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Training fürs Bindegewebe Voll von der Rolle

Sie umhüllen die Muskeln, sie sind das neueste Ziel ambitionierter Sportler: Faszien. Michaela Rose hat das Bindegewebstraining ausprobiert, sich über eine harte Rolle gewälzt - und entdeckt, dass es mehr gibt als nur einen Muskelkater.

Irgendwo müssen sie doch sein! Auf einer harten Schaumstoffrolle sitzend spüre ich in mich hinein. Oder besser gesagt: in meinen Gluteus maximus, meinen Gesäßmuskel. Ich folge den Instruktionen des Berliner Personal Trainers Christian Blisse, rolle mal langsam, mal schneller auf meinem Po vor und zurück. Jedesmal, wenn sich meine beiden Sitzbeinhöcker über die Rolle schieben, ruckelt es leicht. Ansonsten ergibt meine anatomische Innenschau keine nennenswerten Besonderheiten.

Per "Fascial Release"-Massage bin ich auf der Suche nach meinen Faszien. Dieser Teil des Bindegewebes läuft den Muskeln gerade fast den Rang ab und revolutioniert das Training. Als Netz durchziehen Faszien den ganzen Körper, sorgen für Spannkraft von Kopf bis Fuß, sortieren das Innenleben und verhindern Reibereien unter den Muskeln. Und obwohl sie auch als Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung fungieren, kann ich sie nicht spüren.

Totale Fehlanzeige!

Ich rolle trotzdem weiter. Oberschenkel-Rückseite. Waden. Rücken. Stopp. Das tut ja plötzlich weh! "Du sitzt viel am Schreibtisch, oder?", fragt Coach Christian. "Dabei verkleben und verfilzen die Faszienfasern im Rücken gerne." Endlich habe ich sie entdeckt, dank Massagerolle schmerzhaft Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Meine Faszien! Dabei hat das Schaumstoffding nur einen Anfänger-Härtegrad - Profis rollen beinhart auf der sogenannten Blackroll.

Selbstmassage lässt Schmerzen schwinden

Fasziniert rutsche ich im Zeitlupentempo immer wieder über die empfindlichen Rückenpartien, pausiere auf den schlimmsten Punkten oder massiere sie mit Mini-Bewegungen. Der Effekt: Die Schmerzen lassen ein wenig nach, sogar mein Nacken fühlt sich hinterher freier an. Regelmäßig nach dem Training praktiziert, sollen die Schmerzen bei der Selbstmassage sogar ganz verschwinden.

Verlockend! Nur heißt es dafür: Zähne zusammenbeißen. Für mich kommt die Härteprüfung zum Schluss. Seitlich auf der Rolle liegend soll ich meine Oberschenkel-Außenseite zwischen Hüfte und Knie massieren. Der Schmerzfaktor steigt sprunghaft in den roten Bereich - Wellness ist das nicht unbedingt. Aber wohl normal: Die meisten Menschen haben ihre gefühlte Achillesferse an dieser Stelle. Knieprobleme inbegriffen. Die will ich nicht haben, also rolle ich tapfer weiter.

Einen Tag später fühle ich mich ein bisschen gerädert - als ob ich ein wenig zu hart trainiert hätte. Und ich spüre ganz deutlich: Das ist ein Faszien-Kater!

FASZIENTRAINING - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Was weiß die Forschung über Faszien?Wie sollte ein Faszien-Training aussehen?Was kann eine Faszien-Massage leisten?

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Foto: bewahrediezeit.de

Michaela Rose probiert gerne alles aus, was sie in Bewegung bringt. Deshalb schreibt die freie Journalistin und Diplomsportlehrerin vor allem über "bewegende" Themen.Hompage von Michaela Rose