Speis und Zank Hungerattacken dank Fingerfood-Buffet

Früher war das Essen im Stehen ein Gebot der Eile, und man nannte es Imbiss. Heute heißt es Fingerfood, und es gilt als schick. Wenn nur die mit ihm verbundenen Schicksalsschläge nicht wären!
Von Jan Spielhagen
Lachsspieße: Beim Flying Buffet gerät das Häppchenessen schnell zu einer logistischen Herausforderung

Lachsspieße: Beim Flying Buffet gerät das Häppchenessen schnell zu einer logistischen Herausforderung

Foto: DDP

Die beiden müssen Profis sein. Sie dippt mit der rechten Hand den Satay-Spieß in die Erdnusssoße, die er in einer kleinen Porzellanschlüssel in seiner Linken hält. In ihrer Linken fächert sich der Nachschub, weitere fünf Hähnchenspieße, die im spitzen Winkel vom Körper wegzeigen, so dass die Fetttropfen auf dem Boden und nicht auf ihrem roten Kleid landen. Seine rechte Hand hält den Wein, zwei Gläser auf einmal, den Daumen fest und quer über die beiden Füße am Stielende gestreckt. Aus der Reverstasche seines eng geschnitten Anzuges lugen zwei Messer und zwei Gabeln heraus, Werkzeugseite nach oben.

Der Erdnusssoßen-Spieß gelangt abwechselnd an ihren und seinen Mund, Gelegenheit zum Abbeißen. Immer wenn ein Spieß geschafft ist, fällt das Hölzchen unauffällig zu Boden, wird dort mit dem Fuß zu den anderen Holzleichen geschoben und verschwindet schließlich unter ihren Pumps, deren Rot perfekt das Kleid widerspiegelt. Ihre rechte Hand - nun leer - ergreift eines der beiden Weingläser, die beiden können sich zuprosten und nehmen einen Schluck. Dann schiebt sie ihm das Weinglas zurück in seine Hand, und der nächste Spieß ist an der Reihe.

Beim Spießeessen ist Teamwork gefragt

Ich bin tief beeindruckt. Von der Logistik, dem Teamwork, der Reibungslosigkeit der Vorgänge, und vor allem vom Umstand, dass die beiden heute Abend offensichtlich satt nach Hause gehen werden. Fingerfood - oder alternativ Flying Buffet - heißt die neue, hippe Bewirtungsform, bei der man das Stehenmüssen und Hungerhaben mit dem Häppchenessen und Bedientwerden aufs Unglücklichste verbunden hat. Herausgekommen ist eine Ernährungsweise, bei der man besser mit sechs als mit vier Extremitäten ausgestattet wäre, und bei der man nach jedem schwer erarbeitetem Happen befürchten muss, dass er der letzte gewesen sein könnte.

Zurück zu unserem Pärchen. Mit der Grundlage einiger Satay-Spieße im Magen und dem daraus resultierenden Kräftevorsprung gegenüber den anderen Gästen schneidet der Mann im engen Anzug einer studentischen Hilfskraft mit großem Tablett den Weg ab. Auf die linke Hand platziert er vier kleine Tellerchen, zweimal Wiener Mini-Schnitzel auf lauwarmen Kartoffelgurkensalat, zweimal Räucherlachs in der Eierkuchenrolle. Mit rechts erhascht er noch je zwei Maki-Rollen mit Avocado, das rote Kleid steht schützend und beseelt hinter ihm. Sie zieht eine Garnitur Messer und Gabel aus seinem Revers und beginnt mit der gerechten Verteilung des Erjagten, wobei die Maki-Rollen als erstes wie Pfefferminzbonbons in den Mündern der Fingerfood-Profis verschwinden.

Lautes Magenknurren

Ich schaue mit großen Kinderaugen zu, hin- und hergerissen zwischen Mundraubphantasien und Autogrammwünschen, und erst ein lautes Knurren aus meinem Magen und das einsetzende Ohnmachtsgefühl reißen mich aus den Gedanken. Erst jetzt wird mir klar, dass ich nach dem asiatischen Einstieg nun auch den Fischgang und die Hausmannskostrunde verpasst habe. Aber noch bleibt mir ja das Dessert.

Das Pärchen hat den Standort gewechselt. Rechts und links neben der Automatiktür zur Küche haben sie sich postiert, fertig zum Zugriff. Von der Lichtschranke im Inneren ausgelöst öffnet sich die Tür. Weiß berockte Menschen mit großen Platten drängen in die Gesellschaft. Der enge Anzug, auf dem Kopf eine Dreiviertel gefüllte Flasche neuseeländischen Chardonnay balancierend, springt einem Lockenkopf in den Weg, entreißt ihm die Platte mit den kleinen Schnapsgläsern gefüllt mit roter Grütze und klickt sie in seinen Patronengürtel. Dann schnappt er sich ein rundes Tablett mit sechs doppelten Espressi und Cantuccini von der Bar und lässt einen Zuckerstreuer in die Sakkotasche gleiten. Das rote Kleid, je zwei Wasser- und Weingläser unter die Achseln geklemmt, wischt mit einer ruckartigen Bewegung zwei Dutzend Crème-Brûleé-Schälchen in ihre Clutch. Dann rennen die beiden schreiend auf den Ausgang zu.

Das leise, vertrauenerweckende Murmeln der Krankenschwester lässt mich langsam wach werden. Ich liege in einem Krankenhausbett, die Fenster sind verdunkelt. Schwester Martha hat den rechten Ärmel meines Hemdes nach oben gekrempelt und die Krawatte gelockert. Über eine Kanüle bekomme ich den zweiten Beutel Zuckerlösung. "Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Spielhagen", flüstert Schwester Martha, "wir kriegen sie schon wieder hin."