Essensgelage an den Feiertagen "Endlich die Zügel fallen lassen"

Zu Weihnachten überfressen wir uns regelrecht. Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott erklärt, woran das liegt - und warum Schlemmen gar nicht so schlimm ist.
Zur Person
Foto: picture alliance / dpa

Thomas Ellrott (Jahrgang 1966) leitet das Institut für Ernährungs­psychologie an der Universität Göttingen. Der promovierte Mediziner steht auch der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Niedersachsen vor.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ellrott, nichts gegen leckeres Essen, aber zu Weihnachten verzehrt man bei einer Mahlzeit mitunter so viel, dass man sich danach kaum noch bewegen kann. Warum eskaliert das zu Weihnachten immer?

Ellrott: Weihnachten ist in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Situation. Normalerweise gibt es beim Essen eine Art "soziale Kontrolle": Beim Geschäftsessen oder während der Mittagspause im Büro zügelt man sich dadurch immer ein bisschen, man hält sich zurück. Gerade im beruflichen und öffentlichen Umfeld ist diese soziale Kontrolle besonders groß. Weihnachten aber wird meist mit den eigenen Eltern zusammen gefeiert. Und da fällt die soziale Kontrolle praktisch ganz weg.

SPIEGEL ONLINE: Aber man isst ja das ganze Jahr ständig zu Hause mit dem Partner oder den Kindern.

Ellrott: Die kennt man zwar auch schon lange, aber man hält sich hier oft trotzdem noch zurück, unter anderem deshalb, weil man für die eigenen Kinder ein gutes Vorbild sein möchte. Zu Weihnachten sind aber viele bei den eigenen Eltern oder haben diese zu Gast. Also bei den Menschen, die einen schon seit der Geburt kennen - mit allen Macken und Kanten. Verstellen ist hier zwecklos. Wir genießen es auch, uns endlich mal nicht am Riemen reißen zu müssen. Endlich können wir die Zügel fallen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Man lässt sich komplett gehen.

Ellrott: Richtig. Hinzu kommt, dass man denen, die zu Weihnachten oft mit großer Herzenswärme für uns kochen, sowohl bewusst als auch unbewusst Wertschätzung entgegenbringen möchte. Und diese Wertschätzung drückt sich nun einmal darin aus, dass man nicht dankend ablehnt, sondern mit großer Freude und vielen Komplimenten für Köchin oder Koch das gemeinsame Festessen genießt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ziemlich ungesund.

Ellrott: Natürlich wird hier oft mehr gegessen als nötig. Aber ich würde niemandem empfehlen, ausgerechnet hier plötzlich Diät machen zu wollen. Die gut 350 Tage zwischen Neujahr und Weihnachten sind viel wichtiger für Waage und Gesundheit als die eine Woche zwischen Weihnachten und Neujahr. Es ist völlig in Ordnung, wenn man in dieser kurzen Zeit über die Stränge schlägt.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie jemandem empfehlen, der in dieser Zeit trotzdem nicht zunehmen möchte?

Ellrott: Wie wäre es mit einem Weihnachtsspaziergang zum Ausgleich? Wer eine Stunde durch die Kälte oder Nässe läuft, bringt den Kreislauf in Schwung. Man kann auch einzelne, unbedeutendere Mahlzeiten auslassen. Wer an den Feiertagen ausschläft, kann das Frühstück überspringen. Auch ein Obstsalat oder ein Suppe sind am Morgen oder am Mittag zu empfehlen, wenn diese Mahlzeiten in der Familie keine große Rolle spielen. Eine Suppe ist eine leichte Mahlzeit, sie liefert Volumen, aber eher wenige Kalorien. Ebenso der Obstsalat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt das kulturelle Umfeld?

Ellrott: Eine große Rolle. Den Brauch, an Festtagen viel zu Essen, gibt es in praktisch jeder Kultur und Religion. Für Christen ist Weihnachten das wichtigste Fest des Jahres. Die Familie kommt zusammen und man feiert im engen Kreis Christi Geburt. Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit werden beim weihnachtlichen Festessen zelebriert. Es ist eine Art soziales Lagerfeuer, das menschliche Nähe und Wärme spendet.

Mehr zum Thema

SPIEGEL ONLINE: Macht die Kälte im Winter besonders hungrig?

Ellrott: Eigentlich ist es Zufall, dass Weihnachten hierzulande im Winter liegt. Die Christen auf der Südhalbkugel feiern es zum Beispiel im Sommer. Für uns gehören Kälte, Schnee und Weihnachten aber zusammen. Und wenn es draußen kalt ist, braucht man grundsätzlich mehr Kalorien. Deftiges Essen, Kerzen, das kuschelige Zusammenkommen auf den Weihnachtsmärkten, der Duft von Keksen und Zimt aus dem eigenen Ofen, der knisternde Kamin zu Hause - all das schützt uns aus psychologischer Perspektive vor der Unwirtlichkeit des Winters. Wir Menschen haben ein universelles Belohnungssystem, das hat die Evolution so eingerichtet. Es ist so programmiert, dass es alles mit einem guten Gefühl verstärkt, was zum Überleben wichtig ist: Geborgenheit, Vertrautheit, Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Und Essen!

Ellrott: Genau, und weil beim Essen über Zehntausende Jahre Kalorien knapp waren, lieben wir nun einmal Nahrungsmittel mit vielen Kalorien. Dass ich lieber eine Haxe oder Nüsse esse als Salatblätter ohne Dressing, ist so gesehen ein riesiger Überlebensvorteil in Zeiten des Mangels. Heute aber, wo Kalorien ständig und im Übermaß verfügbar sind, wird diese Programmierung zum Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir dagegen tun?

Ellrott: Man kann ohne Zweifel lernen, dass ein frischer, knackiger Salat auch etwas ganz Tolles und Leckeres sein kann. Nur Weihnachten ist dafür bestimmt kein idealer Zeitpunkt.