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29. Juli 2019, 16:58 Uhr

Fitness

Die wahre Geschichte der 10.000-Schritte-Regel

Wer 10.000 Schritte am Tag macht, bleibt gesund, glauben viele. Doch hinter der magischen Fitnessgrenze steckt keineswegs medizinische Forschung, sondern ein Werbegag.

"Herzlichen Glückwunsch", blinkt auf dem Display, dazu eine Konfetti-Kanone: Mit solchen Anzeigen belohnen Fitnessarmbänder ihre Träger, wenn sie 10.000 Schritte pro Tag zurückgelegt haben. Was viele nicht wissen: Ursprung dieser Grenze ist keineswegs medizinische Forschung, sondern eine mehr als 50 Jahre alte Werbung.

1964 nutzte die Firma Yamasa den Hype um die Olympischen Spiele in Japan und brachte den ersten transportablen Schrittzähler auf den Markt, den "Manpo-kei", was übersetzt so viel heißt wie: der 10.000-Schritt-Zähler. Diese Anzahl der Schritte sei gesund und Ausdruck eines gesunden Lebensstils, argumentierte der Hersteller. Wissenschaftliche Studien brauchte er für die Einschätzung offenbar nicht.

Über die Jahre setzte sich die willkürlich gesetzte Grenze trotzdem durch, selbst bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Woher die Empfehlung ursprünglich kam, geriet in Vergessenheit. Studien aus den vergangenen Jahren zweifeln jedoch zunehmend an der vermeintlich magischen Fitnessmarke. Demnach könnten weniger Schritte pro Tag ausreichen, um einen vergleichbaren Effekt auf die Gesundheit zu erzielen.

7500 Schritte könnten auch reichen

Ende Mai erschien im Fachblatt "Jama Internal Medicine" eine Studie, die die tägliche Schrittzahl mit dem Sterberisiko verglich. 16.000 ältere Frauen aus den USA nahmen an der Untersuchung der Harvard Medical School teil. Das Durchschnittsalter lag bei 72 Jahren.

Das Ergebnis: Frauen, die pro Tag mindestens 4400 Schritte gemacht hatten, hatten nach vier Jahren ein geringeres Risiko zu sterben als weniger aktive Studienteilnehmerinnen, die nur 2700 Schritte zurückgelegt hatten. Der statistische Vorteil steigerte sich bis zu einer Grenze von 7500 Schritten pro Tag. Alles darüber hinaus machte keinen Unterschied bei der Lebenserwartung.

Demnach könnten Fitnessarmbänder auch schon bei 7500 Schritte pro Tag gratulieren. Allerdings birgt die Studie Unsicherheiten: Unklar ist beispielsweise, ob sich Frauen weniger bewegten, weil sie bereits krank waren. In der Studie hatten zwar alle Teilnehmerinnen angegeben, fit genug für einen Spaziergang zu sein, aber nicht, wie weit sie laufen können.

Auch andere Untersuchungen weisen darauf hin, dass zwischen 6000 und 8000 Schritte pro Tag reichen können, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zu senken. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 entsprechen 7500 Schritte pro Tag einer halben Stunde moderater Bewegung, die Erwachsene mindestens einhalten sollten. Andere Untersuchungen dagegen bewerten selbst die 10.000-Schritt-Regel als zu niedrig. Demnach wirken sich 15.000 bis 18.000 Schritte pro Tag langfristig besonders günstig auf die Gesundheit aus.

Noch streiten Forscher also darüber, welche Schrittzahl die beste ist. Sie ist allerdings ohnehin wenig aussagekräftig, weil die Anzahl der Schritte allein nichts über die Intensität der Bewegung aussagt. Eine halbe Stunde Joggen hat beispielsweise einen anderen Effekt als ein langer Spaziergang, auch wenn beide Aktivitäten dieselbe Schrittzahl ergeben.

Zudem ist die motivierende Wirkung von Schrittzählern umstritten. In einer Studie aus dem Jahr 2016 legten übergewichtige Probanden mit Fitnessarmbändern nach sechs Wochen etwa 970 Schritte pro Tag mehr zurück als Teilnehmer ohne. Doch längst nicht alle verloren durch den Fitnesstracker auch an Gewicht. Einige nahmen sogar deutlich weniger ab als Testpersonen in der Vergleichsgruppe.

Die Forscher präsentierten zwei mögliche Erklärungen: Die Teilnehmer bekamen den Eindruck, besonders aktiv gewesen zu sein und belohnten sich dafür mit Essen. Oder der Fitnesstracker wirkte demotivierend, weil Trainingsziele zu oft verfehlt wurden.

Zusammengefasst: Das weitverbreitete Fitnessziel, jeden Tag 10.000 Schritte zu machen, basiert nicht auf wissenschaftlichen Studien, sondern auf einer jahrzehntealten Werbung. Neuere Analysen weisen darauf hin, dass schon 6000 bis 8000 Schritte am Tag die Gesundheit ähnlich fördern.

koe

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