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03. Januar 2018, 18:54 Uhr

Ernährungsreport Deutschland 2018

Die Maulhelden

Fast alle Deutschen wollen sich gesund ernähren, und ihnen liegt das Tierwohl sehr am Herzen. Das behaupten die Menschen in einer aktuellen Befragung. Zweifel sind angebracht.

Verbraucher in Deutschland achten bei ihrer Ernährung besonders auf das Wohl der Tiere, kochen regelmäßig zu Hause und essen viel Gemüse. Das sind drei Ergebnisse des am Mittwoch von der Bundesregierung präsentierten Ernährungsreports. Demnach nannten 66 Prozent der Teilnehmer bei der Frage nach ihren persönlichen Erwartungen an die Landwirtschaft das Tierwohl auf Platz eins.

Für die Untersuchung befragte Forsa 1017 Bundesbürger ab 14 Jahren - und bereits darin liegt die große Schwäche der Untersuchung. Gerade beim Thema Ernährung neigen Menschen dazu, Antworten zu geben, die sozial erwünscht sind. So gaben auch 92 Prozent an, Wert auf gesundes Essen zu legen.

Dass das Wohl der Tiere beim Einkauf oft egal ist und die Pizza manchmal einfach verlockender als der Salat, geben wenige gern zu. Und so passen manche Antworten nicht zum Kaufverhalten der Menschen in Deutschland oder zu anderen Befragungen.

Drei Beispiele:

1. Fleischkonsum

Neun von zehn Bundesbürgern geben an, für Lebensmittel aus artgerechter Haltung auf jeden Fall oder eher mehr zahlen zu wollen. Geht es dann um einen konkreten Preis, ist die Bereitschaft, tief in die Tasche zu greifen, aber doch eher gering: Wenn ein Kilo Fleisch aus herkömmlicher Haltung zehn Euro kosten würde, wie viel würden sie dann für diese Menge mit besserem Tierwohl ausgeben? Bis zu 12 Euro für ein Kilo Fleisch würden nach eigenen Angaben 16 Prozent hinlegen, gut die Hälfte der Befragten würde bis zu 15 Euro zahlen. 29 Prozent würden noch mehr ausgeben.

Nun ist es schon heute möglich, eine großzügigere Tierhaltung zu fördern, indem man Biofleisch kauft. Das tun allerdings nur wenige Menschen. So liegt zum Beispiel der Bioanteil bei Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch in Deutschland deutlich unter fünf Prozent des Gesamtmarktes, berichtet der Bund für ökologische Landwirtschaft. Am häufigsten greifen Verbraucher zu Bioeiern, laut dem Verband ist inzwischen rund jedes 10. in Hühnerei in Deutschland eines aus Biobetrieben. Fast zwei Drittel der Eier stammten 2016 dagegen aus Bodenhaltung - ob die Verbraucher hier wohl alle das Tierwohl im Blick hatten?

2. Zu Hause kochen

43 Prozent der Bundesbürger gaben an, dass sie so gut wie täglich zu Hause kochen. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Weitere 38 Prozent kochen zwei- bis dreimal in der Woche selbst.

"Deutschland ist ein Volk von Köchen", sagte Ernährungs- und Agrarminister Christian Schmidt (CSU). Lediglich 14 Prozent der Männer und 3 Prozent der Frauen gaben zu, gar nicht zu kochen.

Eine internationale Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vom März 2015 kam in der Tendenz zu einem anderen Ergebnis. 30.000 Deutsche wurden damals befragt. Demnach kochen nur 34 Prozent der Verbraucher regelmäßig - 42 Prozent dagegen so gut wie nie. Eins zu eins vergleichen lassen sich die Zahlen selbstverständlich nicht. Die Unterschiede zeigen aber, wie schwierig es ist, hier verlässliche Informationen zu erhalten.

Immerhin gaben in der aktuellen Untersuchung rund ein Fünftel der Befragten zu, täglich oder mehrmals täglich zu Süßigkeiten zu greifen. Unter den 92 Prozent, die laut der Umfrage Wert auf gesundes Essen legen, finden sich also auch ein paar Naschkatzen.

3. Gern kochen

Fraglich ist auch, ob die Befragten mit ihrer Leidenschaft zum Kochen ehrlich sind. Laut Umfragen kochen von den 14- bis 18-Jährigen 83 Prozent gern, die Werte nehmen mit dem Alter leicht ab - bei den Über-60-Jährigen sind es 66 Prozent.

Die GfK-Umfrage lässt dagegen an der großen Kochleidenschaft zweifeln: Dort stimmten nur 26 Prozent der Befragten aus Deutschland zu, dass sie sich den Themen Lebensmittel und Kochen mit viel Leidenschaft widmen.

Auch die Absätze bei Fertiggerichten sprechen nicht für das "Volk von Köchen": 2005 konsumierten die Deutschen noch rund 570.000 Tonnen Fertiggerichte, 2014 waren es 964.000 Tonnen.

Forderung für Ernährung als Schulfach

Dass die Deutschen das Thema Ernährung trotz aller Diskrepanzen zwischen Theorie und tatsächlichem Verhalten als wichtig empfinden, zeigt ein weiteres Ergebnis: 91 Prozent der Bundesbürger stellten den Ernährungsunterricht in der Schule auf eine Stufe mit Fächern wie Mathematik, Deutsch und Englisch.

Schmidt sprach sich daraufhin für eine Stärkung des Themas im Unterricht aus. "Ich möchte ein Schulfach Ernährung." Dabei sind es oft gerade von der Politik geschaffene Hürden, die das verhindern. Ernährungswissenschaftler Hans Hauner sieht ein Fach Ernährung mit Praxisanteil in Deutschland nicht kommen. "Der Aufbau von Schulküchen wäre kostenintensiv. Hinzu kommen unsere zahlreichen und mitunter unsinnigen Vorschriften als weitere Hürde", sagte er in einem Interview.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte das von Landwirtschaftsminister Schmidt angekündigte Tierwohl-Label, das auf Freiwilligkeit beruhen sollte - und bislang auch nicht umgesetzt wurde. Die Verbraucherschützer halten gesetzliche Vorgaben für alle Produzenten für sinnvoller. Ähnlich sehen das Tierschutzorganisationen wie der Bund für Umwelt und NaturschutzDeutschland (BUND): Die Vorgaben, die Produzenten für das Tierwohl-Label einhalten müssten, seien zu lasch. Schmidt sagte, er bedauerte, dass die Zeit vor der Bundestagswahl nicht mehr gereicht habe, das Label einzuführen.

Anmerkung der Redaktion: Die Aussage von Foodwatch wurde im Text präzisiert.

wbr/jme/dpa/AFP

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