Bundesweite Studie So ernähren sich Kinder und Jugendliche in Deutschland

Schlankheitsdruck, Verzicht auf Fleisch und ein Ost-West-Gefälle: Das Robert Koch-Institut hat die Ernährung junger Menschen untersucht. Das sind die fünf wichtigsten Trends.

Tom Werner/ Digital Vision/ Getty Images

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was isst die Jugend? Antworten darauf gibt eine große Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) zur Ernährung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Auffällig sind der hohe Anteil an Vegetariern, eine offenkundige Abneigung gegen das Essen in der Schulkantine und der Schlankheitsdruck unter den Heranwachsenden.

Für die Studien EsKiMo I und II untersuchten Forscher zunächst 2006 das Ernährungsverhalten von Sechs- bis 17-Jährigen. 2015 bis 2017 fanden erneut Befragungen statt. Beteiligt waren 2644 Kinder und Jugendliche in insgesamt 167 Orten in Deutschland. Die fünf wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

1. Jugendliche stehen unter Schlankheitsdruck

Beim Thema Diäten analysierten die Forscher nur die Daten der Zwölf- bis 17-Jährigen. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen mit Normalgewicht schätzt sich demnach als zu dick ein. Und mehr als 40 Prozent der Untergewichtigen empfinden sich als genau richtig. Das deute auf einen hohen Schlankheitsdruck unter den Jugendlichen hin, schreibt das RKI.

Dafür spricht auch, dass fast jeder fünfte Jugendliche in den drei Jahren vor der Befragung mindestens eine Diät gemacht hat, bei übergewichtigen Jugendlichen liegt der Anteil bei 40 Prozent. Bezogen auf das Geschlecht gibt es hier große Unterschiede - Mädchen haben deutlich mehr Diäterfahrungen als Jungen.

Im Schnitt dauerte eine Diät 30 Tage. 4,3 Prozent der Jugendlichen, also fast jeder Zwanzigste, gaben allerdings an, sich ständig bei ihrer Ernährung einzuschränken.

Mareen Fischinger/ Westend 61/ Getty Images

2. Fleischlos liegt im Trend - bei Älteren

Unter den befragten Kindern bis elf Jahren waren kaum Vegetarier, nur 1,4 Prozent essen demnach kein Fleisch. Anders sieht es bei den Älteren aus: Fünf Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen erklärten, sich vegetarisch zu ernähren. Besonders auffällig ist der große Frauenanteil - 8,1 Prozent der Mädchen in dieser Altersgruppe verzichteten auf Fleisch. Diese Zahlen liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Insgesamt ernähren sich rund 4,3 Prozent der Deutschen laut einer Studie aus dem Jahr 2011 vegetarisch, unter den 18- bis 29-Jährigen ist der Anteil am größten. In dieser Altersgruppe verzichtet fast jede zehnte Frau auf Fleisch. Eine ausgewogene vegetarische Ernährung ist laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung auch für Kinder geeignet.

3. Mittagessen in der Schule schmeckt nicht

Heute haben der Studie zufolge doppelt so viele Kinder und Jugendliche Zugang zu einem warmen Mittagessen in der Schule wie noch vor 15 Jahren. Fast alle (87 Prozent) könnten in der Schule essen - in der Realität tun das aber nur 37,4 Prozent der Schüler.

Jüngere Kinder zwischen sechs und elf nutzen das Angebot häufiger, mehr als die Hälfte von ihnen isst mittags in der Schule, wenn es die Möglichkeit gibt. Von den älteren Schülern tut das nur ein Drittel.

Als Gründe nannten die Schüler unter anderem, dass sie zu Hause warmes Essen bekommen oder dass der Unterricht nur vormittags stattfindet. Mehr als 30 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen erklärten allerdings auch, nicht in der Schule zu essen, weil es ihnen dort nicht schmecke.

In den neuen Bundesländern ist das Angebot an warmen Mittagessen an Schulen deutlich weiter verbreitet als in den alten - rund 96 Prozent der Schulen bieten Essen an. Im Westen Deutschlands wurden seit der letzten Erhebung 2006 viele neue Angebote geschaffen.

4. Nahrungsergänzungsmittel werden oft ohne Mangel genommen

Jeder sechste der zwischen 2015 und 2017 befragten Heranwachsenden hatte in den vergangenen vier Wochen Nahrungsergänzungsmittel geschluckt.

Jugendliche, die viel Sport machen und normalgewichtig sind, greifen demnach öfter zu Nahrungsergänzungsmitteln als andere. Auch unter Vegetariern war der Anteil auffallend hoch, in dieser Gruppe nahmen fast 30 Prozent Pulver und Kapseln. Der Großteil gab an, mit den Mineralstoffen oder Vitaminen seine Gesundheit verbessern zu wollen. Ein Fünftel sagte, sie würden die Mittel auf Anraten ihres Arztes nehmen.

Tatsächlich können die meisten Deutschen ihren Körper durch eine ausgewogene Ernährung ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgen. Allerdings haben den Studienergebnissen zufolge einige Jugendliche einen Mangel an Jod und Vitamin D, viele Mädchen leiden an Eisenmangel. Vor allem bei einer veganen Ernährung müssen Kinder außerdem Vitamin-B-12 zuführen.

45 Prozent derjenigen, die Nahrungsergänzungsmittel nehmen, schlucken allerdings Magnesium. Manche erhoffen sich dadurch, Muskelkrämpfen vorzubeugen. Diese Wirkung ist allerdings bis heute nicht stichhaltig belegt. Überdosierungen hingegen können zu Durchfall und Erbrechen führen. Auch Vitamin-C-Präparate gelten bei einer ausgewogenen Ernährung als überflüssig, wurden aber ebenfalls extrem häufig geschluckt.

5. Gemeinsame Mahlzeiten helfen der Gesundheit

Essen Familien gemeinsam zu Hause, ernähren sich die Kinder gesünder. Es kommt mehr Obst und Gemüse auf den Teller, meist haben die Kinder einen geringeren BMI und entwickeln seltener Essstörungen.

MoMo Productions/ Digital Vision/ Getty Images

In Deutschland essen den Studienergebnissen zufolge fast alle Familien - 99,3 Prozent - mindestens einmal am Tag gemeinsam zu Hause. Meist kommen beim Abendessen alle Mitglieder des Haushalts zusammen. Übergewichtige Kinder essen seltener gemeinsam mit ihren Eltern als normalgewichtige Kinder oder Jugendliche.

Zusammengefasst: In Deutschland versuchen schon viele Jugendliche, ihre Ernährung zu optimieren. Fast jeder Zwanzigste macht dauerhaft Diät. Viele Kinder und Jugendliche nehmen außerdem Nahrungsergänzungsmittel, obwohl diese in den meisten Fällen überflüssig sind. Außerdem verzichten viele Jugendliche auf Fleisch - vor allem Mädchen. Die Ergebnisse sollen laut RKI genutzt werden, um den Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besser abschätzen zu können.

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
remedias.cortes 25.07.2019
1. Das ist doch mal ein anderes Ergebnis,
als die Vorurteile über die "Pizza-Pasta- Hamburger"- Generation erwarten lassen.
nativebiker 25.07.2019
2. Es....
....könnte so einfach sein gutes und schmackhaftes in die Schulen zu bringen. Das Ergebnis ist für Köchinnen und Köche in Schulküchen beschämend. Liebe Verantwortliche in den Amtsstuben, u n t e r n e h m t e n d l i c h e t w a s!
Wastl0r 25.07.2019
3. Informativer Artikel
Danke für diesen informativen Artikel! Gerade die Zahlen zu den Diäten und der Jugendlichen, die regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen finde ich alarmierenden. Hier ist Aufklärung über die gesundheitlichen Folgen bzw. die gesunden alternativen zu leisten. Optimaler Weise im Schulunterricht. Ganz besonders gefällt mir an dem Artikel allerdings die Bildauswahl! Junge deutsche Männer mit ihren Söhnen, die zusammen das vegetarische Gericht zaubern, bis Mama von der Arbeit kommt. Ganz großartig!
moev 26.07.2019
4.
Zitat von Wastl0rDanke für diesen informativen Artikel! Gerade die Zahlen zu den Diäten und der Jugendlichen, die regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen finde ich alarmierenden. Hier ist Aufklärung über die gesundheitlichen Folgen bzw. die gesunden alternativen zu leisten. Optimaler Weise im Schulunterricht. Ganz besonders gefällt mir an dem Artikel allerdings die Bildauswahl! Junge deutsche Männer mit ihren Söhnen, die zusammen das vegetarische Gericht zaubern, bis Mama von der Arbeit kommt. Ganz großartig!
Die Frage ist was genau dann unter Diät und Nahrungsergänzungsmittel gemeint ist. Zwischen der Meinung sein man mache grade eine Diät und tatsächlicher Nahrungsaufnahme liegen nur allzu oft dann doch Welten. Und auch viele Nahrungsergänzungsmittel sind schlicht wirkungsloses Wohlfühlplacebo, da schadet die Einnahme nur dem Geldbeutel.
gerritinho 26.07.2019
5. Schulessen
leider geben sich nur wenige Schulen wirklich Mühe mit dem Essensangebot. Was allerdings auch daran liegen kann, dass ein warmes Mittagessen für Kinder "nur" 2,70€ wert sein darf. Tritzdem könnte man mehr aus dem Budget machen Bei meinem Sohn an der Schule mit 900 Kindern kommt morgens ein Lieferant mit Essen im Wärmewagen, was dann bis mittags ungeniessbar wird. Und die Auswahl ist auch weder besonders gesund noch lecker
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.