist, dass der Nachwuchs sich von meckernden, sorgenvollen Eltern nicht überreden lässt. Die englischen Psychologinnen Claire Farrow und Jacqueline Blissett beobachteten 2008 sogar: Sprösslinge, die beim Essen früh unter Druck gesetzt wurden, wogen im Alter von zwei Jahren weniger als jene, bei denen Mama und Papa nicht ständig genörgelt hatten.

Geduld führt da schon viel eher zum Ziel. Beispielsweise essen kleine Kinder, die Erbsen zunächst ablehnen, diese schließlich doch, wenn sie ihnen an aufeinander folgenden Tagen noch acht bis zehn weitere Male angeboten werden. Das zeigten bereits 1994 Experimente der Ernährungswissenschaftlerinnen Susan Sullivan und Leann Birch, damals an der University of Illinois in Urbana-Champaign (USA). Dabei reicht es aus, wenn die Kleinen zunächst nur ganz wenig probieren. Kinder essen bestimmte Nahrungsmittel also nicht nur, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen auch, wenn sie immer wieder davon essen!

Beim Essen hilft spielen

Leann Birch beobachtete zudem in einer Studie von 2001, dass lustvolles Spielen die Gewöhnung beschleunigt. Das Essen auf dem Teller wird besser akzeptiert, wenn Kinder es in die Hand nehmen, in den Mund stecken, ablutschen oder auch mal werfen dürfen. Das taktile Erleben und das Spielen erzeugen gute Gefühle. Diese verführen Kinder dazu, auch von ungewohnten Lebensmitteln zu kosten.

Für das Gelingen von Gewöhnungsexperimenten ist außerdem hilfreich, wenn jemand mit gutem Beispiel vorangeht. Laut Birch probieren Ein- bis Vierjährige doppelt so häufig etwas Neues, wenn der Erwachsene davon selbst zuerst nimmt und sich dabei freundlich und zugewandt verhält. Und besonders gut funktioniert die Ansteckung, wenn die Kleinen sehen, dass andere Kinder dasselbe essen, wie Birch und ihre Mitarbeiter 2005 herausfanden. So erweitern Einzelkinder oft im Kindergarten plötzlich ihren Speiseplan.

Woran liegt das? Alle Kinder dieser Erde müssen irgendwann lernen, die vor Ort verfügbaren Nahrungsquellen voll und ganz zu nutzen - leckeres Robbenfett in der Arktis, tropische Früchte im Amazonasbecken. Damals wie heute hilft ihnen daher ein evolutionäres Erfolgsprogramm, ihre Neophobie schließlich zu überwinden: ihre ausgeprägte Fähigkeit zum sozialen Lernen. Sie beobachten, was die anderen machen, und übernehmen deren Verhalten.


Vergleichbare Phänomene aus dem Tierreich

Verhaltensforscher kennen das Phänomen aus dem Tierreich. Elisabetta Visalberghi und Elsa Addessi aus Rom führten im Jahr 2000 dazu zahlreiche Experimente durch. Kapuzineräffchen etwa probieren umso eher eine "Nouvelle Cuisine ", je mehr Artgenossen anwesend sind, und noch lieber, wenn diese ebenfalls etwas fressen. Allerdings ist es ihnen - im Gegensatz zu Menschenkindern - sozusagen Banane, ob die Äffchen im Käfig nebendran ebenfalls Ungewohntes oder nur vertraute Hausmannskost zu sich nehmen.

Auch südafrikanische Meerkatzen, die in sozialen Verbänden leben, lernen voneinander. Sie folgen dabei aber nicht jedem x-beliebigen Beispiel. So beobachte Erika van de Waal von der Université de Neuchâtel in der Schweiz 2010, dass die Jungtiere bestimmte Verhaltensweisen ausschließlich von älteren Weibchen übernehmen, nicht aber von älteren Männchen. Wird eine durch einen Schieber gesicherte Kiste mit einer Leckerei in das Gehege gestellt, dann macht sich bald das ranghöchste Gruppenmitglied darüber her. Der Boss - das kann ein Männchen oder ein Weibchen sein - lernt meist schnell, den Schieber zu betätigen. Natürlich beobachten die Jungen ganz genau, was da passiert. Lässt man sie aber in einem weiteren Experiment selbst an die Kiste ran, so zeigt sich, dass nur die Jungtiere aus den von Weibchen geführten Gruppen den Trick wirklich verinnerlicht haben: Ihnen gelingt es, die Kiste zu öffnen, jenen mit männlichen Chefs nicht.

Warum werden hier nur die Frauen als Vorbilder akzeptiert? Der Sinn dieser Strategie erschließt sich, wenn man die geschlechtsspezifische Lebensweise der Meerkatzen berücksichtigt. Während die Weibchen ihr Leben lang im Territorium bleiben, müssen sich die Männchen nach der Pubertät eine neue Gruppe suchen. Bei den Männern handelt es sich also allesamt um "Zugezogene", die sich mit den Herausforderungen des Reviers weniger gut auskennen. Sich beim Lernen eher an den Frauen zu orientieren, dürfte für den Nachwuchs eine adaptive, das Überleben sichernde Strategie darstellen.

Wechselnde Vorbilder


Genauso orientieren Menschenkinder sich nicht automatisch am Beispiel der Eltern, selbst wenn Ratgeberbücher dies noch so oft betonen mögen. Je nach Fragestellung und Alter suchen sich die Sprösslinge ihre Vorbilder selbst aus, mal sind es die Geschwister, mal Prominente aus den Medien, mal die gleichaltrigen Freunde: Für das, was es da gerade zu lernen gibt, kann schließlich nicht immer ein und dieselbe Person der beste Experte sein! Wie gut, dass die Kindheit des Menschen so lange dauert. Sie beschert die nötige Zeit, von immer neuen Vorbildern zu lernen und so mit den überaus komplexen sozialen Anforderungen unserer Gesellschaft zurechtzukommen.

Fassen wir zusammen: Warum essen Menschenkinder so, wie sie essen? Was die Ernährung angeht, kommt das Kleinkindalter bei Homo sapiens einer Revolution gleich. Der Nachwuchs wechselt von einem sicheren, von der Mutter hautnah überwachten Nahrungsumfeld in eine Welt voller Gefahren. Um in verschiedensten Biotopen überleben zu können, hat die Evolution ihm bestimmte Lernregeln mitgegeben. Sie befördern den "Geschäftszweck" der Evolution - eine möglichst gute Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten.

Genetisch geleitetes und erfahrungsabhängiges Lernen greifen dabei ineinander. So setzt der Mensch zum einen auf angeborene Mechanismen, die zu festgelegten Entwicklungszeitpunkten zum Tragen kommen. Zu dem Prozess der "Reifung" gehören die Lenkung der Nahrungsaufnahme durch die Geschmacksqualitäten süß, sauer und bitter und ebenso die Neophobie. Diese Programme sind in den Erbanlagen fixiert und in ähnlicher Form auch bei anderen alles fressenden Säugetieren vorhanden.

Mit der Zeit aber überwinden Kinder ihre Neophobie, indem sie sich stärker am Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld orientieren und von ihnen lernen. Dabei landen sie je nach den kulturellen und familiären Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Esskulturen. Max mag Schweineschnitzel, Can lieber Lammkeulen. Mariella wird zur Vegetarierin, Jenny zieht es zu Burger King. Wer die Essvorlieben seiner Kinder beeinflussen will, sollte vor allem eines beherzigen: Von Natur aus ist Essen ein sinnliches Vergnügen. Damit dies bei unseren Kindern so bleibt, sollte man dem Thema weniger mit Ernst als mit Spaß und viel Toleranz begegnen.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und forscht am "Mannheimer Institut für Public Health" der Universität Heidelberg.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.