Schrittzähler und Co. Wie fit machen Fitness-Armbänder?

Sie sollen jeden Schritt überwachen und für Treppe statt Aufzug motivieren: Viele erhoffen sich von Fitness-Armbändern, endlich ihren Schweinehund zu überwinden. Das funktioniert nicht bei jedem.

Frau mit Fitness-Armband
imago/ Westend61

Frau mit Fitness-Armband


Ob beim Anfeuern auf dem Fußballplatz oder beim Gang durch den Supermarkt, in den USA gehören Fitness-Armbänder mit ihren Schrittzählern mittlerweile zum Alltag. Auf Aussagen wie "gestern hab ich 12.000 geschafft" reagieren viele mit einem anerkennenden Nicken und gehobenen Daumen in den Sozialen Netzwerken. Wer es diskreter mag, kann auch zur Smartwatch greifen. Dort verbirgt sich auf dem Ziffernblatt, wo früher die Datumsanzeige war, ein Schrittzähler.

In die allgemeine Begeisterung über die neuen Gadgets, von denen 2015 alleine in den USA mehr als 13 Millionen verkauft wurden, mischt sich jedoch erster Frust. Nicht immer scheinen die Geräte die Fitness wie erhofft zu stärken und das Gewicht zu schmälern. Wie verlässlich und hilfreich sind die Daten, die erhoben werden? Spornen sie tatsächlich zu mehr Bewegung an?

Immerhin zeigte eine Studie zu Jahresbeginn, dass die Nutzer von Fitness-Armbändern nach sechs Wochen im Durchschnitt 970 Schritte mehr pro Tag gehen als zuvor ohne Armband. Doch offenbar gilt der Motivationsschub nicht für jede Zielgruppe.

Ich war so aktiv, darauf einen Cupcake

Einer jetzt im Fachjournal "Jama" veröffentlichten Studie zufolge nimmt man mit den Armbändern nicht zwingend ab. Für die Untersuchung machten fast 500 junge Übergewichtige eine Langzeitdiät und bekamen dazu Sportempfehlungen. Nach sechs Monaten erhielt die Hälfte von ihnen noch Fitness-Armbänder, die für einen zusätzlichen Bewegungsanreiz sorgen sollten.

Im Ergebnis speckte die Armband-Gruppe jedoch 3,5 Kilogramm weniger ab als die Vergleichsgruppe. "Unter jungen Erwachsenen mit einem Body-Mass-Index zwischen 25 und 40 bewirkte das Hinzufügen eines tragbaren technischen Hilfsmittels im Vergleich zu einer Standard-Intervention über 24 Monate einen geringeren Gewichtsverlust", resümieren die Forscher der Uni Pittsburgh.

Hauptautor John Jakicic hat dafür zwei mögliche Erklärungen: "Es könnte sein, dass die Leute denken: Ich war jetzt so aktiv, also kann ich auch einen Cupcake essen." Andererseits sei ein solches Armband auch nicht für jeden motivierend - wer an Trainingszielen häufig scheitere, werde eher frustriert.

In der Tat: Etwa die Hälfte der geschätzten 33 Millionen Amerikaner, die einen Fitness-Tracker besitzen, nutzen das Armband nicht mehr. Ein Drittel davon legt es schon innerhalb der ersten sechs Monate zur Seite.

Wie genau sind die Geräte?

Andere Untersuchungen kritisieren Ungenauigkeiten der Geräte beim Ermitteln der verbrauchten Kalorienzahl, des Blutdrucks oder beim Bestimmen der Pulsfrequenz. Wer ambitioniert trainiere, riskiere möglicherweise Herzprobleme, wenn sein Puls ständig deutlich über dem angezeigten Wert liege, monierten Ärzte. Gegen eine dieser Studien zog der größte US-Anbieter, Fitbits, in diesem Frühjahr vor Gericht.

Der Mediziner Timothy Plante von der Johns Hopkins University rät, sich nicht auf den angezeigten Kalorienverbrauch zu verlassen. "Den Energieverbrauch zu messen, ist eine große Herausforderung. Jeder, der diese Geräte benutzt, sollte die Ergebnisse mit Vorsicht genießen."

Eine ganz andere Schwachstelle deckten Forscher der TU Darmstadt und der Uni Toronto auf: Viele Programme haben große Lücken im Datenschutz. Nutzerdaten können relativ einfach gehackt und manipuliert werden.

Das dürfte in den USA, wo die Tracker-Angaben bereits vor Gericht als Beweismittel zum Einsatz kommen dürfen und auch Versicherungen erste Prämien danach berechnen, noch stärkere Auswirkungen haben als in Deutschland. Hier nutzt nach Angaben des Fachverbands Bitcom auch bereits fast jeder Dritte einen Fitness-Tracker oder eine App.

Von Andrea Barthélémy, dpa/irb

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.