Gefahr durch Mikrowellen "Im schlimmsten Fall kommt es zu Verbrennungen"

Mikrowellen erwärmen Essen und Kirschkernkissen mit hochfrequenter Strahlung. Wie gefährlich ist das für den Menschen? Biologin Sarah Drießen über Abschirm-Mechanismen und Handytests.
Blick ins Mikrowellengerät: Viele haben Angst vor dem Küchenhelfer

Blick ins Mikrowellengerät: Viele haben Angst vor dem Küchenhelfer

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen fürchten die Strahlung des Mikrowellenherds - zu Recht?

Drießen: Der Mikrowellenofen in der Küche arbeitet mit elektromagnetischer Strahlung der Frequenz von 2,45 Gigahertz, sogenannter hochfrequenter Strahlung. Ein ähnlicher Frequenzbereich wird auch bei Handys verwendet.

SPIEGEL ONLINE: Nun produzieren Mikrowellenöfen erheblich mehr Wärme als Handys - heißt das nicht, dass sie auch dem Menschen gefährlicher werden können?

Drießen: Theoretisch schon, aber die Mikrowelle ist entsprechend abgeschirmt. Durch das Metallgehäuse dringt fast keine Strahlung nach außen, wenn die Tür geschlossen ist - und die Strahlung wird bei einem intakten Gerät nur dann ausgesendet, wenn die Tür geschlossen ist. Eine defekte Mikrowelle kann aber Schaden anrichten. Dichtet die Tür zum Beispiel nicht richtig ab und Menschen schauen während des Garvorgangs durch die Tür, können die Augen geschädigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Wirkung ist eher oberflächlich?

Drießen: Hochfrequente Strahlung, wie sie auch Mikrowellenöfen nutzen, dringt höchstens einige Zentimeter in den Körper ein, und zwar umso weniger weit, je größer die Frequenz ist. Dies liegt daran, dass die Strahlungsenergie dann auf einer kürzeren Strecke im Gewebe absorbiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Spürt man das also auf der Haut, wenn man vor einem defekten Mikrowellenofen steht?

Drießen: Mikrowellenstrahlung von 2,45 Gigahertz kann nur circa sechs Millimeter weit in Muskelgewebe eindringen, in Fett oder Knochen hingegen etwa fünf Zentimeter weit. Sollte man tatsächlich starken Mikrowellen ausgesetzt sein, würde man eine Erwärmung an der Körperoberfläche spüren, im schlimmsten Fall könnte es zu Verbrennungen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Können Mikrowellen die Erbsubstanz schädigen, also krebserregend sein?

Drießen: Solange die Grenzwerte eingehalten werden, geht man nach heutigem Kenntnisstand davon aus, dass Mikrowellen weder die Erbsubstanz schädigen noch Krebs auslösen können.

SPIEGEL ONLINE: Kann man testen, ob ein Mikrowellenofen noch sicher ist, in dem man ein Mobiltelefon hinein legt und dieses anruft?

Drießen: Mikrowellenöfen sind nicht für alle hochfrequenten Felder zu 100 Prozent dicht. Die Tür des Ofens ist mit einem Metallgitter oder einer metallbeschichteten Folie versehen, die optimal die 2,45-Gigahertz-Strahlung des Mikrowellenofens abschirmt. Handys benutzen Frequenzen von 0,9 bis 2 Gigahertz, deshalb gelangt ein Teil der Strahlung durch das Gehäuse. Das klingelnde Handy in der Mikrowelle ist also kein Beweis für einen defekten Mikrowellenofen. Es ist vielmehr ein Anzeichen dafür, wie sensibel die Empfangsantenne des Handys ist.

SPIEGEL ONLINE: Entstehen in der Mikrowelle Schadstoffe in Lebensmitteln oder werden Vitamine stärker zerstört als bei anderen Garverfahren?

Drießen: Lebensmittelszubereitung ist nicht mein Spezialgebiet, aber die Studien zum Thema "Auswirkungen von Mikrowellen auf Lebensmittel", die ich kenne, zeigen keinen Unterschied zu anderen Garverfahren. Natürlich kann man durch zu langes Erhitzen in der Mikrowelle Speisen verbrennen und so Schadstoffe erzeugen oder Vitamine zerstören - genauso, wie man das auch auf dem Elektroherd kann.

Das Interview führte Frederik Jötten