Verseuchte Hühnereier Weiterer Giftstoff in Desinfektionslösung entdeckt

Es galt als Wundermittel gegen Geflügelparasiten - bis herauskam, dass das Reinigungsmittel Dega 16 mit dem Kontaktgift Fipronil gepanscht war. Und offenbar nicht nur damit.
Hühnerfarm in Belgien

Hühnerfarm in Belgien

Foto: JOHN THYS/ AFP

Die Desinfektionslösung Dega 16, die als Auslöser des Skandals um Millionen verseuchte Hühnereier gilt, enthielt offenbar nicht nur das Kontaktgift Fipronil, sondern auch einen weiteren gefährlichen Wirkstoff: das Pestizid Amitraz. Das geht aus einem vertraulichen Lagebericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervor, der dem SPIEGEL vorliegt.

Demnach stießen belgische Behörden bei der Untersuchung von sichergestellten Dega 16-Kanistern auf Amitraz-Spuren. Den brisanten Fund meldeten die Belgier bereits im Juli über das europäische Lebensmittel-Schnellwarnsystem an die übrigen EU-Staaten.

Amitraz ist ein Gift, das gegen Insekten und Milben eingesetzt wird, etwa bei Hunden. Als Pflanzenschutzmittel ist es seit 2008 EU-weit nicht mehr zugelassen, bei Menschen kann Amitraz zu Sprachstörungen, niedrigem Blutdruck und Desorientiertheit führen.

"Zu keinem Moment eine Gefährdung"

Ob und inwieweit das Gift in die Eier gelangte, wird derzeit offenbar noch geprüft. Nach Angaben des BVL führe die niederländische Verbraucherschutzbehörde NVWA entsprechende Untersuchungen durch, habe aber "bis jetzt nichts gefunden".

Die NVWA ließ eine Anfrage bis zum Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe unbeantwortet. Später schickte eine Sprecherin dann eine Antwort per E-Mail: Am letzten Wochenende seien "einige Eiproben", die ursprünglich auf Fipronil getestet wurden, auch auf Amitraz untersucht worden - mit negativem Ergebnis. Die stichprobenartige Überprüfung erfolgte demnach also erst mehrere Wochen nach der ersten Amitraz-Meldung aus Belgien. In Deutschland gab es offenbar noch keine größere Überprüfung auf Amitraz.

Die belgische Lebensmittelaufsicht FASNK bestätigte dem SPIEGEL Amitraz-Funde in zwei Dega 16-Proben. Für Konsumenten habe jedoch "zu keinem Moment eine Gefährdung" bestanden, sagte FASNK-Sprecher Jean-Sébastien Walhin.

Die belgische Justiz ermittelt derzeit gegen den mutmaßlichen Lieferanten von Dega 16, das offenbar nie von einer Behörde zugelassen wurde. In den Niederlanden sitzen zwei Chefs eines Stallreinigungsbetriebs in Untersuchungshaft, die Dega 16 als angebliches Wundermittel gegen Parasiten in vielen Hühnerställen versprüht haben.

Ähnlich wie Amitraz kommt Fipronil in der Veterinärmedizin zum Schutz von Hunden vor Flöhen und Zecken zum Einsatz, zudem wird es als Pflanzenschutzmittel angewendet. Es ist auch für Honigbienen in hohem Maße giftig. In höheren Dosen kann Fipronil bei Menschen Haut und Augen reizen sowie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen verursachen.

In den vergangenen Wochen waren Millionen von Eiern mit Fipronil-Spuren auch nach Deutschland gelangt, was zu einer großen Verunsicherung bei Verbrauchern führte. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) lag jedoch für Erwachsene keine Gefährdung vor. Wegen Analyseergebnissen in Belgien hatte das BfR allerdings vor einem potenziell akuten Gesundheitsrisiko für Kinder beim Verzehr der Eier gewarnt. Viele Supermärkte hatten die Eier deshalb aus dem Verkauf genommen.

mmh/mp/srö
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