Fitness Die wahre Geschichte der 10.000-Schritte-Regel

Wer 10.000 Schritte am Tag macht, bleibt gesund, glauben viele. Doch hinter der magischen Fitnessgrenze steckt keineswegs medizinische Forschung, sondern ein Werbegag.

Die 10.000-Schritte-Regel sollte nicht zu streng genommen werden
FERRAN TRAITE/ Getty Images

Die 10.000-Schritte-Regel sollte nicht zu streng genommen werden


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Herzlichen Glückwunsch", blinkt auf dem Display, dazu eine Konfetti-Kanone: Mit solchen Anzeigen belohnen Fitnessarmbänder ihre Träger, wenn sie 10.000 Schritte pro Tag zurückgelegt haben. Was viele nicht wissen: Ursprung dieser Grenze ist keineswegs medizinische Forschung, sondern eine mehr als 50 Jahre alte Werbung.

1964 nutzte die Firma Yamasa den Hype um die Olympischen Spiele in Japan und brachte den ersten transportablen Schrittzähler auf den Markt, den "Manpo-kei", was übersetzt so viel heißt wie: der 10.000-Schritt-Zähler. Diese Anzahl der Schritte sei gesund und Ausdruck eines gesunden Lebensstils, argumentierte der Hersteller. Wissenschaftliche Studien brauchte er für die Einschätzung offenbar nicht.

Über die Jahre setzte sich die willkürlich gesetzte Grenze trotzdem durch, selbst bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Woher die Empfehlung ursprünglich kam, geriet in Vergessenheit. Studien aus den vergangenen Jahren zweifeln jedoch zunehmend an der vermeintlich magischen Fitnessmarke. Demnach könnten weniger Schritte pro Tag ausreichen, um einen vergleichbaren Effekt auf die Gesundheit zu erzielen.

7500 Schritte könnten auch reichen

Ende Mai erschien im Fachblatt "Jama Internal Medicine" eine Studie, die die tägliche Schrittzahl mit dem Sterberisiko verglich. 16.000 ältere Frauen aus den USA nahmen an der Untersuchung der Harvard Medical School teil. Das Durchschnittsalter lag bei 72 Jahren.

Das Ergebnis: Frauen, die pro Tag mindestens 4400 Schritte gemacht hatten, hatten nach vier Jahren ein geringeres Risiko zu sterben als weniger aktive Studienteilnehmerinnen, die nur 2700 Schritte zurückgelegt hatten. Der statistische Vorteil steigerte sich bis zu einer Grenze von 7500 Schritten pro Tag. Alles darüber hinaus machte keinen Unterschied bei der Lebenserwartung.

Demnach könnten Fitnessarmbänder auch schon bei 7500 Schritte pro Tag gratulieren. Allerdings birgt die Studie Unsicherheiten: Unklar ist beispielsweise, ob sich Frauen weniger bewegten, weil sie bereits krank waren. In der Studie hatten zwar alle Teilnehmerinnen angegeben, fit genug für einen Spaziergang zu sein, aber nicht, wie weit sie laufen können.

Auch andere Untersuchungen weisen darauf hin, dass zwischen 6000 und 8000 Schritte pro Tag reichen können, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zu senken. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 entsprechen 7500 Schritte pro Tag einer halben Stunde moderater Bewegung, die Erwachsene mindestens einhalten sollten. Andere Untersuchungen dagegen bewerten selbst die 10.000-Schritt-Regel als zu niedrig. Demnach wirken sich 15.000 bis 18.000 Schritte pro Tag langfristig besonders günstig auf die Gesundheit aus.

Noch streiten Forscher also darüber, welche Schrittzahl die beste ist. Sie ist allerdings ohnehin wenig aussagekräftig, weil die Anzahl der Schritte allein nichts über die Intensität der Bewegung aussagt. Eine halbe Stunde Joggen hat beispielsweise einen anderen Effekt als ein langer Spaziergang, auch wenn beide Aktivitäten dieselbe Schrittzahl ergeben.

Zudem ist die motivierende Wirkung von Schrittzählern umstritten. In einer Studie aus dem Jahr 2016 legten übergewichtige Probanden mit Fitnessarmbändern nach sechs Wochen etwa 970 Schritte pro Tag mehr zurück als Teilnehmer ohne. Doch längst nicht alle verloren durch den Fitnesstracker auch an Gewicht. Einige nahmen sogar deutlich weniger ab als Testpersonen in der Vergleichsgruppe.

Die Forscher präsentierten zwei mögliche Erklärungen: Die Teilnehmer bekamen den Eindruck, besonders aktiv gewesen zu sein und belohnten sich dafür mit Essen. Oder der Fitnesstracker wirkte demotivierend, weil Trainingsziele zu oft verfehlt wurden.

Zusammengefasst: Das weitverbreitete Fitnessziel, jeden Tag 10.000 Schritte zu machen, basiert nicht auf wissenschaftlichen Studien, sondern auf einer jahrzehntealten Werbung. Neuere Analysen weisen darauf hin, dass schon 6000 bis 8000 Schritte am Tag die Gesundheit ähnlich fördern.

koe

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
senapis 29.07.2019
1. 10000 Schritte
oder nur 7500 oder doch 12000? Ist doch egal! Als Pi x Daumenregel bestens geeignet. Hauptsache Bewegung!
Wolfgang.Schumacher 29.07.2019
2. 7500 Schritte in einer halben Stunde?
Sie schreiben: "laut einer Studie aus dem Jahre 2011 entsprechen 7500 Schritte pro Tag einer halben Stunde moderater Bewegung." Tatsächlich ist in dieser Studie nachzulesen, dass eine halbe Stunde gehen 3000 Schritte entsprechen. Zitat: "100 steps/min represents a reasonable floor value. Multiplying this cadence by 30 minutes produces a minimum of 3000 steps."
jus365 29.07.2019
3. Und wie immer.....
....wissen die Weisskittel es nicht sondern raten munter drauf los! Wann wird die Medizin endlich zu einer ernsthaften Wissenschaft anstatt einem Bündel von vagen Vermutungen basierend auf windigen Studien und Statistiken????
Berufsschullehrer 29.07.2019
4. Genau!
Zitat von senapisoder nur 7500 oder doch 12000? Ist doch egal! Als Pi x Daumenregel bestens geeignet. Hauptsache Bewegung!
Eben! Ich gestehe, dass ich mir zu Weihnachten auch so ein schickes Fitness-Armband zugelegt habe (bzw. habe schenken lassen). Eine neue Uhr hätte ich eh gebraucht, also warum nicht? Beim Hersteller meines Armbands kann ich online oder in der zugehörigen App auswählen, ob ich eine hauptsächliche sitzende Tätigkeit, eine Tätigkeit mit gewissen Bewegungsanteil oder eine körperlich fordernde Tätigkeit ausübe. Entsprechend wird mein Tagesziel angepasst. Mein Mann mit Bürojob läuft deutlich weniger als ich als Lehrerin. Wir beide dafür offensichtlich weniger als meine Cousine, die Krankenschwester auf einer Intensivstation ist. Die schafft ihre 10.000 Schritte schon locker vor der ersten Kaffee-Pause. Ich brauche schon bis zur 7. oder 8. Stunde. Und mein Mann schafft 10.000 Schritte nur an Tagen, an denen er zum Sport geht. Für meinen Mann ist das Ziel erreicht, wenn er am Tag 5.000 Schritte geht. Mein Tagesziel liegt bei 7.500. Für mich war der Fitness-Tracker ein echter Zugewinn. Im Arbeitsalltag bewege ich mich offensichtlich mehr, als mir klar ist war. Es zeigt mir, dass ich neben den Wegen zwischen den Klassenräumen auch in den Stunden "unterwegs" bin, also nicht nur vorne vor der Tafel stehe, sondern mich im Klassenraum bewege. Und es zeigt mir auch, wie faul ich außerhalb der Arbeit offensichtlich bin. Jetzt in den Sommerferien komme ich teilweise nicht einmal auf 5.000 Schritte. Das kann ich dann aber zum Glück auch nicht so stehen lassen. Mich spornt es an, mich dann doch besser zum Sport oder zum Spaziergang zu bewegen oder den Einkauf besser mit dem Fahrrad als mit dem Auto zu erledigen. Tatsache ist doch: Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung! Wichtig ist doch, dass man eine Bewegungsform findet, die einem Spaß macht. Für die einen ist es Joggen, für die anderen Fußball und dür den nächsten Schwimmen. Und für manche ist es der erste Erfolg, auf der Arbeit in den 2. Stock nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppen zu nehmen. In "kleinen Schritten" sozusagen.
Hinrich7 30.07.2019
5. Was bedeuten z.B. 6000 Schritte?
in einer Wohnung hin- und hergehen, Treppauf, Treppab, oder in der Stadt 3000 Schritte shopen gehen, im Wald 500 Schritte gehen? Bei einer Schrittlänge von ca. 60 cm sollten 10000 Schritte also 6 km bedeuten. Wann geht der Durchschnitt 6km am Stück? Wie jus365 anmerkt sei Medizin keine Wissenschaft, Erfahrungswissenschaft aber wohl - sie dürfte also lernfähig sein.
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