Fettleibigkeit Auch die Schlanken werden dicker

Weltweit werden die Menschen dicker, das hängt einer Studie zufolge neben der genetischen Veranlagung auch mit Umwelteinflüssen zusammen. Denn auch Schlanke sind heute dicker als vor 40 Jahren.

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Egal ob genetisch für Übergewicht vorbelastet oder nicht - die Menschen in Industrieländern legen im Schnitt seit etwa drei Jahrzehnten deutlich an Gewicht zu. Das geht aus einer großen norwegischen Studie hervor, die im "British Medical Journal" veröffentlicht wurde. Die Menschen mit einer genetischen Veranlagung für Übergewicht waren von der Zunahme allerdings im Durchschnitt am stärksten betroffen.

Das Team um Maria Brandkvist von der Norwegischen Universität für Naturwissenschaft und Technik in Trondheim analysierte Daten von knapp 120.000 Norwegern im Alter von 13 bis 80 Jahren. Erfasst wurden Größe und Gewicht unterschiedlicher Studienteilnehmer von 1963 bis 2008. Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass es etwa seit den Achtzigerjahren ein Umfeld gibt, das Übergewicht begünstigt.

Deutlicher Anstieg in den Achtzigern und Neunzigern

Der Body-Mass-Index (BMI) im Normalbereich reicht von 18,5 bis unter 25. Er berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat. Übergewicht beginnt bei einem BMI von 25, Fettleibigkeit bei 30.

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Der Studie zufolge stieg der BMI der Norweger seit 1963 schrittweise erheblich an. Eine besonders deutliche Zunahme gab es seit Mitte der Achtzigerjahre. Davor lag der BMI im Schnitt noch unter 25. Dann erreichte er im Laufe der Jahre Durchschnittswerte im Bereich des Übergewichts. Diese Entwicklung deckt sich auch mit Schätzungen der WHO, nach denen 2008 64 Prozent der Norweger und 51 Prozent der Norwegerinnen übergewichtig waren.

Unterschiede in der Gewichtszunahme

Die Forscher teilten die Menschen in fünf Gruppen ein - von der größten genetischen Veranlagung für Übergewicht bis hin zur niedrigsten. Ein Ergebnis: 35-jährige Männer in den Sechzigerjahren mit dem größten Hang für Übergewicht hatten im Schnitt einen um 1,20 höheren BMI als die Männer mit dem niedrigsten. In den Nullerjahren betrug der Unterschied im Schnitt 2,09.

Männer mit einer Veranlagung für Übergewicht haben in den 40 Jahren also im Schnitt deutlich stärker zugenommen als die ohne solche Genvarianten. Bei 35-jährigen Frauen stieg der BMI-Unterschied zwischen genetisch vorbelasteten und unbelasteten Menschen im Schnitt von 1,77 auf 2,58.

Die deutlichen Unterschiede in der Gewichtszunahme zwischen Menschen mit und ohne Hang zu Übergewicht führen die Forscher auf ein Zusammenspiel der Umwelt und der Gene zurück.

Globale Fettleibigkeitsepidemie

Übergewicht ist ein weltweites Problem. Die Rate der Fettleibigkeit hat sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation von 1975 bis 2016 global fast verdreifacht. 2016 waren demnach fast 40 Prozent der Erwachsenen übergewichtig und 13 Prozent fettleibig.

"Unsere Studie kann keine Antwort über die Ursachen der Fettleibigkeitsepidemie geben", sagt Studienleiterin Brandkvist. Nützlich sei ein Blick zurück, wie das Leben in den Sechzigerjahren gewesen sei, "als es noch nicht so leicht oder sogar unmöglich war, sich für einen solchen ungesunden Lebensstil zu entscheiden", schlägt sie vor. "Was und wie viel haben wir damals gegessen, wie schliefen wir und wie viel haben wir uns bewegt?"

Zu viel Essen, zu wenig Bewegung

Ihrer Hypothese zufolge ist die Fettleibigkeitsepidemie mit zu viel Essen und zu wenig Bewegung verbunden - beides sei auch gesellschaftlich bedingt. Zudem könnten auch Gifte und Mikroorganismen dazu beigetragen haben. In einem Editorial des "British Medical Journal" schlagen US-Wissenschaftler vor, mehr auf einzelne Menschengruppen zu schauen und die individuellen Ursachen des Übergewichts besser zu erforschen anstatt nur bevölkerungsweite Strategien zu verfolgen.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt neben einer gesunden Ernährung für Erwachsene 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche. Bei Kindern sollte es eine Stunde pro Tag sein. Arbeitgeber sollten gesundes Essen und die Möglichkeit zum Sport anbieten.

hle/dpa

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
t_mcmillan 12.07.2019
1. Schlaf und Stress
Schlaf dürfte ein unterschätzter Faktor sein. Außerdem spielt wahrscheinlich der höhere Stress eine Rolle.
kaybehrendt 12.07.2019
2. BMI und die Sinnhaftigkeit
Der BMI berücksichtigt überhaupt nicht die Konstitution des Menschen. Danach war Arnold Schwarzenegger zu besten Zeiten "fettleibig". Bauchumfang ist gerade bei athletischeren Menschen relevanter als Gewicht. Etwas zu kurz gegriffen!
siebke 12.07.2019
3. Bewegung und nochmals Bewegung !!
das ist für mich eines der Hauptursachen, der Mensch ist beguem geworden. Sowie das überall Angebot von Essen ! Fertignahrung, abends muss es schnell gehen, damit man sich wieder bequem vor dem Fernseher, Computer sich "ausstoben"kann. Und bitte nicht mit den Aussagen, wir haben keine Zeit. Wir haben mehr Freizeit als die Menschen früher, alleine die Hilfen für den Haushalt geben uns mehr freie Zeit. Es kommt immer darauf an, für WAS nehmen wir SIE ?
noalk 12.07.2019
4. Neue Formel
Zitat von kaybehrendtDer BMI berücksichtigt überhaupt nicht die Konstitution des Menschen. Danach war Arnold Schwarzenegger zu besten Zeiten "fettleibig". Bauchumfang ist gerade bei athletischeren Menschen relevanter als Gewicht. Etwas zu kurz gegriffen!
Masse x Bauchumfang / Körpergröße
Celegorm 12.07.2019
5.
Zitat von kaybehrendtDer BMI berücksichtigt überhaupt nicht die Konstitution des Menschen. Danach war Arnold Schwarzenegger zu besten Zeiten "fettleibig". Bauchumfang ist gerade bei athletischeren Menschen relevanter als Gewicht. Etwas zu kurz gegriffen!
Der Einwand ist grundsätzlich durchaus richtig, allerdings auch keine neue Erkenntnis. Dass der BMI ein eher kruder Index ist, wird auch den Forschern bewusst sein. Der Vorteil ist halt, dass es lange Zeitreihen dazu gibt, zu komplexeren Messungen wie Bauchumfang oder Körperfettanteil hingegen nicht. Einfach gesagt: lieber mit suboptimalen Daten arbeiten als mit gar keinen. Die Forschungsrealität ist da leider kein Wunschkonzert. Im übrigen ist der Einwand auch nur von sehr begrenzter Relevanz. Oder wie viele Schwarzeneggers kennen Sie denn so? Wie gross ist deren Anteil an der Bevölkerung? Ich denke mal eher im Promillebereich. Dass sich die starke Zunahme des BMI in relevanter Weise durch eine stärkere Verbreitung von Kraftsport erklären liesse, ist darum eine ziemlich abwegige These, insbesondere wenn man die älteren Altersklassen betrachtet.
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